Zukunftsweisendes Design trifft auf Mikrobiologie

Ein Interview mit dem Designer Friedrich Gerlach

Die Designer:innen Julia Huhnholz und Friedrich Gerlach haben in einem zukunftsweisenden Designprojekt Biozement selbst produziert und daraus ein Sitzmöbel hergestellt. Für dieses klimafreundliche Herstellungsverfahren im Bereich Produktdesign wurden die Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar dieses Jahr unter anderem in Mailand mit dem Award Best-of-Best des Newcomer Wettbewerbs one&twenty des Rates für Formgebung ausgezeichnet. Friedrich Gerlach, der aktuell sein Studium an der Burg Giebichenstein in Halle im Bereich Design fortführt, stellte uns das Projekt im Interview vor und bewies wieder einmal, wie wichtig die Perspektive junger Designer:innen für eine nachhaltige Zukunft ist.

Fotos: Friedrich Gerlach und Julia Huhnholz

„Wir sind schon 2019 auf das Material gestoßen und wollten weiter erforschen, welche Potenziale darin stecken”, erklärt uns Friedrich Gerlach im Interview. Im Zuge seiner Bachelorarbeit hat er zusammen mit seiner Studienkollegin Julia Huhnholz zum Thema “The Essence of Biocement” an der Bauhaus-Universität Weimar geforscht. Hierbei entwickelten sie ein Verfahren, das mit Hilfe von Bakterien und Ziegelgranulat eine Zementart möglich macht, die innovativ und recycelbar ist. Die Jungdesigner:innen möchten mit ihrem Projekt ein natürliches Herstellungsverfahren zeigen, welches die Forschung vorantreibt und die Gesellschaft für zukunftsweisende Material-Alternativen sensibilisiert. 

Möglichkeitsräume für eine nachhaltige Zukunft

“Designer:innen haben eine große Verantwortung. Wir entwerfen nicht nur fertige Produkte, sondern entscheiden bereits im Gestaltungsprozess vieles mit: Sollen die Dinge, die ich erschaffe, langlebig oder kurzlebig sein, welche Materialien verwende ich, sind sie überhaupt notwendig und wieder zurückführbar in die Natur? Diese Aspekte werden in Anbetracht der Klimakrise immer relevanter und vor allem alternativloser. Derartige Veränderungen kommen aber nicht von alleine. Wir müssen vor allem aufklären und zeigen, was alles mit vorhandenen Mitteln möglich ist. Daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, mit nachhaltigen Materialien zu experimentieren und formbare Werkstoffe zu erschließen, deren Potenziale wir anhand von exemplarischen Designobjekten sichtbar machen. Unser Ziel ist es, dadurch wertvolles Wissen zu vermitteln und Möglichkeitsräume für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen.“

The Essence of Biocement // Julia Huhnholz / Friedrich Gerlach.

Die unglaubliche Kraft natürlicher Ressourcen

Bedient haben sich die beiden Designer:innen dabei aus einem Millionen Jahre alten Erfahrungsschatz. Und zwar dem der Natur: “Wir haben ein Material genutzt, das sich, genau wie im natürlichen Kreislauf, selbst produziert. Hierbei verwendeten wir Bakterien, die wir in einer von uns entwickelten Brutkammer gezüchtet haben, sowie granulierte Ziegel, die auf dem Campus der Universität nicht mehr gebraucht wurden. Um die einzelnen Ziegelgranulate zu verbinden nutzten wir die Bakterien und hauptsächlich Harnstoff und Calciumchlorid. Alles zusammen gaben wir in eine 3D-gedruckte Form in welcher die Bakterien jede zwei Stunden wieder gefüttert wurden, sodass der Zement nach wenigen Tagen aushärtete – und das sehr stabil. 

Nur, dass unser Biozement keine immensen Schäden für das Klima mit sich bringt und keine großen Mengen an Hitze und Energie zur Herstellung benötigt. Auch die Bakterien wachsen bereits sehr gut bei unter 30 Grad Celsius”, beschreibt der Designer den Versuchsablauf. Der gesamte Prozess fokussiere sich dabei darauf, zu verwenden, was bereits vorhanden ist: “Es gibt so viele natürliche Ressourcen auf der Welt, die bis dato als reines Abfallprodukt gelten. Menschlicher Urin kann zum Beispiel als Harnstoffersatz verwendet werden.”

Cross Innovation als Zukunftsmodell für Innovationen

Bedarf es nicht jahrelanger Forschung, um das Verhalten der Bakterien in Verbindung mit anderen Stoffen zu verstehen? “Wir hatten bis dato tatsächlich wenige Erfahrungen in der Mikrobiologie. Diese Wissenslücken konnten wir aber zum Glück schnell schließen. In Südafrika gibt es Expert:innen, die sich schon seit mehreren Jahren mit der Herstellung von Biozement mithilfe von menschlichem Urin auseinandersetzen, mit denen wir zusammengearbeitet haben. An dem Beispiel wird auch wieder deutlich, wie elementar internationaler Austausch in Hinblick auf das Entwickeln nachhaltiger Lösungen ist. Die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen mittels Cross Innovation bildet die Grundlage für zukünftige Innovationen.” 

Ein Symbolstuhl geht auf Reisen

Die eindrucksvolle Formensprache des Stuhls ist bewusst gewählt: “Der Stuhl gilt als ein Archetyp des Designs, an dem man weitaus mehr als nur schöne Formen zeigen kann. Er passt sich der Zeit und den Menschen an und muss als Sitzmöbel auch einiges aushalten können. An ihm können wir unsere Botschaft und das Potenzial des Biozements am besten begreiflich machen.” Dass der Stuhl einiges aushalten kann, beweist allein sein Gewicht: knapp 70 Kilo wiegt das Designobjekt. “Es war schon herausfordernd, den Stuhl nach Mailand zu unserer Nominierung für den Newcomer Wettbewerb one&twenty zu transportieren”, schmunzelt Friedrich Gerlach. “Aber es hat am Ende alles gut geklappt. Außerdem soll der Stuhl von so vielen Menschen wie möglich auf der Welt gesehen und erlebt werden können und in verschiedenen Ausstellungen zu sehen sein. Neulich war er zum Beispiel in Eindhoven in den Niederlanden auf der Designmesse ausgestellt.”

“Nachhaltiges Handeln und Gestalten bedeutet das Anbieten besserer Alternativen”

Aktuell experimentiert Friedrich Gerlach im Biolab der Designfakultät in Halle wieder an neuen Materialien, welche mit Hilfe von Bakterien hergestellt werden und zukünftig vielleicht auf Basis von Zellulose ein Lederersatzprodukt sein können. Bis dahin möchte er von Thüringen aus – sein Atelier hat der junge Designer noch in Weimar und in Erfurt – sein Statement in die Welt senden: “Nachhaltiges Handeln und Gestalten hat meiner Meinung nach nicht nur mit Verboten zu tun, sondern mit dem Anbieten besserer Alternativen.”

Du möchtest noch mehr über das Projekt erfahren? Im digitalen Format #kreativgelöst: Nachhaltige Lösungen aus der Kreativwirtschaft konnten sich die Teilnehmenden am 09.05.2023 von fünf kreativen Lösungen für mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen inspirieren lassen. Friedrich Gerlach hielt dort einen Impuls zu seinem Projekt, das für Interessierte zum Nachschauen auf unserem YouTube-Kanal zur Verfügung steht. Viel Spaß beim Ansehen!

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