Projekte zwischen Wissenschaft, Kirche und Medienwelt 

Im Interview mit Medientheologe Dr. Karsten Kopjar

Dr. Karsten Kopjar hat in Marburg Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik studiert und zu virtuellen Gemeinschaftsformen promoviert. Heute arbeitet er als Medientheologe in Erfurt und beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen Kirche, Gesellschaft und Medienwelten. Mit seinen Expertisen hat er unter anderem für die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) zahlreiche Projekte zum Thema Digitale Kirche umgesetzt. Mit dem geplanten immersiven Projekt “Luther, Greta und Ich” will Karsten Kopjar mit einer neuen Idee aufwarten und die Chancen von Mixed Reality in der Vermittlung von theologischen und geschichtlichen Themen sowie in der Auseinandersetzung mit aktuellen Fragestellungen aufzeigen. Wir haben mehr über seinen Werdegang, seine Projekte und seine Ansätze für eine digitale Kirche erfahren.

Foto: Anne Hornemann

Karsten, was ist und macht ein Medientheologe?

Ich benutze Medien, ich spreche über Medien, ich schule Menschen in der Mediennutzung und ich kritisiere Merkmale bestimmter Medien – und das primär im Kontext der praktischen Theologie. Zentral ist dabei die Frage: Wie kann ich Kirche und Gemeinde medial vermitteln? Es geht aber auch darum, in welcher Art und Weise die kirchlichen Aktivitäten digital stattfinden sollten, also zum Beispiel virtuelle Gottesdienste, Seelsorge und Co. Ich möchte als bis dato einziger Medientheologe in Thüringen meine umfassende Medienkompetenz nutzen, um Jugendlichen, Studierenden, Erwachsenen und Senioren das spirituelle Leben näherzubringen und um zwischen Kirche und Gläubigen zu vermitteln. Dadurch, dass sich die Medienlandschaft so schnell verändert, muss ich mich in meiner Berufung permanent weiterbilden. Daher bin ich selbst natürlich immer offen, neue Medien kennenzulernen oder meine Mediennutzung für die Kirche zu hinterfragen.

Wie gestaltete sich dein Werdegang?

Ich bin schon immer ein religiöser Mensch, habe auch schon früh gerne am Computer gesessen, mit der Videokamera Amateurfilme gedreht und mich mit der Medienlandschaft beschäftigt. Dass ich meine Hobbies und Herzensthemen zum Beruf machen wollte, war für mich immer naheliegend. Also entschied ich mich für ein Studium in Marburg, wo ich mehr über die Theorie und Praxis auf meinen Gebieten lernen konnte. Vor dem Studium arbeitete ich bereits aktiv für meine Gemeinde in der Jugendarbeit und während des Studiums setzte ich bereits erste kleinere Medienprojekte, wie Vodcasts und Filme bei Gottesdiensten, um. Auch Anfragen außerhalb des kirchlichen Kontextes erreichten mich während meines Studiums mehr und mehr, wie das Gestalten von Internetseiten und Social-Media-Auftritten. Ich beschloss, mich selbstständig zu machen und vertiefte zudem mein Wissen in praktischer Theologie in meiner Promotion zum Thema „Kommunikation des Evangeliums für die Web-2.0-Generation“, also um die reale Virtualität von Online-Gemeinschaften.

Mir fiel immer wieder auf: Die vorhandenen Formate erreichen vor allem die ältere Generation der Gläubigen, aber für die junge Generation und die kommende braucht es einen zeitgemäßeren Ansatz. Denn: Die Medienlandschaft und die Gesellschaft sind ständig im Wandel. Seit 2015 habe ich die Möglichkeit bei der EKM entsprechende Projekte umzusetzen, die das kirchliche Leben durch innovativen Medieneinsatz in das neue digitale Zeitalter transferieren. 

Welche konkreten Projekte hast du bisher für die EKM umgesetzt?

Zunächst war ich als Social-Media-Koordinator für die Etablierung landeskirchlicher Social-Media-Kanäle zuständig. Heute berate ich darüber hinaus in Schulungen viele lokale Medienteams der Kirchenkreise und Ortsgemeinden im Bereich Digitalisierung und Medieneinsatz. Zudem habe ich zusammen mit einem Medienteam der EKM diverse digitale Formate entwickelt: Dazu gehören die Konzeption und der Aufbau eines digitalen Bildungshauses für Konferenzformate mit pädagogischem Mehrwert, VR-Experiences zu kirchlichen Formaten im Metaverse, die Gründung einer Online-Kirche inklusive Formatentwicklung eines Online-Gottesdienst-Konzeptes sowie der Gemeindeaufbau mit digitalen Socials. 

Aktuell arbeite ich an einem partizipativen Mixed-Reality-Projekt zur Frage der digitalen Meinungsbildung und wie Gemeinschaft in virtuellen Welten erlebbar werden kann. Durch neueste XR-Technologien wird die Vermischung von physischer Realität und virtuellen Komponenten möglich. So können künstliche Gegenstände und unsere natürliche Umgebung zusammenkommen und man kann real mit beidem interagieren, was die zu vermittelnden Aspekte noch eindringlicher macht und sich für eine riesige Bandbreite an Themen eignet. In diesem Projekt zum Beispiel für einen lebendigen Diskurs mit historischen und zeitgeschichtlichen Figuren, wie Martin Luther und Greta Thunberg. 

Foto: Karsten Kopjar.

Worum geht es denn genau bei dem Projekt “Luther, Greta und Ich” und was können Menschen hier in der Mixed Reality erleben?

2017, zur 500-Jahr-Feier der Reformation, wurde ich nochmal daran erinnert, welche Relevanz Martin Luthers Thesen bis heute für die Gesellschaft haben. Ich dachte mir: Wie unglaublich spannend wäre es, wenn wir heute mit ihm in einen lebendigen Diskurs treten könnten. Wie empfinden die Menschen Luthers Meinung heute? Und was hat sich in über 500 Jahren verändert? Hier setzt das Projekt an: In einem Mixed-Reality-Format können User:innen mit Martin Luther über aktuelle Themen wie Nachhaltigkeit ins Gespräch kommen.

Ihm wird eine zeitgenössische Reformatorin, in diesem Fall Greta Thunberg, gegenübergestellt. Mit neuesten Technologien wird ein lebendiger Austausch mit den beiden möglich, wobei sie mit dem/der User:in über ihre Argumente und Thesen diskutieren. Wo stehe ich? Was ist meine These? Das immersive und partizipative Gespräch hat die eigene Meinungsbildung zum Ziel, die eindringlich in einer realen Welt mit digitalen Avataren erlebt werden kann. 

Warum sind innovative Wege der Vermittlung für traditionelle Institutionen wie die Kirche so wichtig, um sie in die Zukunft tragen zu können?

Es ist nicht immer einfach, eine so alte Institution neu zu erfinden und ehrlicherweise brauchte es vor allem am Anfang viel Überzeugungsarbeit für meine Ideen. Aber neue Herangehensweisen sind unumgänglich, um die Kirche ins 21. Jahrhundert zu führen. Medien und Kirche sind schon seit jeher untrennbar miteinander verbunden: Bereits Propheten stellten sich auf Berge, um ihre Botschaften zu verbreiten, zu Luthers Zeiten wurden christliche Texte über Bücher und Papier massentauglich gemacht und heute haben wir die Bandbreite an digitalen Medien und Möglichkeiten zur Verfügung. Die sollten wir auch nutzen und nicht nur mit Retro-Methoden auf das Beste hoffen.

Die Menschen kommen nicht mehr zahlreich in die Kirche, daher muss die Kirche zu den Menschen kommen. Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie sind, nämlich in der digitalen Welt. So können Zugänge zum spirituellen Leben geschaffen werden, die unabhängig von festen Uhrzeiten sind. Das soll nicht falsch verstanden werden: Kirche ist etwas Ganzheitliches und sie sollte unbedingt auch weiterhin als physischer Ort der Begegnung bestehen. Aber mit virtueller Realität kann ich diese Erfahrungen erweitern – sogar noch vertiefen – neue Angebote schaffen und Orte entstehen lassen.

Darüber hinaus braucht es Inhalte, die näher an der Lebensrealität der Menschen sind, aktuelle Fragestellungen bearbeiten, meinungsbildend sind und ortsunabhängig funktionieren. Natürlich ist es auch wichtig, dass man derartige neue Konzepte stets ethisch hinterfragt, zum Beispiel, inwiefern XR- und VR-Technik ans kapitalistische System angeschlossen sind. Aber durch innovative Medien und Kommunikationsstrategien kann sich die Kirche als moderne, nachhaltige und offene Institution präsentieren, die für die Menschen und nicht nur mit ihnen agiert. 

Ihr möchtet mehr über Karsten Kopjars aktuelles Projekt erfahren? Bei unserer digitalen #kreativgelöst-Veranstaltung am 30. November 2023 gab er in seinem Kurzimpuls einen Einblick in seine Arbeit. Er und weitere Impulsgeber:innen vermittelten Anreize für neue Wege, die Museen, Kultureinrichtungen und andere Bildungseinrichtungen sowie Kommunen und Städte gehen können, um Informationen partizipativ zu vermitteln.

Kontakt

Dr. Karsten Kopjar
www.medientheologe.de
karsten@kopjar.com
Instagram: @medientheologe
Facebook: Karsten Kopjar

Kontaktiere mich!

Nina Palme

Kommunikation

0151 / 1290 4638

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