Tiefe ist ihr Thema

das CORRECTIV

In einer Zeit, in der öffentliche und private Debatten zunehmend durch populistische Stimmungsmache unter Druck stehen, ist unabhängiger Journalismus unabdingbar. Mit seiner Wächter- und Aufklärungsfunktion informiert er Bürger:innen und regt zur Beteiligung an. Das sind auch die Ziele des gemeinwohlorientierten Medienhauses CORRECTIV, das mithilfe von investigativem Journalismus und Bildungsformaten an der Stärkung einer offenen und demokratischen Gesellschaft arbeitet. Die Journalist:innen rücken Themen wie Klima, Korruption, Justiz, Medizin, Bildung, Leben, Wirtschaft und Extremismus in den Fokus ihrer Arbeit und glauben daran, dass gesellschaftliche Herausforderungen mit gut recherchierten Informationen und Faktentreue auf demokratischem Weg gelöst werden können. Wir haben uns nach der CORRECTIV.Lokal Jahreskonferenz in Erfurt mit Mitgründer Jonathan Sachse zum Interview verabredet und mehr über seinen Arbeitsalltag sowie seine Einschätzung zur Thüringer Medienlandschaft erfahren.

Fotos: Ivo Mayr/ CORRECTIV

Investigativer Journalist und Mitbegründer des CORRECTIV Jonathan Sachse.

Zu Beginn: Warum bist du investigativer Journalist geworden?

Während der Schule interessierte ich mich immer mehr für Sportjournalismus. Ein prägender Moment kam während meiner Zeit als Schülerpraktikant beim ZDF in Mainz. Ich hospitierte in der Sportredaktion und durfte an Zwei-Minuten-Berichten über Fußballergebnisse mitwirken. Neidisch schaute ich aber immer auf einen Kollegen, der sich mit Doping-Themen beschäftigte. Fortan entwickelte ich eine Faszination für investigativen Journalismus. 

Wie kam es zur Gründung von CORRECTIV?

Wir haben CORRECTIV im Jahr 2014 gegründet. Eine entscheidende Figur war und ist unser Publisher David Schraven. Ihm war es wichtig einen Journalismus zu entwickeln, der formatfrei ist und in großen Teilen neu denkt. Angefangen haben wir mit acht Personen. Mittlerweile sind wir mehr als 100 Festangestellte. Wir arbeiten mittlerweile in sehr unterschiedlichen Themenfeldern mit den Mitteln der Medienbildung und entwickeln Technologien. Im Zentrum steht weiterhin der Journalismus. Unsere Redaktionen decken Missstände in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auf. Das schaffen wir durch unabhängige Recherchen, aber auch Faktenchecks rund um Desinformation. Wir geben oft Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden. Dabei arbeiten wir ganz bewusst immer wieder mit Bürger:innen zusammen. Uns ist der Dialog mit dem Menschen in unterschiedlichen Phasen extrem wichtig.

Wie entscheidet ihr, welches Thema als nächstes investigativ untersucht wird?

CORRECTIV verfolgt vor allem Themen, die in den Medien noch nicht ausreichend oder gar nicht behandelt wurden. Die genauen Schwerpunkte und Geschichten können ganz unterschiedlich entstehen. Mal erhalten wir einen Hinweis mit konkreten Belegen, die für die Öffentlichkeit relevant sind. In vielen anderen Fällen verfolgen wir auch einen sogenannten „Beat“, bleiben langfristig an einem Thema dran und berichten fortlaufend.

Ein anderes fortlaufendes Thema sind unsere Berichte zur AfD – am meisten bekannt sicherlich durch die jahrelangen Recherchen rund um die AfD-Spendenaffäre, die wir aufgedeckt haben. Zuletzt rund um das Geheimtreffen bei Potsdam. Auch mein Herzensthema Sport kommt immer wieder auf die Agenda. Hier haben wir über Medikamentenmissbrauch, Steuergeldverschwendung und Gewalt gegen Frauen im Profifußball berichtet.

Die Wahrheit aufzudecken, bringt sicher auch Feinde mit sich. Gab es auch schon brenzlige Situationen in deinem Alltag als investigativer Journalist?

Leider ja. Investigatives Arbeiten birgt nicht nur für uns als Journalist:innen Gefahren, sondern auch für unsere Quellen. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Deshalb müssen wir, bevor wir Kontakt mit einer Quelle aufnehmen, sorgfältig darüber nachdenken, über welche Wege wir sie am besten kontaktieren. Besonders wenn es um Menschen geht, die Zugang zu Informationen haben, die nur ein kleiner Kreis hat. 

Aber auch der Schutz für uns selber ist enorm wichtig: Unsere Faktencheck-Redaktion ist besonders betroffen, vor allem was Hass im Netz betrifft. Leider trifft es auch bei uns mehr Frauen. Für eine Kollegin, der undercover über die AfD berichtet, mussten wir zusätzliche Schutzmaßnahmen ergreifen. Zuletzt wurden auch verschiedene Personen aus dem Team auf der Straße angefeindet. Um das Thema noch sensibler zu behandeln und intern sowie extern ein Statement zu setzen, ist CORRECTIV zuletzt dem Schutzkodex beigetreten. Ein wichtiges Signal in die Branche und für die Belegschaft.

Wie schätzt du als investigativer Journalist die Thüringer Medienlandschaft ein?

Traditionelle Tageszeitungshäuser wie die Thüringer Allgemeine Zeitung sind zwar präsent, aber das reicht nicht. Vor allem im ländlichen Raum gibt es oft zu wenig Journalist:innen, um die lokale Berichterstattung angemessen abzudecken. Wir haben in Thüringen und insgesamt in Deutschland noch keine Nachrichtenwüsten, aber leider oftmals eine Monopolstellung. Zum Glück gibt es einige Akteur:innen, die neue Lokalmedien gründen, wie das Medium Gerda in Gera. Es ist wichtig solche Neugründungen zu stärken.

Lokaljournalismus ist zentral für die Demokratie, eine wichtige Gegenstimme zu populistischen Akteur:innen und eröffnet neue Perspektiven. Das ist immer wichtig, aber in diesem Jahr noch wichtiger in Hinblick auf all die Wahlen. Lokaljournalismus spielt eine entscheidende Rolle, um Bürger:innen über politische Entwicklungen auf regionaler Ebene zu informieren. Darüber hinaus stärkt er das Vertrauen in den Journalismus insgesamt. Als jemand mit ostdeutscher Biografie liegt mir dieses Thema besonders am Herzen.

Die Realität ist jedoch, dass viele Lokalzeitungen mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb wäre es sinnvoll, dass unabhängige lokale Medienhäuser auf verschiedenen Wegen gefördert werden. Das dürfen auch staatliche Förderungen sein, noch wichtiger ist aber, dass gemeinnütziger Journalismus endlich geseztlich verankert wird und leichter für weitere Förderungen, zum Beispiel von örtlichen Stiftungen, geöffnet wird. Dafür setzen wir uns bei CORRECTIV ein. 

In anderen Ländern wird dies bereits offensiv praktiziert, um unabhängige Strukturen zu fördern. Dies stellt jedoch eine große Herausforderung dar, da mächtige Verlage über mehr finanzielle Mittel verfügen und kleinere Verlage dadurch unter Druck geraten. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, bedarf es einer Kernförderung und weniger kleinteilige Projektmittel. Nur so kann eine effektive Umsetzung in der Praxis gewährleistet werden und nur so wird es möglich, einen zukunftsorientierten Ansatz zu verfolgen und langfristige Perspektiven einzubeziehen. 

“Es ist wichtig, dass wir uns bewusst machen, wie entscheidend eine vielfältige und unabhängige Berichterstattung für unsere Demokratie ist”

Dieses Jahr fand die Jahreskonferenz des CORRECTIV wieder in Erfurt statt. Warum?

Wir haben Ende 2018 das Netzwerk CORRECTIV.Lokal im digitalen Raum gestartet und inzwischen durch das analoge jährliche Treffen erweitert. Digital sind wir mittlerweile mit mehr als 1.800 Lokaljournalist:innen aus ganz Deutschland verbunden. Vor zwei Jahren haben wir uns deshalb entschieden, das Miteinander zu vertiefen und ein Konferenzformat zu entwickeln. Erfurt als Standort in der Mitte Deutschlands schien perfekt zu sein. Wir wollten die Veranstaltung zudem auf jeden Fall in Ostdeutschland stattfinden lassen, da hier bisher zu wenige Konferenzen in unserer Branche umgesetzt werden und politisch viel passiert. Mit der Universität Erfurt haben wir schließlich eine tolle Partnerin und Location gefunden, wo wir uns dieses Jahr zum zweiten Mal getroffen haben. 2024 nahmen bereits rund 300 Gäste teil. Es war ein Austausch auf Augenhöhe, was ich sehr schätze. 

Welche Themen waren euch auf der diesjährigen Konferenz besonders wichtig?

Im Fokus standen vor allem das Superwahljahr, Innovation und Dialogförderung sowie Klimaberichterstattung. Wir haben neben Sessions auch praktische Workshops abgehalten, um den Journalist:innen Hands-On-Formate zur Recherche zu verschiedenen Themen anzubieten. Die Atmosphäre während der Konferenz war sehr inspirierend. Sie bot eine Plattform für den Austausch von Ideen und die Zusammenarbeit zwischen Journalist:innen und Expert:innen. Wir freuen uns bereits auf das nächste Jahr, wenn wir wieder spannende Diskussionen und Sessions erleben dürfen. Wer Lust hat, Teil des Netzwerks zu werden, kann sich jederzeit – unabhängig von der Konferenz – unter correctiv.org/lokal anmelden. Wir freuen uns über interessierte Journalist:innen, die uns bei unserer Vision unterstützen möchten.

Wie kann man euch noch unterstützen?

Unser unabhängiger Journalismus wird inzwischen von über zehntausend Menschen unterstützt. Ob durch finanzielle Spenden, journalistische Mithilfe oder das Zusenden von Hinweisen mittels Bürgerbeteiligung – darauf wollen und müssen wir in den kommenden Jahren weiter aufbauen. Jeder Beitrag, ob groß oder klein, bedeutet, dass wir uns weiterhin den kritischen Fragen unserer Zeit widmen können. Auf unserer Webseite finden Interessierte daher verschiedene Möglichkeiten, um unsere gemeinwohlorientierte Arbeit voranzutreiben. Wer über unsere Themen, Veranstaltungen und Projekte täglich informiert werden will, kann sich zudem kostenfrei für unseren Spotlight-Newsletter anmelden.

Kontakt

CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft
www.correctiv.org
Mail: info@correctiv.org
Instagram: @correctiv_org

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Nina Palme

Kommunikation

0151 / 1290 4638

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