Mehr als eine Milliarde Euro Umsatz

Die Thüringer Kreativwirtschaft zwischen Wertschöpfung und Wirkung

Was haben ein Sofa aus Holzspänen, ein Terazzoboden aus regionalen Reststoffen und eine Boulderwand im Schwarzatal gemeinsam? Hinter all diesen Projekten stehen Kreativschaffende aus Thüringen. Sie entwickeln neue Materialien, gestalten Gebäude und Orte neu, bringen Wissenschaft und Wirtschaft zusammen und schaffen Räume für Begegnung. Der kürzlich veröffentlichte Datenreport des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Landwirtschaft und ländlichen Raum macht darüber hinaus deutlich: Kreativität ist nicht nur ein kultureller, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2023 erzielten die Unternehmen der Thüringer Kultur- und Kreativwirtschaft einen Umsatz von 1,08 Milliarden Euro – ein Plus von 17 Prozent gegenüber 2020. Damit erwirtschaftet die Branche rund 1,3 Prozent des Umsatzes der gesamten Thüringer Wirtschaft. Insgesamt gehören 2.980 Unternehmen mit 14.370 Kernerwerbstätigen zur Kreativwirtschaft. Das entspricht rund 4,6 Prozent aller Thüringer Unternehmen. Doch hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die weit mehr schaffen als wirtschaftliche Wertschöpfung. Kreativschaffende beeinflussen Technologie, Klimaschutz und gesellschaftliche Entwicklungen, geben Impulse für andere Branchen und übersetzen neue Ideen in konkrete Anwendungen. Ein Blick auf zwei Beispiele aus Thüringen zeigt, wie vielfältig diese Wirkung sein kann.

Titelbild: Black ice

Die Bauwende bringt neue Partnerschaften hervor. Kreativ-, Bau- und Immobilienwirtschaft arbeiten immer enger zusammen. Designer entwickeln neue Materialien, Architektinnen suchen Strategien für den Gebäudebestand und Stadtgestaltende sowie Künstler verwandeln Leerstand in Lebensraum.

Der Weimarer Produktdesigner Friedrich Gerlach gehört zu denjenigen, die genau an dieser Schnittstelle arbeiten. Gemeinsam mit seiner Studienkollegin Julia Huhnholz entwickelte er ein Sitzmöbel aus Biozement, der Sand durch Ziegelgranulat ersetzt und auf natürliche Mineralisierungsprozesse setzt. „Wir haben auf natürliche Bioprozesse zurückgegriffen, um Ressourcen zu sparen und alternative Baustoffe zu schaffen“, erklärt Gerlach. Einen Brennofen braucht sein Sitzmöbel nicht.

Doch damit endet die Entwicklung nicht. Gemeinsam mit einem Spezialisten für Additive Fertigung aus der Nähe von Regensburg sowie weiteren Designerinnen und Designern arbeitete Gerlach zuletzt an einem Sofa aus Holzspänen, das mit einem der weltweit schnellsten 3D-Drucker gefertigt wurde. Ohne Materialverlust und dank eines mineralischen Binders lässt sich das Material vollständig in den natürlichen Kreislauf zurückführen.

Seine Projekte zeigen beispielhaft, wie Kreativschaffende wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Labor in konkrete Anwendungen übersetzen. Die Ergebnisse präsentierte das Team auf Messen, gewann Preise und teilte das Wissen in Vorträgen. Nun liegt es an Unternehmen, die aufgezeigten Potenziale aufzugreifen und weiterzuentwickeln. „Wir haben Ideen aus der Wissenschaft aufgespürt, sie weiterentwickelt und zugänglicher gemacht – jetzt braucht es mutige Leute, die mitziehen.“

Die Wirkung der Kreativwirtschaft endet nicht an den Stadtgrenzen. Gerade im ländlichen Raum entstehen Projekte, die Leerstand nicht als Problem, sondern als Chance begreifen. Kreativschaffende sanieren Gebäude, schaffen Arbeitsräume sowie touristische und kulturelle Angebote und denken Begegnung, Bildung und Gemeinschaft von Anfang an mit.

Ein Beispiel dafür ist das Haus Bräutigam in Schwarzburg. Seit 2018 entwickelt eine in Weimar gestartete Initiative das leerstehende Sommerfrischehaus zu einem offenen Experimentierraum für Bau- und Begegnungskultur. Architektinnen, Designer, Regionalplanende und Denkmalpflegende bringen ihre Expertise ein und öffnen den Entwicklungsprozess bewusst nach außen: Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten zeitweise im Gebäude, bei Formaten wie der „Offenen Baustelle“ wird gemeinsam gebaut, gelernt und diskutiert.

Auch beim Material zeigt das Projekt, wie nachhaltiges Bauen aussehen kann. Im Terazzoboden finden sich unter anderem Saalburger Marmor, Porzellanreste der Porzellanmanufaktur Kahla, alte Schieferplatten, Ziegelstaub und sogar Sektflaschen aus einem Weimarer Studierendencafé wieder. Gefertigt wurde der Boden gemeinsam mit Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar unter Anleitung eines professionellen Terrazziere aus Regensburg.

Die Initiative wirkt jedoch weit über das Gebäude hinaus. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aus Schwarzburg entstand beispielsweise eine Boulderwand für den Ort. „Der jungen Generation die Hand zu reichen, liegt uns besonders am Herzen. An Projekten zusammenzuarbeiten fördert Offenheit, den Blick über den Tellerrand und schärft das Bewusstsein dafür, dass man Gestaltungsmacht hat – sei es bezogen auf das eigene Umfeld oder die Gesellschaft“, sagt Maria Gottweiss, Grafikdesignerin aus Weimar und Mitglied im Verein Haus Bräutigam.

Die Beispiele zeigen, was die aktuellen Wirtschaftszahlen allein nicht erzählen können. Die Thüringer Kreativwirtschaft entwickelt Produkte, Prozesse und Ideen, die weit über die eigene Branche hinaus wirken. Sie verbindet Wissenschaft mit Wirtschaft, gestaltet den Wandel im Bauwesen mit, schafft neue Perspektiven für den ländlichen Raum und macht Veränderung sichtbar.

Die Zukunft entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Kreativschaffende stellen die richtigen Fragen, verbinden Menschen, Disziplinen und Wissen und machen Veränderung sicht- und erlebbar. Genau darin liegt der Wert der Branche – weit über Umsätze und Kennzahlen hinaus.

THAK-Tipp: Zukunft des Bauens live erleben

Wer erleben möchte, wie Kreativschaffende die Bauwende mitgestalten, sollte sich den 2. September 2026 vormerken. Gemeinsam mit dem NEWbauhaus Festival bringen wir fünf „Neue Player auf der Baustelle“ aus Thüringen auf die Bühne. In 180-Sekunden-Blitzlichtern und einer anschließenden Living Library zeigen sie, wie Materialforschung, Design, Architektur und digitale Technologien neue Wege für das Bauen eröffnen – von Biozement über Leerstandsentwicklung bis hin zu Projection Mapping und zirkulären Materialien. Im Materialstudio macht Produktdesigner Friedrich Gerlach außerdem erlebbar, wie aus Forschung konkrete Produkte entstehen.

Wir vergeben kurzfristig noch eine limitierte Anzahl kostenfreier Festivaltickets an Kreativschaffende. Wer dabei sein möchte, kann sich jetzt bei uns melden und Teil des Festivals werden.

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