Materialien entscheiden über unsere Zukunft. Doch wer gestaltet sie und worauf kommt es hierbei an? Nachhaltigkeits- und Transformationsberater Heiko Rittweger, geschäftsführender Gesellschafter von RITTWEGER + TEAM, und Produktdesigner Friedrich Gerlach denken Design, Material und Nachhaltigkeit in ihrem täglichen Tun immer wieder neu. Wir haben beide zusammengebracht, um über eben diesen Dreiklang ins Gespräch zu kommen.


Die Materialien, die unsere Zukunft prägen
Welches Material wird unterschätzt oder wird in 20 Jahren unser Leben prägen?
Friedrich: Ich glaube, dass gerade Materialien unterschätzt werden, die wir eigentlich schon sehr lange kennen, wie Holz, Wolle oder Stroh. In Österreich wird derzeit wieder viel damit gebaut, und dort entstehen spannende Projekte. Ein Beispiel sind sogenannte Thoma-Häuser, bei denen mit den unterschiedlichen Quellmechanismen von Holz gearbeitet wird. Dadurch können einzelne Bauteile miteinander verbunden werden, ohne zusätzliche chemische Klebebindungen. An jenen Materialien wurde schon jahrhundertelang geforscht. Neu ist oft die Art und Weise, wie wir sie einsetzen.
Heiko: Ich glaube, dass wir in den nächsten zwanzig Jahren vor allem verstehen werden, wie stark uns “falsche Materialien”, also nicht kreislauffähige, geprägt haben. Gleichzeitig gehe ich mit Friedrichs unterschätzten Materialien mit. Ein gutes Beispiel ist Linoleum. Früher war es ein weit verbreiteter Bodenbelag, bis es durch PVC ersetzt wurde, weil das günstiger und einfacher in der Massenproduktion ist. Heute gibt es weltweit nur noch wenige Herstellende von Linoleum. Dabei hat Linoleum als natürliches Material eine ganz andere Wirkung auf Räume und Menschen. Wenn wir uns vom Fortschrittsglauben lösen, merken wir, dass wichtige Aspekte wie ein gesundes Raumklima lange Zeit vernachlässigt wurden. Auch gestalterisch gibt es Unterschiede: PVC erlaubt nur bestimmte Farben, während Linoleum ganz andere Farbwirkungen erzeugen kann.
Ähnlich ist es beim Beton, der nur begrenzt kreislauffähig ist, da er primär als Verbundwerkstoff schwer trennbar ist und bei der Zementherstellung hohe CO2-Emissionen entstehen. Hier beginnen wir endlich zu verstehen, dass Materialien Teil von Kreisläufen sein müssen. Beigefügte Pflanzenkohle in Zementmischungen sind ein Schritt nach vorn, aber auch nur ein Zwischenschritt. Mit der Zeit wird sich auch die industrielle Produktion verändern. Dann können neue Materialien fairer mit etablierten Lösungen konkurrieren. Wichtig ist: Es gibt kein Zurück mehr. Die Kräfte, die diese Transformation vorantreiben, sind inzwischen stärker als die, die sie aufhalten wollen.
Friedrich: Das Beispiel mit Linoleum und PVC zeigt gut, dass viele Materialien, die heute entstehen, aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Gerade der unnachhaltige Materialmix vieler Produkte ist ein großes Problem. Die zentrale Frage ist heute: Wie lassen sich Materialien wieder voneinander trennen und weiterverarbeiten? Vieles ist ja bereits vorhanden. Deshalb denke ich zunehmend in größeren Zusammenhängen: zum Beispiel ein ganzes Gebäude als potenzielles “Lager” für Materialien, die wieder entnommen und später weiterverarbeitet werden können.
„Unsere Rolle liegt darin, Innovation zu implementieren. Manchmal geht es um einzelne Prozesse oder Materialanpassungen. Spannend wird es aber vor allem dann, wenn sich ganze Systeme verändern. Architekturbüros entwerfen schöne Visualisierungen, wie Räume später aussehen sollen, aber kaum jemand fragt nach den Qualitäten der Materialien. Genau dort setzen wir an. Unser Ziel ist es, große Herstellende zusammenzubringen und den Materialkreislauf von Grund auf neu zu denken.“
– Heiko Rittweger


Reibung: Nachhaltigkeit und Design – Freund oder Feind?
Eine bewusst provokante These: Nachhaltigkeit macht Design komplizierter oder bremst sogar gutes Design.
Heiko: Wenn Design angeblich durch Nachhaltigkeit gebremst wird, fehlt es häufig eher an Kreativität. Ein weiterer Punkt, der oft vergessen wird: Gerade im Kontext zirkulärer Materialien hat auch die Designbranche selbst Verbrauchenden-Standards entwickelt, die heute problematisch und nicht relevant sind. Lange Zeit galt etwa die Annahme, dass Verbrauchende unbedingt glasklare PET-Flaschen kaufen wollen. Diese Norm hat die Branche selbst festgelegt, ohne sie wirklich zu hinterfragen. SHARE hat bewiesen, dass es den Verbrauchenden völlig egal ist und sie sogar grauschleirige Flaschen bevorzugen. Das zeigt, dass wir im Designprozess teilweise verlernt haben, wirklich in die Tiefe zu gehen. Statt den Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, orientieren wir uns oft stärker an industriellen oder wirtschaftlichen Anforderungen. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zwischen dem, was Menschen eigentlich brauchen, und dem, was Maschinen oder Produktionsprozesse leisten können. Diese Selbstkritik wurde uns bei der Entwicklung eines zirkulären Hotelzimmers sehr deutlich vor Augen geführt. Deshalb müssen wir uns immer wieder neu fragen: Was verstehen wir eigentlich unter gutem Design?
Friedrich: Ich würde die Frage eher von der anderen Seite betrachten. Für mich gehört Nachhaltigkeit eigentlich selbstverständlich zu gutem Design. Mit der These, dass Nachhaltigkeit gutes Design bremst, kann ich deshalb nicht mitgehen. Gutes Design bedeutet für mich nicht nur Form und Farbe. Es geht um Materialität, Kreisläufe, Haltbarkeit und die Frage, wie lange ein Produkt wirklich genutzt werden kann. All diese Aspekte sind zentrale Kriterien dafür, ob Design gut oder schlecht ist. In gewisser Weise steckt der Anspruch an Nachhaltigkeit also ohnehin im Kern eines reflektierten Designprozesses.
Heiko: Das ist allerdings auch ein Vorteil der heutigen Perspektive. Vor fünfzehn Jahren wäre man mit einer solchen Haltung vermutlich schnell pleite gegangen. Wir haben uns damals bewusst entschieden, ausschließlich zirkuläres Produktdesign zu verfolgen. Gerade in Deutschland wurde Design lange Zeit eher als ein “Nice-to-have“ betrachtet, als etwas, das Produkte am Ende einfach nur schöner macht. Es war selten ein echter Bestandteil der Wertschöpfung. Heute ändert sich das langsam. Beim Rat für Formgebung oder auf großen Branchenkongressen wird inzwischen selbstverständlich über Zirkularität gesprochen. Viele Ideen, die technisch schon lange möglich waren, werden jetzt erst marktfähig gemacht. Das Bewusstsein verändert sich, auch, weil äußere Entwicklungen wie wirtschaftliche Krisen oder geopolitische Veränderungen Druck erzeugen. Dadurch wächst die Bedeutung von Gestaltung und der Kreativwirtschaft im Markt deutlich.
„Wenn Designer und Designerinnen von Anfang an in Projekte eingebunden werden, entsteht oft weit mehr als nur ein Produkt. Sie verknüpfen unterschiedliche Themenfelder, denken verborgene Potenziale mit und eröffnen neue Perspektiven bis hin zu ganzen Ökosystemen, Materialanwendungen oder Technologien.“
– Friedrich Gerlach


Wo neue Lösungen entstehen: Zusammenarbeit als Voraussetzung
Mit welcher Branche sollten Produktdesignende viel öfter zusammenarbeiten, tun es aber noch kaum?
Friedrich: Ein Bereich, in dem Designerinnen und Designer viel stärker eingebunden sein könnten, ist die Forschung. Dort liegt ein enormes Potenzial, denn der Weg von wissenschaftlichen Erkenntnissen bis hin zu konkreten Anwendungen und Produkten ist oft lang. Design kann hier helfen, mögliche Anwendungsfelder früh sichtbar zu machen und Entwicklungen zu beschleunigen. Designer und Kreative können dabei von Anfang an eine wichtige Rolle spielen: Einerseits, indem sie mit ihrer gestalterischen und spekulativen Kraft neue Zukunftsbilder, Visionen und Utopien entwerfen, die Forschung in neue Richtungen lenken können. Andererseits können sie durch Bilder, Szenarien, Modelle und Prototypen Ideen früh greifbar machen, komplexe Entwicklungen veranschaulichen und so dazu beitragen, Produkte schneller weiterzuentwickeln.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Baubranche. Sie ist eine der größten Verursacherinnen vieler klimatischer Probleme. Gleichzeitig hat sie das Potenzial, viele dieser Probleme zu lösen. Wenn dort stärker mit Design zusammengearbeitet würde, könnten neue Materialien, Bauweisen und Nutzungskonzepte schneller entstehen.
Wenn man an Produkt- oder Industriedesign denkt, denkt man oft zuerst an ikonische Entwürfe und Designklassiker, die vor allem in der Möbelwelt verortet sind. Mich interessiert daran jedoch besonders, wie sich neue Materialien und aktuelle Fertigungstechniken nicht nur konzeptionell denken, sondern tatsächlich in reale Produkte übersetzen lassen. Umso bedeutender war es für mich, als wir den Prototyp eines kreislauffähigen Sofas in der Herstellung testen konnten, das ich gemeinsam mit der FIT AG aus Lupburg bei Regensburg im Rahmen eines Projekts entwickelt habe. Das Sofa wurde auf dem schnellsten 3D-Drucker der Welt aus recycelten Holz- und Sägespanresten gedruckt.
Heiko: Für Kooperationen von Designenden und anderen Branchen braucht es die Erkenntnis, Interdisziplinarität als Kompetenz anzuerkennen und die Bereitschaft, gemeinsam mit Designerinnen und Designern Lösungen zu entwickeln. Zudem sind Räume nötig, in denen Ideen offen und ohne Bewertung entstehen können. Auch ein klarer definierter Impact auf Mensch und Natur sowie der Wille, am Ende zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Beim kreislauffähigen Bank-Konzept für das Weimarer Land haben wir solche Prozesse erlebt und konnten einen stark dialogorientierten Ansatz verfolgen. Dabei wurde deutlich, dass Zusammenarbeit am Ende auch eine kulturelle Frage ist: Man muss bereit sein, gemeinsam zu arbeiten und sich selbst ein Stück weit zurückzunehmen.

Brauchen wir das überhaupt? Produktentwicklung neu gedacht
Habt ihr Lust auf ein Gedankenexperiment? Ihr bekommt den Auftrag, ein Produkt zu entwickeln, das in 30 Jahren vollständig in den Materialkreislauf zurückgeht. Wie würdet ihr beginnen?
Friedrich: Am Anfang steht für mich immer die Frage nach den Anforderungen. Was genau soll gestaltet werden? Was muss dieses Produkt leisten, mit wem oder was interagiert es und wie wird es benutzt? Erst wenn man versteht, welche Funktionen ein Produkt erfüllen muss und welchen Belastungen es ausgesetzt ist, kann man entscheiden, welche Materialien sinnvoll sind und wie lange es tatsächlich halten sollte. Manchmal stellt sich dabei auch heraus, dass ein Produkt gar nicht so robust sein muss, wie man ursprünglich angenommen hat. Oder das Gegenteil: dass es länger bestehen sollte. Wenn diese Grundlagen klar sind, kann man anfangen, Material und Konstruktion entsprechend zu entwickeln.
Heiko: Meine erste Frage würde Friedrichs aufnehmen: Brauchen wir dieses Produkt überhaupt dreißig Jahre lang? Der erste Schritt ist immer eine Analyse des Sinns. Genau hier liegt auch eine große Chance für die Kreativwirtschaft. Wenn der Zweck eines Produkts klar definiert ist, kann man die Materialien gezielt auswählen. Das Design folgt dann erst danach. Häufig ergibt sich die Formensprache sogar direkt aus dem Material und prägt dadurch den gestalterischen Kontext. Spannend wird es, wenn man sich fragt, welche Materialien überhaupt verfügbar sind und wie viel Einzigartigkeit sich daraus im Design entwickeln lässt. Ein gutes Beispiel ist wieder der Grauschleier bei recyceltem Kunststoff: Wenn man ihn nicht versteckt, sondern bewusst designt, kann daraus sogar ein gestalterischer Vorteil entstehen. Dafür braucht es Mut, aber man kann sich damit auch einen Vorsprung am Markt sichern.
Mich interessieren vor allem die Entwicklung ganzer kreislauffähiger Systeme. Man könnte sich zum Beispiel überlegen, wie ein Supermarkt gestaltet sein müsste, damit man sich dort wirklich gerne aufhält. Oder man denkt über neue Kombinationen nach: Rechenzentren könnten etwa mit landwirtschaftlichen Systemen verbunden werden, um Abwärme sinnvoll zu nutzen. Auch bei Materialien gibt es enorme Potenziale, zum Beispiel durch Algenfarmen im Ozean als Rohstoffquelle für neue Materialkreisläufe.
Friedrich: Bei solchen Gedankenexperimenten wird mir immer wieder klar, wie viele spannende Entwicklungen es bereits gibt, vor allem in Forschungslaboren oder spezialisierten Unternehmen, die sehr tief in einzelnen Themen arbeiten. Besonders interessant finde ich die Frage, wie bestehende Technologien in neue Anwendungen überführt werden können. Oft fehlt in der Forschung jedoch etwas Entscheidendes: Demonstrationsobjekte. Viele Technologien existieren bereits, werden aber nicht greifbar gemacht. Design kann hier eine wichtige Rolle spielen, indem es Anwendungen sichtbar und verständlich macht. Durch diese Veranschaulichung lassen sich Innovationen oft schneller voranbringen, verständlicher vermitteln und damit auch Menschen erreichen und begeistern, die sonst vielleicht gar keinen Zugang zu solchen Themen hätten. Das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen wirken, von kleinen Projekten bis hin zu großen Transformationen. Die Idee mit der Algenfarm ist ein gutes Beispiel. Man könnte weiterdenken: geht es nur um Nährstoffe oder könnten daraus auch Materialien entstehen? Wenn man solche Energie- und Materialquellen systematisch untersucht, eröffnen sich plötzlich völlig neue Möglichkeiten für Gestaltung und Produktion.
Kontakt
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