Proberäume, Partys, Perspektiven: In der Etage 20 (E20) im Erfurter Norden entsteht seit Anfang 2024 ein Ort für Musik, Kunst und Gemeinschaft. Hier teilen sich unter anderem Produzent und DJ NEPØ, Sophia, Produzentin und Sängerin, unter dem Künstlerinnennamen ‚Aurantia‘ (Alias Aura) bekannt sowie Jake Flamma, Booking-Agent der DJ-Agentur paracou, Räume zum Arbeiten. Längst ist die Etage aber auch zu einer Plattform für Nachwuchsförderung, Austausch und kreativer Professionalisierung geworden. Zwischen DJ-Decks und Daily Business kuratiert das Team Workshops und unterstütz junge Talente, indem sie Raum für das geben, was in Erfurt oft fehlt: Sichtbarkeit, Infrastruktur und echte Begegnung für die Thüringer Musikwirtschaft. Die E20 ist mittlerweile ein wachsendes Netzwerk, das sich stetig erweitert. Mit Platz für neue Ideen, professioneller Ausstattung und einer offenen Haltung lädt die E20 dazu ein, mitzuwirken oder einfach mal reinzuhören. Hier entstehen mehr als nur nur Tracks, sondern echte Verbindungen. Wir wollten mehr erfahren.

Von der Idee zur Realität
Es riecht nach frischem Kaffee, gemischt mit einem Hauch Farbe und Holz. Spuren kreativer Arbeit liegen in der Luft. Im Licht der Wintersonne flirren Staubpartikel, die zwischen Kabeln, Lautsprechern und Kunstwerken hängenbleiben. “Wir brauchten einen Ort, der wirklich zu uns passt“, beginnt Produzent NEPØ, während er auf einem gemütlichen Sessel sitzt, den die jungen Kreativen vom Vorbesitzer der Räumlichkeiten abgestaubt haben. Mit dem Techno-Kollektiv99 hat der Musiker zuvor in einem alten Proberaum nahe dem Kalif Storch gearbeitet – eine Art improvisierte Werkstatt ohne fließendes Wasser. Als die Miete dann plötzlich stieg, war klar: So geht’s nicht weiter. “Der Spirit hat einfach nicht mehr gepasst“, sagt er und schaut dabei kurz in die Runde. Der Wunsch nach einem Raum, der nicht nur Platz bietet, sondern auch alles, was man zur täglichen Kreativarbeit braucht, wurde immer größer. Doch die Suche in Erfurt war zäh: zu viele kreative Menschen, zu wenig geeignete Räume.
Dann kam der Tipp von Theresa Kroemer, Kulturlotsin der Stadt Erfurt: eine leerstehende Etage, ungenutzt, roh, aber mit Potenzial. “Wir standen hier in den Räumen und ich dachte nur: Krass, das könnte es wirklich sein. Aber es gab auch viele Fragezeichen – vor allem finanzieller Natur.“ In dieser frühen Phase war das Team noch klein, die Idee von einem gemeinsamen Kreativraum vage. Doch im vertrauten Kreis wurde gesprochen, geträumt, gerechnet. Sophia, selbst Musikerin, war sofort Feuer und Flamme. NEPØs Mitbewohner, ein Tätowierer, auch. Und plötzlich wurde das Konzept zusammen mit den Menschen größer, sodass Jake schließlich 2024 den Mietvertrag unterschrieb.
“Ich war vorher im Kalif fürs Booking und Management zuständig und wusste: Diese Fläche, die müssen wir einfach bespielen.“ Für ihn war von Anfang an klar, dass hier mehr entstehen sollte als ein klassischer Kollektivraum. Also teilte man sich die Fläche auf: Studio, Proberaum, DJ-Setups, Tattooecke, Büro: jeder Raum wurde neu gedacht. “Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man auflegen kann, aber auch proben. Ein Ort, an dem kreative Energie aufeinandertrifft und sich multipliziert.“ Auch die ehemaligen Kollegen und Kolleginnen vom Kalif unterstützten die Idee. Heute ist der Kalif Storch stiller Partner, mit dem Ziel, musikalischen Nachwuchs gezielt zu fördern.

Fördern, was wachsen will
In der E20 liegt ein klarer Fokus auf Förderung. Für junge Musikerschaffende gibt es hier nicht nur die Möglichkeit, einen Proberaum über die Webseite stundenweise kostenfrei zu mieten, sondern vor allem, wertvolle Kontakte zu knüpfen und das eigene Können auf die nächste Stufe zu heben. Auch Weiterbildung bietet das Team der E20 an: “Wir haben bereits richtig coole Workshops umgesetzt, viele davon gemeinsam mit der Szene“, erzählt Sophia. “Allgender- und FLINTA-Workshops waren dabei, genau wie Plattenworkshops – die kamen richtig gut an und waren komplett ausgebucht.“ Ausprobieren, Fragen, Scheitern und Lernen. “Vor allem als Newcomer oder Newcomerin ist es wichtig, dass es solche Räume gibt.”
Das Besondere: Das Gelernte kann direkt vor Ort angewendet werden. “Man kann sich bei uns einmieten, sich einfach ausprobieren und genau das macht den Unterschied”, meint Jake. Im Dezember 2024 wurde das Projekt dann auch nach außen sichtbar: beim Heimlich Advent kuratierte das Team der E20 zusammen mit jungen Künstlern und Künstlerinnen aus den Kursen den musikalischen Mittwoch auf der Predigerwiese in Erfurt und zeigten, was sich aus Workshopteilnehmenden entwickeln kann, wenn man ihnen die richtige Bühne gibt. “Wir wurden daraufhin sogar angefragt, ob wir beim Krämerbrückenfest ein paar neue Talente aus unserer Community kuratieren wollen“, erzählt NEPØ. “Die Nachfrage ist da, die Talente sind da. Es braucht nur Leute wie uns, die diese bündeln, ihnen Möglichkeitsräume eröffnen und ein Netzwerk bieten.“
Sophia wird für einen Moment nachdenklich. “Ich kenne so viele Musikschaffende in Thüringen, die einfach so von einer Open Stage zur nächsten tapsen. Da kommt oft nicht viel rum. Man braucht Vitamin-B, aber das haben die wenigsten. Irgendwann frustriert das.“
Genau deshalb gibt es Orte wie diesen. Nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil die Macher und Macherinnen verstanden haben, was fehlt und mutig genug sind, etwas daran zu ändern.


Sechs Räume, unendliche Möglichkeiten
Wer durch die Flure der Etage 20 geht, merkt schnell: Hier ist kein Raum wie der andere. Jeder Bereich atmet eine eigene Energie, hat seinen eigenen Zweck und doch entsteht die Magie vor allem dort, wo Grenzen verschwimmen. “Für mich ist mein Raum vor allem ein Rückzugsort“, erzählt NEPØ, während er auf eine Tür zeigt, die leicht angelehnt ist. “Ich mach die Tür zu und dann ist klar: Jetzt wird Musik gemacht.“ Für ihn war irgendwann sicher: Nur Auflegen reicht nicht. Wer sich weiterentwickeln will, muss eigene Musik produzieren und das in einem professionellen Umfeld. “Der Raum hier in der E20 hat eine bessere Soundqualität als mein altes Zimmer. Das macht so viel aus. Und wenn ich mal Vocals brauche, gehe ich einfach zu Sophia rüber. Oder Jake kommt vorbei, setzt sich auf die Couch, hört mit und gibt mir wertvolles Feedback.“
Es ist genau dieser fließende Austausch, der die E20 so besonders macht. Obwohl alle ihren eigenen Raum haben, entstehen Ideen oft zwischen den Türen: auf dem Flur, beim Kaffee, in diesen offenen Momenten. “Freitagabends ist hier am meisten los“, meint Jake. “Dann hängen wir zusammen ab, reden über neue Partys, Workshop-Ideen, oder brainstormen, was wir zur nächsten Fête de la Musique machen könnten.“ Er ist aktuell Hauptmieter, aber das soll sich bald ändern: “Wir sind gerade mitten in der Vereinsgründung. Die Satzung ist schon fertig. So können wir auch strukturell wachsen, Förderungen beantragen und offen für neue Leute bleiben.“
Offen ist die E20 auch für andere Kunst- und Kulturschaffende: So fanden hier bereits eine Kunstausstellung der Jederkann Galerie aus Erfurt, Lesungen von lokalen Autoren und Autorinnen und Open Decks statt. Technik wird gelagert, geteilt, verliehen. Es gibt eine kleine Fotowand, eine offene Fläche für kreative Sessions und Überlegungen für Kinoabende. “Wir freuen uns, wenn auch andere Kreative diesen Ort hier nutzen, denn Raum für Kreativität ist Mangelware in der Landeshauptstadt. Deshalb ist uns wichtig: Wer hier was machen will, soll sich niedrigschwellig ausprobieren können“, sagt Sophia.
“Wir freuen uns, wenn auch andere Kreative diesen Ort hier nutzen, denn Raum für Kreativität ist Mangelware in der Landeshauptstadt. Deshalb ist uns wichtig: Wer hier was machen will, soll sich niedrigschwellig ausprobieren können.“

Blick in die Zukunft: Was kommt, bleibt und wächst weiter
Es ist später Mittag, draußen hängt das Licht bereits über dem Innenhof, drinnen wird noch gearbeitet. Aber der Blick der Beteiligten reicht längst über den Tag hinaus. Die E20 ist ein Ort, der aus einem Mangel entstanden ist, sich aber mit jeder neuen Idee ein Stück weiter in die Zukunft entwickelt. “Vor allem soll die E20 verhindern, dass kreative Menschen Erfurt verlassen“, sagt Sophia. Ihre Stimme ist ruhig, aber bestimmt. “So viele gehen nach dem Studium nach Leipzig oder Berlin, weil sie denken, hier geht nichts mehr. Aber wir wollen zeigen: Es gibt Netzwerke, es gibt Möglichkeiten. Und man kann Teil davon sein.“ Die E20 soll kein Zwischenhalt sein, sondern ein Ort, an dem man bleibt weil es sich lohnt.
Für NEPØ ist vor allem Sichtbarkeit ein Ziel. “Viele wissen gar nicht, dass es uns hier gibt. Wir wollen noch viel klarer zeigen: Hey, wir sind hier und wir machen was.“ Neben mehr öffentlicher Präsenz träumt er davon, die Studios weiter zu professionalisieren. “Ich hab mir vieles selbst beigebracht, aber das müssen nicht alle so machen. Wir wollen junge Talente unterstützen, damit sie ihre eigene musikalische Stimme finden.“
Jake denkt derweil schon größer. “Für die Stadt ist es auch spannend: Was bringt so ein Ort eigentlich mit sich? Wir sind hier am Rand Erfurts, hier ist nicht viel. Ein Aldi, eine Tankstelle … und plötzlich entsteht hier ein Kreativ-Hub.“ Orte wie die E20, sagt er, machen das Stadtbild bunter. “Es muss nicht immer der Stadtkern sein. Gerade weil es hier ein bisschen rough ist, bietet die Gegend eine Nährboden, auf dem Neues entstehen kann.“ Jake erzählt von der Vereinsgründung, den Projektmitteln, den Workshopreihen. “Uns gibt’s erst seit 2024, aber wir wollen raus aus der Unsicherheit, unabhängiger werden von einzelnen Einnahmen. Mehr Struktur, mehr Sicherheit, mehr Freiheit. Und mehr Verbindungen zur Stadt.“ Der Kalender ist immer voll: Open Decks, DJ-Formate – E20 als verlängertes Sprachrohr in die Stadtgesellschaft. Und das Schönste? “Es kommen ständig neue Leute“, sagt Jake. “Leute, die wir vorher gar nicht kannten, aus Jena, aus Weimar, aus verschiedenen Generationen. Durch Einmietungen oder Veranstaltungen werden sie Teil des Netzwerks. Wir lernen die Leute über den Ort kennen und das ist genau das, was wir wollen.“
Die E20 wächst. Nicht nur als Ort, sondern als Idee. Und manchmal reicht schon ein leerer Raum, ein Beat im Hintergrund und ein Gespräch im Flur, um zu merken: Da geht noch mehr.
Kontakt
www.etage20.com
Mail: contact@etage20.com
Instagram: @etage20.studio
THAK Tipp: Musikalische Weihnachtszeit 2025 mit der E20
Jeden Mittwoch kuratiert die E20 ein abwechslungsreiches DJ-Programm mit Newcomern und Newcomerinnen aus der Region. Nächsten Mittwoch könnt ihr wieder von 17.00 bis 21.00 Uhr im Kommarum Kulturbahnhof in Erfurt vorbeikommen, neue DJs entdecken, junge Talente supporten
und euch bei Glühwein oder Punsch von der Musik treiben lassen. Hier mehr erfahren.
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