Stadt für Alle

Im Gespräch mit Christiane Werth vom Kollektiv der Stadtverwicklung

Wie kann Stadtentwicklung gemeinwohlorientierter, kreativer und partizipativer werden? Gestalterin Christiane Werth gibt im Interview Einblicke in die Projekte der Stadtverwicklung, die in Weimar mit dem Ziel entstanden sind, neue Prototypen für eine gemeinwohlorientierte Stadtgestaltung zu entwickeln. Geboren aus vielen kreativen Initiativen und wie der Alten Feuerwache in Weimar, hat sich ein lebendiges Netzwerk engagierter Bürgerinnen und Bürger, Architekten und Architektinnen sowie Kreativer gebildet. Die Stadtverwicklung mit Sitz in der Alten Feuerwache versteht sich als Intermediär und ermutigt die Stadtgesellschaft, selbst aktiv zu werden und zeigt mit ihren Beteiligungsformaten, wie aus gemeinschaftlichem Gestalten echte Veränderung entstehen kann.

Christiane Werth von der Stadtverwicklung in Weimar erklärt im Interview, wie gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung gelingen kann, Foto: Dominique Wollniok.

Wie kam das Kollektiv der Stadtverwicklung zustande?

Die Initiative entstand 2021 aus dem gemeinsamen Engagement für ein Pilotprojekt zur Stärkung partizipativer Stadtgestaltung. Ausgangspunkt war die Alte Feuerwache in Weimar als Reallabor, ein zunächst leerstehender Ort, der durch kreative Zwischennutzung und partizipatives planen neues Leben erhielt. Aus dem Zusammenschluss von Ehrenamtlichen und Kulturschaffenden entwickelte sich ein Experimentierraum für Beteiligung, aus dem sich schließlich ein professionelles Konzept formte. Gefördert wurde unser Engagement über zwei Jahre, in denen zahlreiche Formate erprobt und bundesweite Netzwerke geknüpft wurden sowie eine übergeordnete Vision formuliert wurde: die Stadtentwicklung und unser Vorhaben als Grundlage für einen offenen, inklusiven und lernenden Prozess zu verstehen. Heute werden die Angebote von einer Stiftung sowie dem Bundeswirtschaftsministerium unterstützt und das Kollektiv gibt seine Erfahrungen in Form kostenfreier Programme mit dem Ziel weiter, lokale Transformationsprozesse nachhaltig zu stärken.

„Es geht darum zu zeigen, dass Veränderung vor Ort möglich ist. Wir heißen Engagierte und Gründende mit gemeinwohlorientierten Ideen willkommen und unterstützen sie dabei wirksam zu sein.”


Welche Projekte und Programme habt ihr bisher umgesetzt?

Verschiedene Programme, die vor allem auf dem Engagement von zivilgesellschaftlichen Akteuren und Akteurinnen basieren und dabei unterstützen, eigene Orte zu entwickeln und das jenseits klassischer Immobilienmarktlogik. Ein zentrales Format ist das Blended-Learning-Programm, bei dem wir gemeinsam mit lokalen Initiativen erarbeiten, wie sie ihre Projekte aufbauen und gründen wollen. In Orientierungsgesprächen holen wir die Menschen dort ab, wo sie stehen, setzen erste Impulse und lernen ihre Kontexte kennen.

Darüber hinaus bieten wir online und in Weimar Workshops zu Themen wie Visionen entwickeln, Wirkung messen, passende Rechtsformen finden, Finanzierung und Gruppenprozesse an. Unsere Prozesse sind dabei bewusst offen gestaltet, da jedes Projekt andere Voraussetzungen mitbringt.

Unser Ansatz richtet sich besonders an engagierte Menschen, die keine professionellen Projektentwickler oder -entwicklerinnen sind, aber dennoch Räume aktiv gestalten wollen. Als „Verwickelnde“ verstehen wir uns als Brücke zwischen Stadt, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Wir zeigen alternative Wege auf, stärken lokales Engagement und begleiten die Entwicklung von Orten, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren.

Die Alte Feuerwache in Weimar wurde vom Leerstand zum Reallabor: als kreativer Ort für partizipative Stadtgestaltung und Keimzelle der Initiative Stadtverwicklung. Foto: Andreas Bauermeister.

Was bedeutet für dich ganz persönlich „Stadtentwicklung“ und was macht eine lebenswerte Stadt für dich aus? Inwiefern spielen zudem Kreative in eurem täglichen Tun eine Rolle?

Für mich bedeutet Stadtentwicklung, Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht nur wohnen, sondern sich aktiv einbringen und ihre Umgebung mitgestalten können. Eine lebenswerte Stadt ist für mich eine Stadt, die zuhört, sich um Menschen sorgt, die offen für Ideen ist und die Strukturen schafft, in denen sich Engagement entfalten kann – unabhängig von Herkunft, Budget oder professionellem Hintergrund.

Kreativschaffende spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie neue Impulse geben, Bestehendes hinterfragen und Bedürfnisse in neue Angebote übersetzen können. Sie helfen dabei, Visionen sichtbar zu machen und nach außen zu tragen. Ihre Perspektiven fließen in unsere Formate wie Design-Thinking-Prozesse oder Ideenwerkstätten ein, die wir regelmäßig nutzen, um Beteiligung strukturiert und wirksam zu gestalten. Kreative Prozesse sind für uns deshalb kein Beiwerk, sondern ein Motor für partizipative Stadtentwicklung.

“Es braucht starke Stimmen und Rückhalt für zivilgesellschaftliches Engagement, damit Motivation nicht verloren geht, sondern wachsen kann“

Das haben wir beispielsweise beim Zukunftscampus in Weimar West erlebt: Dort haben wir gemeinsam mit der Zivilgesellschaft Projekte identifiziert, eine Jury organisiert und Veranstaltungen umgesetzt, aus denen ganz konkrete Vorhaben entstanden sind – wie ein Lego-Raum in einer Kita mit freien Räumen. Entscheidend war hier nicht nur die Idee, sondern auch die Frage: Wie gelingt echte Kooperation, etwa mit einem Kindergarten oder einer Verwaltung, ohne zu überfordern? Für mich zeigt sich darin, wie Stadtentwicklung auch im Kleinen wirken kann, wenn man genau hinschaut, gut zuhört und gezielt unterstützt.

Was braucht es, damit echte Zusammenarbeit zwischen Stadt, Zivilgesellschaft, Initiativen und Kreativen gelingt?

Verlässliche Strukturen, konkrete Anlaufstellen und einen Raum für Begegnung. Die Alte Feuerwache ist heute ein “dritter Ort“, offen für Ideen, Austausch und gemeinsames Handeln. Mit einem offenem Raum wie der Urbanothek, einem Aktivierungsformat wie dem Zukunftscampus, einem Lern- und Wissensprogramm für gemeinschaftsgetragene Initiativen oder dem verfügbaren Trägerstrukturen schaffen wir Zugänge und begleiten Transformationsprozesse.

Unser Ziel ist es, Menschen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken, sie zu vernetzen und ihnen zu zeigen: Du kannst etwas verändern – direkt vor deiner Haustür. Alles, was daraus entsteht, wird von den Beteiligten selbst weitergetragen. Die Alte Feuerwache ist dafür ein Startpunkt, aber auch Symbol, wie gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung gemeinschaftlich und auf Augenhöhe gelingen kann.

Wenn du einen Wunsch für die Stadt der Zukunft frei hättest: Was müsste sich heute ändern, damit er wahr wird – gerade auch für junge, kreative Menschen in Thüringen?

Dass Orte entstehen, die aktiv gestaltet werden können. Das wir wirtschaftliche Akteure haben, die sich dem Gemeinwohl wieder verpflichtet fühlen und Anstrengungen auf sich nehmen um zukunftsfähig zu sein. Gerade gemeinschaftsgetragene Unternehmen wie Genossenschaften spielen dabei eine wesentliche Rolle und verhandeln Angebote aber auch Arbeitsbedingungen auf Augenhöhe und demokratisch. Besonders wichtig ist, dass junge Menschen in Thüringen eine Perspektive bekommen und sich gesehen und eingeladen fühlen, denn sie sind entscheidend für die Transformation der Region. Wir brauchen Freiräume, die junge Menschen einbinden und ihnen Einfluss auf ihre Stadt ermöglichen, um so dem demografischen Wandel und einer Überalterung entgegenzuwirken und frischen Wind in die Stadt zu bringen.


Kontakt
www.stadtverwicklung.de
E-Mail: info@stadtverwicklung.de

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