Beratung als Dienstleistung

Kreativwirtschaft im Gespräch

Kreative sind weit mehr als diejenigen, die etwas nur “schön machen” – sie sind strategische Komplizen und Komplizinnen erfolgreicher Projekte. Als innovativ denkende Problemlösende bringen sie neue Perspektiven ein und verfügen damit über wichtige Beratungskompetenzen. Denn wenn alte Denkmodelle an Grenzen stoßen, braucht es mehr als Wissen, es braucht Vorstellungskraft – ein Steckenpferd von Kreativschaffenden. Beratung bietet Kreativen somit eine zusätzliche Einnahmequelle, stärkt ihre Unabhängigkeit und ermöglicht langfristige Beziehungen zur Kundschaft. Bei einem digitalen Panel-Talk sprachen wir mit drei Thüringer Kreativschaffenden, einem Experten für geförderte Beratung und der Geschäftsführerin der Allianz Deutscher Designer. Sie erklärten, wie man sich erfolgreich als Berater oder Beraterin aufstellt, welche ersten Schritte notwendig sind, welche innere Haltung es braucht und wie Beratungen finanziell gefördert werden. 

Kreative können mehr als „schön“ – sie denken strategisch, empathisch und visionär. Als Beratende bringen sie neue Perspektiven in Prozesse, schaffen Mehrwert und machen sich unabhängiger vom klassischen Projektgeschäft, Foto: Josué Soto.

Nadine Reinhold ist die Frontfrau von LIEBSCHER, einer Marketing-Agentur in dritter Generation. Sie ist Expertin für Marketing, Brandbuilding und digitale Strategien und betreut vor allem B2B-Kunden aus dem Mittelstand. Ihr Business steht auf zwei Füßen: dem klassischen Marketing zum einen und als systemische Coachin zum anderen. Nach der Umstellung ihres Geschäftsmodells ist sie mittlerweile hauptsächlich im Beratungsgeschäft tätig.

Enrico Bock ist UX/UI Designer, Digitalcoach und Geschäftsführer der Sichtweise GmbH & Co. KG in Eisenach. Er hilft Unternehmen dabei, sich gezielt digital weiterzuentwickeln. Als zertifizierter Beratungspartner der RKW Thüringen GmbH profitiert seine Kundschaft von verschiedenen Förderprogrammen mit bis zu 50% staatlicher Förderung auf die Beratungsprojekte. Enricos Motto: I play digital.  

Sebastian Stolz gründete vor circa zehn Jahren die Kreativagentur filmwild. Bei ihm geht es um weit mehr als reine Filmproduktion: Sebastian vereint audiovisuelle Unternehmenskommunikation und -fotografie mit geförderten Beratungen in den Bereichen (Personal-)Marketing sowie Innovations- und Unternehmenskultur durch individuelle Trainings, Workshops und künstlerische Interventionen.

Victoria Ringleb ist seit 2010 Geschäftsführerin der Allianz deutscher Designer (AGD). In dieser Rolle beschäftigt sie sich auch mit der (Weiter-)Entwicklung von Geschäftsmodellen und weiß, was es bei der Preisgestaltung und den rechtlichen Rahmenbedingungen für Gestaltende zu beachten gilt. 

André Pesch begleitet seit über 12 Jahren kleine und mittlere Unternehmen in Thüringen bei unternehmerischen Entscheidungen. Zudem unterstützt er als Leiter der Unternehmensberatung der RKW Thüringen GmbH Kreativschaffende und Unternehmen bei der Akkreditierung als zertifizierte Beraterinnen und Berater. Darüber hinaus steht er ihnen als Sparringspartner bei der Beantragung und Durchführung von geförderten Beratungen zur Seite.

Vom Gestalten zum Beraten

Noch vor wenigen Jahren bestand der Alltag vieler Kreativschaffender aus konkreten Gestaltungsaufträgen für beispielsweise Logos, Websites oder Flyer. Heute ist klar: Gestaltung ist nur ein Baustein umfassender Strategieprozesse. Die Beratung, die diesen Prozessen vorausgeht oder sie begleitet, ist oft der eigentliche Mehrwert, den die Zusammenarbeit mit Kreativen bietet. Enrico Bock, der über 20 Jahre als klassischer Agenturinhaber tätig war, beschreibt die Entwicklung deutlich: Früher habe man einfach zwei Designvorschläge abgegeben, heute beginne die Arbeit viel früher. Zielgruppen definieren, Markenbotschaften schärfen, Vertriebsziele erarbeiten – all das passiert heute zu Beginn des kreativen Prozesses.
Diese strategische Tiefe führte bei ihm letztlich zur Umstellung seines Geschäftsmodells: weg vom Agenturteam, hin zur selbständigen Tätigkeit mit Fokus auf Consulting und digitales Performance-Marketing.

“Wir haben schnell gemerkt, dass in jedem kreativen Prozess viel Strategie und Beratung steckt“ – Enrico Bock

Beratung als Haltung – nicht nur als Leistung

Nadine Reinhold hat in der Vergangenheit teils teures Lehrgeld bezahlt, etwa, wenn sie vor einer Auftragserteilung schon zahlreiche Gespräche geführt hat und es dann nicht zu einer Zusammenarbeit kam. Inzwischen fließt diese Beratungsleistung in einen Workshop ein, der fester Bestandteil ihrer Angebote ist. Ohne Workshop kein Auftrag. Victoria Ringleb beobachtet ebenfalls, dass Beratung längst fester Bestandteil kreativer Arbeit ist, auch wenn sie nicht immer so genannt wird. Sie beschreibt das als Wechselspiel zwischen zuhören, spiegeln und Impulse geben.

Victoria sieht die Aufgabe von Kreativschaffenden zunehmend darin, Kundinnen und Kunden durch kuratierte Prozesse zu begleiten, gerade, wenn durch Tools wie Midjourney oder Canva bereits erste Entwürfe vorliegen. Statt rein gestalterisch tätig zu sein, geht es heute darum, in Vorhandenem das Sinnvolle zu erkennen, weiterzuentwickeln und Entscheidungen strategisch zu fundieren.

“Beratung ist immer ein Wechselspiel aus zuhören und reden“ – Victoria Ringleb

Flexibilität wird zur Stärke

Diese Entwicklung kann Nadine bestätigen. Das Geschäftsmodell ihrer Agentur hat sie mehrmals umgestellt – vom klassischen Marketing über Social Selling auf LinkedIn bis hin zu ihrer Arbeit als systemische Coachin. Heute steht ihr Geschäftsmodell auf zwei Säulen: strategisches Marketing-Consulting und begleitendes Coaching – angepasst an die individuellen Bedürfnisse ihrer Kunden und Kundinnen.

Diese hybride Rolle erlaubt es ihr, flexibel zu agieren und neue Arbeitsmodelle zu entwickeln, etwa Workshops als Einstiegspunkte in ihre Beratung.
Dabei ist für sie klar: Kundschaftzentrierung, Transparenz (etwa auf LinkedIn) und ein klarer Beratungsprozess mit messbaren Zwischenergebnissen sind essenziell, gerade um langfristige Beziehungen aufzubauen.

“Ich habe mein Businessmodell bestimmt zehnmal angepasst – das ist heute normal“ – Nadine Reinhold

Vom Film zur Strategie: Beratung ist überall

Sebastian Stolz, ursprünglich aus dem Theaterbereich kommend, weiß aus eigener Erfahrung, dass auch in Medienprojekten der Beratungsanteil enorm sein kann. So etwa, wenn er mit Unternehmen partizipative Unternehmensfilme entwickelt. In gemeinsamen Workshops wird der Film geplant und zugleich die Unternehmenskultur sichtbar gemacht.

Anfangs sei das Beratungselement nicht als eigenständige Leistung benannt worden, sagt er. Heute gehört es zum Kern seiner Leistung.
Sebastian betont zudem, dass sich Beziehungen zur Kundschaft durch die neue Beratungsrolle spürbar verändert haben: Sie werden intensiver, persönlicher und auf Augenhöhe geführt, oft als langfristige Zusammenarbeit statt projektbasiert.

“Für mich war Beratung immer Teil der Leistung, nur dass sie nie separat ausgewiesen war“ – Sebastian Stolz

Foto: Christopher Schmid

Foto: RKW Thüringen GmbH

Beratung richtig bepreisen: Klar, getrennt und ergebnisorientiert

Bei der Preisgestaltung von Beratungsleistungen empfiehlt Victoria, Beratung als eigenständige Leistung anzubieten, getrennt von der Umsetzung etwaiger Maßnahmen. Gerade zu Beginn eines Projekts ist häufig noch nicht absehbar, welche konkreten Umsetzungsschritte folgen werden. Eine Abrechnung auf Zeitbasis (z. B. mit Stundensätzen) ist zwar marktüblich, bringt jedoch oft Diskussionen mit sich: Warum dauert etwas zehn Stunden? Was passiert in dieser Zeit und rechtfertigt das den Stundensatz? Um dem vorzubeugen, ist es sinnvoller, Beratung ergebnisorientiert anzubieten, etwa mit dem Ziel, einen klaren Plan für die nächsten Schritte zu entwickeln. Dabei sollte bedacht werden, dass ein erheblicher Teil der Beratungszeit nicht direkt fakturierbar ist. In Fällen, in denen die spätere Umsetzung bereits absehbar ist, kann die Beratung anteilig in die konzeptionelle Arbeit integriert werden. Grundsätzlich ist es jedoch ratsam, Beratung ausdrücklich als separate Leistung auszuweisen. Der marktübliche Preis für professionelle Beratung liegt derzeit zwischen 100 und 120 Euro pro Stunde.

“Geförderte Beratung ermöglicht es, kreative Leistungen breiter aufzustellen“ – André Pesch

Förderprogramme als Sprungbrett

In Thüringen können kleine und mittlere Unternehmen (KMU) staatlich geförderte Beratungen mit bis zu 50% Zuschuss in Anspruch nehmen. Für Kreative ist das eine Chance, ihre Beratungsleistungen als eigenständiges Angebot wirtschaftlich tragfähig zu positionieren, unabhängig von der späteren Umsetzung. Neben klassischer Strategieberatung wie Positionierung, Zielmärkte oder Zielgruppenanalyse sind auch konzeptionelle Leistungen, die im Vorfeld einer Umsetzung stehen, förderfähig. Hierunter zählen etwa die Entwicklung eines Logos und Beratungen rund um User Experience, Webgestaltung oder Produktdesign.

Um den Zugang zu den Förderungen möglichst einfach zu gestalten, bieten Qualitätssicherer wie die RKW Thüringen GmbH oder Ellipsis Thüringen einen umfassenden Förderservice an. Von der ersten Projektklärung über den vollständig vorbereiteten Förderantrag bis hin zur Abrechnung begleiten André Pesch, seine Kolleginnen und Kollegen die Beratenden durch den gesamten Prozess. Sie unterstützen zudem Kreativschaffende auf dem Weg zur eigenen Akkreditierung bei der RKW Thüringen GmbH, welche unkompliziert und kostenfrei ist. Geförderte Beratungen werden in Thüringen auf Tagesbasis abgerechnet. Der aktuelle Tagessatz beginnt bei rund 700 Euro und kann bis zu 1.100 Euro betragen. Kreative können auch selbst geförderte Beratungen in Anspruch nehmen.

Besonderheit Künstlersozialkasse (KSK)

Ein zentraler Aspekt, den es insbesondere bei kreativen oder publizistischen Tätigkeiten zu beachten gilt, ist die Künstlersozialkasse. Viele selbstständige Beratende oder auch Auftraggebende sind unsicher, ob eine Melde- bzw. Abgabepflicht besteht. Victoria rät, sich hier zum Beispiel von der AGD beraten zu lassen. Im Gespräch können die Kriterien und Pflichten im Zusammenhang mit der KSK geklärt werden und auch, ob die eigene Tätigkeit oder die eines beauftragten Dritten in den Anwendungsbereich der KSK fällt und somit beitragspflichtig ist. Bei der Abrechnung von Honoraren sollte zudem geprüft werden, ob eine KSK-Abgabe anfällt, beispielsweise bei künstlerischen Leistungen. 

Beratung ist kein Trend – sie ist Zukunft

Kreativschaffende, die sich als strategische Beraterinnen oder Berater positionieren, stärken ihre wirtschaftliche Grundlage und gestalten aktiv die Zukunft von Unternehmen mit. Ob Positionierung, Markenentwicklung, digitale Transformation oder KI-Nutzung: Beratung ist der Hebel für nachhaltige Wirkung und oft der Schlüssel zur unternehmerischen Weiterentwicklung. Wer zuhören kann, strategisch denkt, flexibel agiert und beratend führt, wird als kreative Sparringspartnerin oder kreativer Sparringspartner unverzichtbar, besonders in Zeiten des digitalen und unternehmenskulturellen Wandels.

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