Mit Introvertiertheit zum beruflichen Erfolg 

Im Interview mit Verlegerin und Autorin Ricarda Colditz

Ricarda Colditz verbindet ihre Liebe zu Büchern und zum Übersetzen in einem eigenen Verlag, dessen Ausgangspunkt ihre ganz persönlichen Erfahrungen waren – die Kreativschaffende ist introvertierte Selbstständige. In ihrem Verlag bietet sie daher Bücher für introvertierte und hochsensible Menschen an, die aufgrund ihrer Wesenszüge im beruflichen Alltag, bei Selbstvermarktung und Networking vor Herausforderungen stehen. Sie nennt sich die leise Mutmacherin, denn sie möchte für das Thema sensibilisieren und Mut machen, um im Business mit Introversion erfolgreich zu sein und sich selbst besser zu verstehen. Auch ihr Berufsleben war vor ihrer Selbstständigkeit nicht immer ganz einfach – bis zu dem Zeitpunkt, als ein ganz bestimmtes Buch ihr Leben verändert hat. Wir haben Ricarda getroffen und mehr über ihre persönliche Entwicklung, ihre Berufung als Verlegerin und aktuelle Projekte erfahren. Zudem konnten wir ihr noch ein paar spannende Tipps für Introvertierte abluchsen, die als Kreativschaffende tätig sind und ihren beruflichen Alltag leichter gestalten möchten, wenn es zum Beispiel um den Kontakt mit Netzwerkpartner:innen und Kund:innen geht.

Foto: Susi Childers

Was hat dich dazu bewogen, dich selbstständig zu machen?

Bis ich mich selbstständig gemacht habe, hatte ich zunächst viele verschiedene berufliche Stationen im Angestelltenverhältnis. Nach meiner Ausbildung zur Europasekretärin, arbeitete ich in Frankfurt am Main in einer Bank. Doch nach zwei Jahren sehnte ich mich nach der Ferne und verbrachte fünf Jahre bei zwei Firmen im Kund:innendienst in England. Zurück in Deutschland und wieder in einem neuen Job, merkte ich schnell, dass ich meine Englischkenntnisse eigentlich viel besser nutzen könnte und spielte mit dem Gedanken, mich als Übersetzerin selbstständig zu machen. Ein Fernstudium zur staatlich geprüften Übersetzerin für Englisch brachte mir die nötigen Nachweise, um 2011 damit zu starten. Meine Aufträge waren anfangs ganz unterschiedlich: Ob Wirtschaftstexte, christliche Texte, Personaltexte oder Untertitel für Filme. So richtig Spaß machte mir mein Alltag nach einigen Jahren allerdings nicht mehr. Oftmals übersetzte ich Inhalte, die mich persönlich nicht wirklich interessierten. 

Du hast in unserem Vorgespräch gesagt, ein bestimmtes Buch hätte dein Leben komplett verändert. Welches war das?

Eines Tages stieß ich über einen E-Mail-Verteiler auf ein unveröffentlichtes Manuskript des in den USA lebenden Autors Matthew Pollard mit dem Titel „The Introvert’s Edge to Networking“ (dt: „Der Pfad der Introvertierten zum Networking“). Und ich dachte: Der Mann schreibt über mein Leben! Ich fand mich in vielen Situationen wieder, die ich im beruflichen Alltag als herausfordernd angesehen hatte und bis dato nicht so recht einordnen konnte, wieso. Vielen Menschen ist oft nicht bewusst, dass sie introvertiert sind. Ähnlich ging es mir bis zu diesem Zeitpunkt. Ich wusste nicht, wie sich meine Introversion praktisch auf meinen Berufsalltag auswirkt. 

Wenn ich das Buch von Matthew Pollard daher früher gelesen hätte, hätte ich viele dieser Herausforderungen wesentlich besser meistern können. Ich beschloss, das Manuskript zu kaufen und ins Deutsche zu übersetzen. Das einzige Problem war, dass man die Übersetzungsrechte nur als Verlag kaufen kann. Das war meine Motivation, einen eigenen Verlag zu gründen. Mein Ziel damit ist es, für das Thema Introvertiertheit im Business mit ausgewählter Literatur, aber auch eigenen Werken zu sensibilisieren und handfeste Tipps für Menschen mit introvertierten Wesenszügen zu geben. Den Verlag Colditz gibt es nun seit 2021.

Welche Bücher sind bisher im Verlag Colditz erschienen?

Seit der Verlagsgründung habe ich zwei übersetzte Bücher von Matthew Pollard, „Der Pfad der Introvertierten zum Networking“ und „Der Pfad der Introvertierten zum Verkaufen“ sowie zwei Gemeinschaftsbücher mit persönlichen Geschichten von „leisen Leader:innen“ herausgegeben. Alle Autor:innen sind introvertiert, hochsensibel oder waren früher schüchtern. Heute sind sie als Selbstständige, Angestellte oder als Führungskräfte unternehmerisch erfolgreich und erzählen individuell, inspirierend und ermutigend über ihren Lebensweg und ihre Entwicklung. Derartige Literatur mit Hands-on-Tipps für den beruflichen Alltag schließt für meine Zielgruppe eine Lücke, denn beinah alle Bücher mit Tipps für beruflichen Erfolg richten sich an Extrovertierte. Aber diese funktionieren eben für Introvertierte nicht.

Was bedeutet es eigentlich, introvertiert zu sein?

Viele Introvertierte brauchen das Alleinsein eher, als unter vielen Menschen zu sein, damit sie ihre inneren Batterien wieder aufladen können. Networkevents und der direkte Kontakt mit Menschen laugt sie oftmals aus und überfordert sie schnell. Ich selbst zum Beispiel habe in meinem bisherigen Berufsleben die direkte Kommunikation mit meinen Chefs oder Kolleg:innen immer gescheut und meistens E-Mails geschrieben. Das hat mir mitunter jedoch eher Probleme eingebracht, als dass es sie gelöst hätte. Es gibt nämlich Dinge im beruflichen Alltag, die den persönlichen Austausch brauchen. Introvertierte sind eher ruhig, perfektionistisch und arbeiten lieber autonom oder alleine.

Introvertiertheit ist fester Bestandteil der Persönlichkeit und ein Wesenszug, der im Berufsleben andere Handlungsempfehlungen braucht. Es ist daher auch zunächst sehr wichtig, dass introvertierte Menschen sich selbst als solche erkennen, sich annehmen wie sie sind und schließlich damit adäquat umgehen. Daher habe ich es mir auch zur Aufgabe gemacht, allgemein über das Thema aufzuklären und diese Menschen auf ihrem Weg zum beruflichen Erfolg professionell zu begleiten.

Was bietest du neben den Büchern noch zum Thema Introversion an?

Ich biete für Introvertierte Einzelsprechstunden per Videocall, und auch persönliches Coaching an (Umsetzungsbegleitung). Hier gehe ich individuell auf die Person und deren Herausforderungen im Berufsalltag ein und begleite sie Schritt für Schritt. Daneben gebe ich Impulse auf Veranstaltungen. Zudem kann man mich für Webinare zum Thema Introversion im Business (insbesondere beim Netzwerken und Verkaufen) buchen.

„Introvertiertheit ist fester Bestandteil der Persönlichkeit und ein Wesenszug, der im Berufsleben andere Handlungsempfehlungen braucht“

Welche Tipps hast du für den beruflichen Alltag, speziell für Introvertierte, die als Kreativschaffende tätig sind? 

1. Baue eine Online-Präsenz auf: Erstelle ein starkes Online-Portfolio und eine Präsenz in den sozialen Medien, um deine Arbeit zu präsentieren (Pinterest, Instagram, aber z.B. auch LinkedIn). So kannst du dich vernetzen, deine Produkte und Dienstleistungen bewerben und erste potenzielle Interessent:innen ohne persönliche Interaktion erreichen.

2. Networking in Maßen: Da Introvertierte große Networking-Veranstaltungen meist nicht genießen, suche dir kleinere Treffen oder Online-Communities aus. Qualität geht oft vor Quantität.

3. Übe deine Kommunikation: Entwickle einen prägnanten und überzeugenden Elevator Pitch, um deine kreativen Dienstleistungen zu erklären. Übe ihn, bis du dich sicher fühlst, um damit nach außen zu gehen. Schriftliche und mündliche Kommunikation ist in der Kreativbranche unerlässlich, um deine Ideen und Gedanken klar zu vermitteln.

4. Setze Grenzen und achte auf deinen Energiehaushalt: Kommuniziere deutlich deine Zeit und Verfügbarkeit und plane Zeit für Selbstfürsorge und Regeneration ein. Sage nicht zu viele Projekte oder soziale Veranstaltungen zu. Achte auch darauf, dass du einen ruhige Arbeitsplatz hast, der auf Konzentration und Fokus ausgelegt ist. Minimiere Ablenkungen und gestalte ihn förderlich für deinen kreativen Prozess.

5. Suche dir Mitstreiter:innen: Wer ergänzt deine Fähigkeiten und Arbeitsweisen? Introvertierte arbeiten oft gut mit extrovertierten Partner:innen zusammen, die sich um die sozialeren Aspekte von Projekten kümmern können.

Worauf kommt es im Alltag als Verleger:in an?

Auf einiges. Bei jedem To-do bis zur Publikation zählt vor allem eines: Perfektion und Qualitätssicherung. Da kommt mir mein Wesenszug als Introvertierte natürlich sehr gelegen. Neben exakter zeitlicher Planung zählen Genauigkeit beim Lektorat und der Endkorrektur. Zudem ist es wichtig, mir gut zu überlegen, welche Dinge ich als Verlegerin selbst in die Hand nehmen kann und an welchen Stellen ich auf Expert:innen für zum Beispiel den Buchsatz und die Gestaltung des Covers etc. zurückgreifen möchte. Daneben sollte man sich als Verleger:in auch mit dem eigenen Marketing auseinandersetzen, denn: Ein Buch verkauft sich nur, wenn es auch bekannt ist. Um auf meine Angebote hinzuweisen, nutze ich mein digitales Netzwerk auf LinkedIn, aber auch meine Webseite, meinen YouTube-Kanal, klassische Presse und Podcasts.

Hast du aktuell noch weitere Buchprojekte in der Planung?

Derzeit habe ich sogar zwei Projekte in Planung: Zum einen ein englisches Buch mit internationalen Erfolgsgeschichten von hochkarätigen Leader:innen. Eine Geschichte erzählt zum Beispiel die introvertierte Marketingchefin von Pinterest. Das andere setzt sich mit dem kreativen Flow auseinander. Bei vielen Menschen agieren die Gehirnhälften nämlich nachweislich unausgeglichener miteinander, da meist eine Hälfte stärker genutzt wird. Sind beide Hälften jedoch im Einklang, entsteht der sogenannte „produktive Flow“, der neue Ideen und Kreativität hervorbringt. Das kann man mit bestimmten Übungen bewusst steuern.

Kontakt

Verlag Colditz
Pfarrgäßchen 3 , 07922 Tanna
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