Von look up bis Lutherstein

Orte und Potenziale für junge Kunst und Kultur in Erfurt

Eine lebendige Stadt zum Mitgestalten, Raum für Kunst und Events, leicht(er) beantragbare Fördermöglichkeiten für die kreative Szene und ihre Aktionen sowie die Chance, sich in der eigenen Stadt zu präsentieren – das verbindet die Erfurter Kulturlotsin Theresa Kroemer mit der Ständigen Kulturvertretung Erfurt (SKV) – bekannt für Aktionen im öffentlichen Raum wie “RE:BOOT”, “Gold statt Braun” und “Kultur flaniert” – und ihrem Vereinsvorstand Florian Dobenecker. Seit 2021 arbeitet Theresa Kroemer als Ansprechpartnerin für Kulturschaffende eng mit der kulturellen Szene zusammen und fungiert somit als wichtiges Bindeglied zwischen Kulturszene und Kulturdirektion sowie Verwaltung, um einzigartige Kunst- und Kulturprojekte in der Landeshauptstadt zu ermöglichen (auch die der SKV).

In diesem Jahr sind erstmals im Zusammenspiel Projekte und Kultur-Konzepte entstanden: Neben der Open-Air-Ausstellung “Look Up”, bei der die SKV als Teil der Jury beratend herangezogen wurde, wurde im Sommer eine Open-Air-Veranstaltungsfläche für die junge Musikszene am Lutherstein im Rahmen einer Testphase erprobt. Wir haben uns mit Theresa und Florian zum Zoom-Call verabredet und mehr über ihre kreative Symbiose erfahren.

 
Die Open-Air-Ausstellung “Look Up” fand im Sommer 2022 in Erfurt statt, Foto: Stadt Erfurt.

Eine starke Stimme für lokale Kunst und Kultur

“Junge Kunst und Kultur sowie Orte und Möglichkeiten diese zu leben und umzusetzen sind elementar für eine lebendige Stadt.” Florian Dobenecker, Vorstandsvorsitzender der SKV Erfurt sowie verantwortlicher Redakteur des Erfurter t.akt-Magazins, engagiert sich seit vielen Jahren für eine starke Stimme und Förderung der freien Kulturszene in Erfurt. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und einem breiten Netzwerk aus Unterstützer:innen – unter ihnen Kulturorte wie das Retronom, aber auch Cafés wie das Kurhaus Simone, Initiativen wie OQ-Paint und Medienvertreter:innen – konnte der seit 2016 bestehende Verein bereits viele Kultur- und Kunstaktionen im öffentlichen Raum umsetzen. Seit einigen Jahren gehört zu den Supporter:innen auch die Kulturdirektion Erfurt mit der Stelle Kulturlotsin – aktuell ausgeführt von Theresa Kroemer. Angedockt an das Sachgebiet Soziokultur/ Kulturelle Bildung steht sie der SKV sowie vielen anderen Kulturakteur:innen der Stadt als Ansprechpartnerin für Genehmigungsprozesse kultureller Events, bei der Suche nach passenden Veranstaltungsorten und -flächen sowie bei der Fragen zu Fördermitteln, Möglichkeiten für Öffentlichkeitsarbeit und Co mit Rat und Tat zur Seite: „Ganz besonders schätze ich den abwechslungsreichen Austausch und die Zusammenarbeit mit den Kulturschaffenden.

Ich bin begeistert von der Vielzahl von Akteur:innen, -projekten und -trägern, die ein breites kulturelles Spektrum abbilden – städtische Einrichtungen, ebenso wie die, der freien Kulturszene. Außerdem macht es mir Freude, kulturelle Themen an unterschiedliche Ämter der Stadtverwaltung heranzutragen und mit diesen Kolleg:innen Möglichkeiten der Unterstützung zu finden. Mit meinem Wirken möchte ich zu einer besseren Sichtbarkeit und Wertschätzung der kulturellen Szene beitragen, die Erfurt gestaltet und so lebenswert macht.“

Hürden aus dem Weg räumen und Möglichkeitsräume eröffnen

“Das Verständnis der Bedeutung und die Lust zur Förderung hiesiger freier Kultur eint uns. Damit sich diese jedoch gut entfalten kann, ist der direkte Zugang zu Entscheider:innen der Stadt elementar, da sonst viele kulturelle Formate und Veranstaltungen meist an bürokratischen Hürden scheitern. Mein Job als Kulturlotsin ist es, diese Hürden aus dem Weg zu räumen, Möglichkeitsräume zu eröffnen und als direktes Sprachrohr von der Stadtverwaltung in die Szene hinein und auch zurück zu fungieren”, erklärt uns Theresa, während wir einen Einblick in ihr Büro am Erfurter Angerbrunnen erhaschen können. Zwischen bunten Postern stapeln sich Flyer zu verschiedenen Events, die sie in ihrer Position unterstützt hat.

Ihr kulturelles Engagement begann jedoch bereits vor ihrer Berufung zur Kulturlotsin: Als freiberufliche Projektkoordinatorin half sie beispielsweise vergangenes Jahr, die Publikation von USE-IT zu realisieren. Der Erfurter Stadtplan für junge Reisende ist voll von Geheimtipps zu Cafés, Kultur- und Kreativorten sowie Shoppinglocations und enthält zudem Infos zu Initiativen, für die es sich lohnt, aktiv zu werden. Die gebürtige Sächsin kommt selbst aus der freien Szene und kennt die Belange von Kunst- und Kulturschaffenden somit aus erster Hand.

“Die kreativen Köpfe, mit denen ich in meiner Berufung als Lotsin zusammenarbeite, kenne ich selbst schon seit vielen Jahren persönlich. Durch mich als Scharnier der Kulturszene hinein in die Verwaltung der Stadt, finden wir eine gemeinsame Sprache, die Verständnis, Offenheit und Neugier für die Belange und Aktionen der Szene fördert und die Grundlage für wertvollen Erfahrungsaustausch bildet.”

Als nun bereits vierte Kulturlotsin arbeitet Theresa Kroemer seit 2021 eng mit der kulturellen Szene in Erfurt zusammen.

Innovative Formen und Orte für kreative Inhalte

“Die Erfurter Kulturdirektion ist mittlerweile sehr zukunfts- und gegenwartsorientiert. Das Verständnis für unsere Bedürfnisse ist gewachsen. Das zeigt sich vor allem daran, dass junge Künstler:innen dieses Jahr die Möglichkeit bekommen haben, ein so prestigeträchtiges Event wie das Erfurter Krämerbrückenfest mittels einer Open-Air-Ausstellung mitgestalten zu können”, erzählt Florian Dobenecker, der bereits 2021 mit dem Erfurter Kulturfestival RE:BOOT Lokalkunst in den öffentlichen Raum transferierte.

Bei der hier angesprochenen Open-Air-Ausstellung handelt es sich wiederum um “Look Up”. Vom 17. bis 19. Juni 2022 präsentierten junge Thüringer Künstler:innen ihre Werke im Bereich Kettenstraße und Lange Brücke in luftiger Höhe. Die Werke wurden auf große Fahnen gedruckt und an den Drahtseilen der Straßenbeleuchtung befestigt. Mit der Aktion sollte die vielfältige Arbeit lokaler Kunstschaffender noch sichtbarer werden. “Die Idee zu Look Up ist beim monatlich stattfindenden Kulturstammtisch der SKV auf großes Interesse gestoßen“, so Theresa, die selbst regelmäßig beim Stammtisch dabei ist. „Das ermutigte die Kulturdirektion eine Ausschreibung zu veröffentlichen, die 70 Bewerbungen zur Folge hatte.“ 19 künstlerische Werke wurden für die Ausstellung von einer Fachjury, bestehend aus jeweils einem beziehungsweise einer Vertreter:in der SKV, des Erfurter Kunsthauses, des Fachbereichs Kunst der Universität Erfurt, der Kunstmuseen und der Kulturdirektion, ausgewählt.

Der passende Ort war schnell gefunden: “Wir wollten eine Straße finden, durch die keine Straßenbahn fährt und die von individuellen Läden gesäumt ist, um Besucher:innen auch in andere Winkel der Stadt zu locken, wie zur Barfüßerruine und dem Alten Schauspielhaus. In Kooperation mit dem tatkräftigen Team der Stadtbeleuchtung konnten schließlich die bedruckten Stoffbahnen installiert werden”, so Theresa, die sich über das positive Feedback zur Aktion unheimlich gefreut hat.
Florian Dobenecker fasst noch einmal die nachhaltigen Mehrwerte derartiger Aktionen für uns zusammen: “Kunst an ungewöhnlichen Orten in der Stadt und außerhalb des klassischen musealen Kontextes schafft eine andere Form der Aufmerksamkeit für kreative Inhalte – Kunstwerke wirken im Kontext der Straße ganz anders, sind niedrigschwelliger erlebbar und inspirieren mehr Menschen dazu, sich mit kontroversen künstlerischen Themen auseinanderzusetzen.”

Neue Fläche für nicht-kommerzielle Kulturformate

Doch nicht nur bildende Kunst möchten die SKV und die Kulturlotsin im öffentlichen Raum fördern, um Erfurt für junge Menschen attraktiver und lebenswerter zu machen. Schon seit 2018 fordert die freie Kulturszene der Stadt eine Veranstaltungsfläche unter freiem Himmel, die auch nach 22.00 Uhr und nicht-kommerziell für verschiedene Kulturformate genutzt werden kann. Aufgrund der von der SKV und weiteren Kulturschaffenden geäußerten Bedarfe im Vorfeld, wurde die Stadtverwaltung politisch durch den Stadtrat beauftragt eine Fläche zu finden und diese zu erproben.

In diesem Jahr war es endlich soweit: Auf einer Freifläche am sogenannten “Lutherstein” konnte vorerst bis Ende Oktober 2022 die Testphase für dort stattfindende öffentliche, soziokulturelle Tages- und Abendveranstaltungen wie Theater, Lesungen, Kleinkunst, Konzerte sowie Musik- und Tanzformate beginnen. „Die 1.600 qm große Freifläche wurde seit dem Start der Testphase im August von drei Kollektiven genutzt. Zudem gab es weitere Anfragen für Veranstaltungen“, so Theresa Krämer, die sich daran erinnert, wie sie, gemeinsam mit der freien Szene, zunächst viel Überzeugungsarbeit für die Verwirklichung einer legalen Open-Air Fläche für Veranstaltungen leisten musste. Vereinsvorstand der SKV Florian Dobenecker geht es auch um die gesellschaftliche Relevanz solcher Orte: “Musik ist Teil der Stadt- und Jugendkultur. An Orten wie der Freifläche wird Kultur anders gedacht. So entstehen Räume für Begegnung, Toleranz und Kunstgenuss. Diese kulturelle Vielfalt ist enorm wichtig, um junge Menschen in einer Stadt zu halten und diese somit zukunftsfähig zu machen.“

Impressionen der Testphase der freien Veranstaltungsfläche Lutherstein: Im Sommer wurde hier zum Mini-Festival “Springinsfeld” getanzt, Foto: Springinsfeld.

Legal als neues illegal

Raves, Konzerte und Elektro-Veranstaltungen konnten bisher regulär, vor allem im Sommer, oftmals nur illegal stattfinden. Das Ergebnis: Chaos, vermüllte Plätze, Anrufe von Anwohner:innen beim Bürgeramt und der Polizei wegen Lärmbelästigung und allgemeine Unzufriedenheit. “Die Veranstaltungsfläche beim Lutherstein befindet sich nicht in direkter Nähe zu Wohngebieten. Hierzu fand im Vorfeld eine Schallschutzmessung durch ein Ingenieurbüro statt, um sicherzustellen, dass umliegende Bewohner:innen nicht gestört werden“, erklärt uns die Kulturlotsin. Die Stadtverwaltung wiederum böte Veranstalter:innen Planungssicherheit, Toiletten, Müllsäcke, Feuerlöscher und die nötige Infrastruktur, um hier ohne großen Aufwand eine Fläche für ihre Projekte kostenfrei und vor allem legal nutzen zu können.

Beschwerden seien im Rahmen der Testphase ausschließlich vor oder außerhalb der Zeiträume der angezeigten Nutzung der Fläche eingegangen, erklärt uns Theresa. Innerhalb der Testphase sei bisher alles reibungslos verlaufen: drei legale Parties, saubere und ordentlich hinterlassene Flächen, keine Ruhestörungsmeldungen sowie glückliche Veranstalter:innen.

“Wir wollen am Lutherstein mit Klischees aufräumen: Eskalierende Drogenparties, Vermüllung, Lärm – derartiges war bei keinem der Events seit der Erprobung der Fläche der Fall gewesen. Ganz im Gegenteil: Die Organisator:innen haben den Ort zum Teil noch sauberer hinterlassen, als er vorher war”, berichtet die Kulturlotsin glücklich. Seit der Debatte um die Testphase gab es auch kritische Stimmen zur Konzeption. In diesen Fällen trat die Kulturlotsin in Kommunikation und warb für eine offene Einstellung gegenüber den Ergebnissen. „Ein Effekt könnte langfristig sein, dass sich die Anzahl von illegalen und oft zu lauten Veranstaltungen verringert und somit auch Ruhestörungen für Anwohner:innen“, resümiert Theresa Kroemer mit einem vorsichtigen Blick in die Zukunft. Florian von der SKV versucht die kritischen Stimmen wiederum mit der Angst der Menschen vor dem Ungewissen zu erklären: “Klar braucht es Zeit, bis sich solche Dinge in der Gesellschaft etabliert haben. Es braucht Aufklärungsarbeit und Vermittlung – nicht immer nur Restriktionen. Es ist auf der anderen Seite so wichtig, dass von offizieller Seite Möglichkeitsräume geschaffen werden, damit solche Events nicht im Illegalen entstehen müssen, sondern nachhaltige Lösungen ermöglicht werden, die unsere lebendige und bunte Stadt in die Zukunft tragen.”

Sie interessieren sich für die Aktionen der SKV oder die Arbeit der Kulturlotsin? Dann können Sie mit Theresa und Florian Kontakt aufnehmen:

Kulturlotsin Theresa Kroemer
kulturlotsin@erfurt.de
Instagram: @erfurtkultur

Ständige Kulturvertretung Erfurt (SKV)
Mail: kontakt@staendigekulturvertretung.de
Instagram: @skv_erfurt

“Springinsfeld”, Foto: Springinsfeld.

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