Vom Mut, sich irritieren zu lassen

Warum Veränderung im Mittelstand kreativen Besuch braucht

Was passiert, wenn kreative Denk- und Herangehensweisen auf Handwerk und Großhandel aus dem Thüringer Mittelstand treffen? Die Erfurter Informationsdesignerin Claudia Zech begegnete Isabella Cardenas, Geschäftsführerin der Witzki & Grimm GmbH aus Erfurt, 2025 im Cross Lab der THAK, wo beide 3,5 Tage lang gemeinsam am Thema Generationswechsel im Reinigungsunternehmen arbeiteten. Mit Matthias Bergmann von der Bäckerei Bergmann aus Frömmstedt verbindet die Kreative eine längerfristige Zusammenarbeit an freien Visualisierungs- und Designprojekten für die Bäckerei. Wir haben alle drei für ein Gespräch zusammengebracht und die Perspektive bewusst gedreht: nicht wir, sondern Claudia selbst stellte als Kreative die Fragen. So entstand ein Austausch auf Augenhöhe über Reibung, Vertrauen und die Erkenntnis, dass gute Zusammenarbeit oft dort ansetzt, wo Menschen jenseits klassischer Auftragsbeziehungen die Köpfe zusammenstecken.

Claudia Zech: Wenn ihr an die Zusammenarbeit zwischen Kreativwirtschaft und anderen Branchen denkt – was kommt euch da als erstes in den Kopf?

Matthias: Für mich heißt das vor allem: raus aus dem eigenen Unternehmen. Also wirklich Out-of-the-Box denken, den Blickwinkel verändern und eine andere Perspektive einnehmen, andere Dinge hören, durch eine andere Brille auf die eigenen Herausforderungen schauen. Plötzlich kommen Lösungen auf den Tisch, die man so noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Dieser Transfer fasziniert mich total in der Zusammenarbeit mit Kreativschaffenden. Genau da passiert unglaublich viel für mich als Unternehmer.

Isabella: Für mich war die Zusammenarbeit mit Kreativen im Cross Lab 2025 ein echter Zugewinn an Skills, aber auch an Gefühl. Besonders beeindruckt hat mich die Empathie. Dass sich kreative Menschen wie Claudia, aber auch die Medienkünstlerin Franziska Burkhardt, in meine Situation hineindenken konnten, war unglaublich hilfreich für das gemeinsame Arbeiten an der unternehmerischen Herausforderung. Am eindrücklichsten war für mich das Erlernen systemischer und kreativer Methoden. Die spielerische Visualisierung der Unternehmensaufstellung mit Knetfiguren zum Beispiel. Das hätte ich im Alltag niemals gemacht, aber macht sichtbar und greifbar, was man sonst vielleicht gar nicht so klar formulieren könnte. Und genau darin lag der Mehrwert: Als Unternehmerin denke ich oft sehr zahlen- und ergebnisorientiert und plötzlich arbeitet man mit bunten Post-Its und Knete, was erst einmal ungewohnt wirkt, aber einen trotzdem sehr klar zum Ziel führt. Davon profitieren am Ende alle. 

Claudia: Klar, man hätte auch einfach eine Excel-Tabelle erstellen können, doch visuell erschließt es sich oft aus einer neuen Perspektive und macht Lösungen schneller verständlich. Bei den Knetfiguren wurde mir das selbst mal wieder so richtig bewusst.

Isabella: Ja, weil es Dinge offenlegt, die sonst unausgesprochen geblieben wären und weil wir das gemeinsam gemacht haben. Gerade in der Kombination mit euch Kreativen und der Moderation kommt eine andere fachliche Perspektive dazu, die nicht nur fragt: Wie ist der Prozess?, sondern auch: Wer sind eigentlich die Menschen dahinter und wie hängen sie zusammen? Dadurch verlässt man die eigenen, oft sehr eingeschränkten Denkmuster und verändert seinen Blick.

Claudia: Und manchmal probiert man Dinge aus, die einfach nicht aufgehen. Das fühlt sich im ersten Augenblick vielleicht nach Umweg an – aber im Rückblick ist genau dieses Scheitern oft genauso wichtig wie das, was am Ende funktioniert. Isabella, war das für dich das erste Mal, dass du so mit Kreativen zusammengearbeitet hast?

Isabella: Nein, nicht ganz. Ich hatte vorher schon mit Kreativen aus dem Marketingbereich zu tun, zum Beispiel beim Aufbau unserer Website. Das war oft zäh, teilweise anstrengend und nicht unbedingt auf Augenhöhe. Im Cross Lab war das komplett anders. Durch das Setting und die gemeinsame Zielstellung ist ein viel tieferer Austausch entstanden, mit echter Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen und ergebnisoffen zu arbeiten. Das kannte ich so vorher nicht. Insofern: ein großes Lob an das Cross Lab!

Claudia: Bei klassischen Gestaltungsaufträgen geht es ja eher um eine konkrete Umsetzung und weniger um systemische Veränderung. Matthias und ich arbeiten auch schon lange zusammen, aber eher konzeptionell und strategisch.

Matthias: Ja, absolut. Und ich verstehe total, was Isabella meint. Es gibt da wirklich Unterschiede. Mit dir, Claudia, habe ich großes Glück als Sparringspartnerin. Und durch das Cross Lab, an dem ich 2023 mit meiner Herausforderung im Bereich Nachhaltigkeit teilgenommen habe, habe ich überhaupt erst verstanden, wie diese Art der Zusammenarbeit funktionieren kann: systemisch, strategisch und wirklich kreativ.

Am Ende ist es immer eine gemeinsame Reise. Man muss bereit dazu sein, ergebnisoffen zusammenzuarbeiten. Und man muss sich verstehen. Sprachlich, inhaltlich, menschlich. Wenn das nicht funktioniert, wird es schwierig. Deshalb ist das Kennenlernen so wichtig. Ich weiß inzwischen, wofür du, Claudia, brennst und was du gut umsetzt. Das macht einen großen Unterschied.

Claudia: Du hattest am Anfang unserer Zusammenarbeit eine sehr konkrete Vorstellung, während ich erst einmal mehr über euch und euer Unternehmen verstehen wollte. Genau da liegt für mich oft der Unterschied: ob man bereit ist, sich wirklich füreinander zu interessieren.

Matthias: Total. Gerade wenn man in größeren Zeiträumen denkt – sagen wir fünf Jahre – dann ist Vertrauen die absolute Grundlage. Vertrauen in den Weg, aber auch Zutrauen in die Fähigkeiten der anderen Person. Wir arbeiten ja letztlich miteinander und füreinander. Natürlich bleibt da auch eine Spannung: Als Unternehmen bezahle ich eine Leistung und habe eine Erwartung. Gleichzeitig muss ich offen genug sein, das Ergebnis erst einmal entstehen zu lassen. Diese Balance hinzubekommen, ist, glaube ich, der Schlüssel für eine gute Zusammenarbeit.

Claudia: Das bringt sicher Spannungen mit sich, oder? Zwischen dem, was sich lange bewährt hat, und dem, was sich verändern soll.  

Matthias: Veränderung braucht Zeit, ist auch manchmal anstrengend, aber zahlt sich oft erst später aus. Das haben wir bei der Einführung unserer Mehrwegbecher erlebt. Heute funktioniert das System und bringt sogar wirtschaftliche Vorteile, weil die Leute bewusst wiederkommen. Solche Entwicklungen kann man nicht planen. Für mich heißt das: Geduld haben, Dinge ausprobieren und dranbleiben, auch wenn es zwischendurch schwierig wird. Genau in diesem Spannungsfeld entsteht am Ende Veränderung. 

Claudia: Isabella, ich habe dich im Prozess oft als sehr klar und strukturiert erlebt. Gab es einen Moment, in dem du bewusst diese Kontrolle losgelassen hast? Und was hat es mit dir gemacht, in einem so offenen Prozess zu arbeiten?

Isabella: Ich gehöre zu den Menschen, die Kontrolle gut abgeben können und ich hatte das Zutrauen, dass mich der Input, den ich im Cross Lab bekomme, in jedem Fall weiterbringen wird. Aber natürlich gab es auch Momente, in denen ich kurz verzweifelt war und dachte: Was passiert hier eigentlich gerade? Aber genau dann habe ich bewusst losgelassen, habe die Kreativen kreativ sein lassen und mich darauf eingelassen, überrascht zu werden. Wenn man das nicht zulässt, kann man das volle Potenzial solcher Prozesse gar nicht ausschöpfen.

Claudia: Gab es Situationen, in denen Kreative ganz andere Probleme gelöst haben, als ursprünglich geplant?

Matthias: Ja, das passiert ständig. Ein gutes Beispiel ist unsere Intranet-Einführung: Ursprünglich ging es um Technik – Logins, Passwörter, Prozesse. Durch die visuelle Aufbereitung wurde das System aber viel zugänglicher. Die “kalte“ Technik hat plötzlich eine positive Stimmung im Team erzeugt und unsere Abläufe haben spürbar besser funktioniert. Ein anderes Beispiel ist das Wandbild, das Claudia zu unseren Lieferketten visualisiert hat. Eigentlich wollten wir Transparenz für unsere regionalen Lieferketten schaffen. Aber durch die kreative Umsetzung ist viel mehr passiert: Es sind neue neue Kontakte und Gespräche entstanden, neue Bio-Lieferanten kamen aktiv auf uns zu. Dinge, die wir so gar nicht geplant hatten.

Wenn man sich auf kreative Prozesse einlässt, verlässt man die gewohnten wirtschaftlichen Logiken. Diese Prozesse haben eine Wirkung, die man auch messen kann, aber oft nicht sofort. Die wirklich nachhaltigen Effekte zeigen sich manchmal erst nach einem halben Jahr.

Claudia: Isabella, wie war das bei dir? 

Isabella: Bei mir war das ganz ähnlich. Ich bin in den Prozess mit der Frage gegangen, was ich tun muss, damit mein Team mir folgt. Aber im Laufe des Cross Labs wurde mir klar, dass das eigentliche Problem ganz woanders liegt, nämlich in der Beziehung zu meinem Vater, der die Firma maßgeblich aufgebaut und geprägt hat. Mir wurde bewusst: Wenn wir unsere Spannungen im Übergabeprozess nicht klären, komme ich als Nachfolgerin im Unternehmen nicht wirklich voran. Diese Erkenntnis hätte ich ohne das Cross Lab wahrscheinlich nicht gehabt. Und sie hat mittelfristig wirklich etwas verändert. Da hat sich ein Knoten gelöst.

Claudia: Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, dass sich externe Perspektiven wirklich einmischen?

Isabella: Super wichtig, denn als Unternehmerin kann ich gar nicht alle Kompetenzen abdecken und das muss ich auch nicht. Ich brauche Know-how von außen und kann nicht dauerhaft in meiner eigenen Perspektive bleiben. Nur so entwickle ich mich weiter.

Claudia: Wie fühlte es sich an, als du aus der ko-kreativen Arbeit zurück in deinen Arbeitsalltag gegangen bist?

Isabella: Ehrlich gesagt, erst einmal schwierig. Ich habe nach dem Cross Lab fast eine Woche gebraucht, um wieder richtig im Alltag anzukommen. Es hat sich fast komisch angefühlt, nicht mehr in diesem intensiven Austausch zu sein. Ich würde mir deshalb wünschen, solche Formate viel stärker in meinen Arbeitsalltag integrieren zu können. Aber aktuell stoßen wir da an Grenzen – vor allem durch das operative Geschäft, aber auch durch Budgetfragen. Einen kreativen Kopf dauerhaft einzubinden, kann ich mir im Moment einfach nicht leisten. Und das ist schon wieder ein Spannungsfeld: Ich sehe den Mehrwert ganz klar, ich habe viele gute Impulse mitgenommen, aber die kontinuierliche Umsetzung ist eine Herausforderung.

Claudia: Hat euch die Zusammenarbeit mit uns Kreativschaffenden mutiger gemacht, Dinge anders anzugehen?

Matthias: Ich würde sagen: Mut braucht man sowieso. Irgendwas ist ja immer, mit dem man umgehen muss. Was sich für mich aber verändert hat, ist der Blick auf Rollen und Strukturen, gerade im Familienbetrieb. Mein Vater hat das Unternehmen über viele Jahre allein aufgebaut. Ich habe irgendwann übernommen, unterschrieben und plötzlich verschieben sich die Aufgaben. Es geht nicht mehr nur darum, wer formal zuständig ist, sondern darum, wer eigentlich gebraucht wird und wer welche Rolle übernimmt. Es geht dann weniger um reine Wirtschaftlichkeit und mehr um Dinge wie Augenhöhe, Zutrauen und die Frage, wer sich auf eine gemeinsame Vision einlässt. Und genau da entstehen Spannungen: zwischen Generationen, zwischen alten und neuen Rollenbildern. Um diese Brücken zu bauen, braucht es oft sehr viel kreativere Lösungen, als man zunächst denkt. In solchen Situationen hilft die Zusammenarbeit mit Kreativen enorm.

Isabella: Ich würde sagen, ich bin von Haus aus eher mutig. Der Schritt ins Cross Lab war für mich ja schon ein Ausdruck davon. Was sich durch die Zusammenarbeit aber definitiv verändert hat, ist meine Bereitschaft, Dinge auszuprobieren und auch im Kleinen etwas zu verändern. Ich habe viele praktische Impulse für mein Unternehmen mitgenommen, zum Beispiel Methoden wie Team-Check-ins. Und ich bin vielleicht noch offener für Feedback geworden.

Claudia: Was würdet ihr anderen Unternehmern und Unternehmerinnen sagen, die noch nie mit Kreativschaffenden gearbeitet haben?

Isabella: Einfach ausprobieren!

Matthias: Ich würde es noch deutlicher sagen: Gerade in diesen schnellen, komplexen Zeiten liegt eine riesige Chance darin, sich bewusst aus dem Daily Business rauszunehmen und in den persönlichen Austausch mit Menschen zu gehen, die vielleicht auch erstmal nichts mit der eigenen Branche zu tun haben. In diesen Begegnungen, darin steckt für mich eine echte Superkraft, die oft völlig unterschätzt wird. Wenn man das noch nicht genutzt hat, liegt darin unglaublich viel Potenzial. Denn immer das Gleiche zu tun, in der eigenen Suppe zu schwimmen und zu hoffen, dass sich etwas verändert, funktioniert nicht. Kreative bringen dich, glaube ich, am schnellsten raus aus deiner Komfortzone. Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, ohne Abhängigkeiten und fernab eines klassischen Auftraggebenden- Auftragnehmenden-Verhältnis, dann sagen sie auch ehrlich ihre Meinung. Und genau das ist es, was man manchmal braucht.

stellte diesmal nicht die THAK, sondern die Kreativschaffende Claudia Zech die Fragen. So entstand ein Gespräch auf Augenhöhe über Reibung, Perspektivwechsel und die Erkenntnis, dass Zusammenarbeit oft dort beginnt, wo niemand die fertige Lösung kennt.

Im Interview erzählen wir von Zusammenarbeit. Im Cross Lab könnt ihr sie selbst erleben. Genau dafür bringt das Cross Lab der THAK auch in diesem Jahr wieder Kreativschaffende und Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen zusammen. Vier Tage, zwei Branchen und eine Herausforderung, deren Lösung zu Beginn noch nicht feststeht – dafür aber jede Menge Raum für neue Perspektiven und echte Co-Kreation.

Noch bis 1. August könnt ihr euch bewerben. Vom 26. bis 29. Oktober arbeiten Kreativschaffende und Thüringer KMU dreieinhalb Tage lang gemeinsam an einer unternehmerischen Herausforderung. Ohne klassische Auftraggebenden-Dienstleistenden-Beziehung, sondern auf Augenhöhe. Statt fertiger Lösungen stehen Neugier, Perspektivwechsel und Co-Kreation im Mittelpunkt.

Interessiert?

Du hast Fragen zum Cross Lab?

Kontaktiere mich!

Claudia Köhler

Vernetzung & Transfer