Tom Dewulf, gebürtiger Belgier und in Erfurt heimisch, ist neben seiner Tätigkeit als Musicaldarsteller, Komiker und Pianist, seit 2021 auch als Autor tätig. Mit seinem neuen Buch “Erfolgreich in die Alterskriminalität“ zeigt er, wie man sensible Themen wie Altersarmut mit Humor und Kreativität zugänglich machen kann. In unserem Gespräch bei einem Kaffee, verrät Tom, warum sein Buch bewusst keine realistischen oder legalen Lösungswege aufzeigt, sondern überspitzte „kriminelle“ Ideen erzählt. Zum Interview erzählt der Wahl-Erfurter, wie er schwierige Themen überhaupt sichtbar und besprechbar macht: nämlich ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit Leichtigkeit, Haltung und einer großen Portion Kreativität.

Humor als Werkzeug: nicht nur zum Lachen
Altersarmut ist zentrales Thema in deinem neuen Buch. Wie haben persönliche Erfahrungen und Beobachtungen dein Schreiben beeinflusst und wie gelingt es dir, ein so ernstes Thema humorvoll und zugänglich zu machen?
Haltung zu zeigen und mit Humor zu kombinieren, ist mir gerade bei einem sensiblen Thema wie Altersarmut besonders wichtig. Durch die gesellschaftliche Vergrauung ist das Problem riesig: alte Menschen, die Pfandflaschen sammeln, werden oft übersehen, dabei haben sie ein ganzes Leben voller Geschichten hinter sich. Mein eigener Opa ist in diesem Jahr gestorben und ich habe mir nie die Zeit genommen, ihn wirklich zu fragen: Wer bist du, was hast du erlebt? Auch eine meiner Großmütter lebt in großer Armut, sie ist ohne fremde Hilfe kaum noch handlungsfähig. Das Buch war für mich eine Möglichkeit, diese Erfahrungen zu verarbeiten und zu überlegen, wie ich mit kreativer Arbeit zum Nachdenken anregen kann, etwa indem ich Themen wie Altersheime oder beschönigende Sprache mit einem absurden, humorvollen Blick betrachte.
„Für mich ist Humor ein wichtiges Werkzeug, damit Menschen abschalten und loslassen können und gleichzeitig Haltung zu zeigen – also im Grunde um ernsthafte Themen spielerisch zu vermitteln, ohne den Spaß zu verlieren“

Wie hast du das im Schreibprozess umgesetzt?
Für mich war das Schreiben dieses Buches ein echter Designprozess. Ich bin sehr strukturiert vorgegangen – mit Recherche, klarer Dramaturgie, Figurenentwicklung und viel Feinschliff. Dabei habe ich von Anfang an professionell mit Lektor Ulrich Allroggen, Monti Schwarz, der das Layout gestaltet hat, und mit Lucia Maluga, die die Zeichnungen umgesetzt hat, zusammengearbeitet. Es ist mein erster Roman und obwohl die Illustrationen ein schöner Teil des Buches sind, standen für mich immer die Geschichten im Mittelpunkt. Im Buch werden bewusst keine realen oder legalen Lösungen angeboten, sondern überspitzte, kriminelle Wege erzählt, um das Thema sichtbar zu machen und überhaupt erst ins Gespräch zu bringen. Mir geht es nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten oder eine Keule zu schwingen. “Erfolgreich in die Alterskriminalität“ soll trotz, oder gerade wegen des ernsten Hintergrunds, eine leichte, unterhaltsame Lektüre sein, mit der man einfach auch eine gute Zeit haben darf.
Aktuell arbeite ich parallel bereits an einem Kinderbuch, das von einer Illustratorin aus den Niederlanden gestaltet wird. Auch hier wieder als gemeinsamer kreativer Prozess, bei dem Text und Bild Schritt für Schritt zusammenfinden.
Welche Herausforderungen gab es bei der Figurenentwicklung für dein Buch und was hat dir geholfen, diese zu meistern?
Ursprünglich hatte ich das Buch ganz anders geplant und zwar als Sammlung von 50 Tipps, wie man in der Alterskriminalität erfolgreich sein kann. Das war zwar lustig, aber mir fehlten die Hintergründe für die Figuren. Ich wollte Charaktere wie Mechthild, die mich seit vielen Jahren auf der Bühne begleitet und die immer die meckernde Rolle einnimmt, lebendig und nachvollziehbar machen; auch für die Leserschaft, die meine Shows nicht kennen. Also habe ich begonnen, bildhafter zu schreiben und letztlich das Buch noch einmal komplett neu aufgebaut.
Ich habe insgesamt anderthalb Jahre an dem Buch gearbeitet und es immer weiterentwickelt. Die größte Herausforderung war, die Figuren lebendig werden zu lassen. Nicht nur durch ihre individuelle Persönlichkeit, sondern auch durch ihre Eigenheiten und -logik. Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich als Schauspieler und Bühnenkonzepter mit der Entwicklung von Charakteren vertraut bin. Diese Erfahrungen haben mir geholfen, die Geschichten authentisch und gleichzeitig humorvoll zu erzählen. Mechthild übernimmt die Sicht auf die anderen Figuren, Brigitte ist eher simpel und setzt sich ganz ungefragt vor ein Toilettenhäuschen mit einem Münzschälchen, Bärbel ist die Pechfrau der Gruppe und Hilde die taffe Stuntfrau.
Altersarmut ist ein Thema, das ihn persönlich betrifft: Die Geschichten seiner Großmutter und seines verstorbenen Opas inspirierten ihn, das Thema auf humorvolle Weise greifbar zu machen. Dabei wird deutlich: Satire kann ernsthafte Themen transportieren, ohne die Lesenden zu überfordern.
Älter werden ist ja auch für das berufliche Kreativschaffen ein wichtiges Thema. Wie verbindest du in deiner Arbeit kreatives Schaffen mit einer nachhaltigen Absicherung?
Ich sehe mich selbst nicht als klassischen Künstler, sondern als kreativen Menschen, der bewusst auch in seine Zukunft investiert und passives Einkommen aufbaut. So verdiene ich beispielsweise mit meiner Musik über die GEMA, betreibe meine eigene Firma Arto Entertainment, bestehend aus Bühne, meinen Verlag Arto Books, über den ich meine Bücher vertreibe und Arto Kids, den Kindermusicals. Durch das breite Spektrum an Möglichkeiten kreativer Vermarktung meiner Produkte, ermögliche ich es mir damit, dass meine Projekte nachhaltig wirken. Arto Kids ist in Belgien zum Beispiel sehr erfolgreich: Dort werden jährlich rund 400 Aufführungen mit sieben verschiedenen Musicals in Schulen und Bibliotheken gespielt. Für den Vertrieb und die Sichtbarkeit meiner Bücher in Erfurt vertraue ich auf die Buchhandlung Peterknecht – ein starker Partner, der mich liebevoll unterstützt.
Alle Bereiche mit Musicals, Büchern, Unterrichtsmaterialien und Postkarten bedingen sich gegenseitig. Das macht das kreative Schaffen stabil und tragfähig, was mich besonders stolz macht, denn Altersarmut ist im Kreativbereich keine Seltenheit. Mein Vater, selbst Künstler und Illustrator, hat mir einst abgeraten, Künstler zu werden, weshalb es mir wichtig ist, Projekte zu entwickeln, die mich selbst absichern und langfristig auch ohne meine direkte Arbeit weiterwirken können. So lässt sich ein Geschäftsmodell schaffen, das im Alter ein stabiles, passives Einkommen liefert, ohne dass man sich überarbeitet oder im schlimmsten Fall nicht mehr arbeiten kann.
Wie bringt man so ein Buch eigentlich auf den Markt. Kann man damit Geld verdienen und wer druckt es?
Das ist natürlich die Frage der Fragen! Und die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Dank meiner Arbeit mit den Kindermusicals in Belgien habe ich einen guten Kontakt zu dem renommierten belgischen Kinderbuchverlag „Clavis Books“. Da kann ich meine ganzen Ideen vorstellen und meisten wird ein Buch rausgebracht. Die Illustrierenden kann ich mir aussuchen, aber meistens wähle ich natürlich meinen Vater.
Wenn aber die Vorstellung des Verlags nicht mit meiner übereinstimmt, publiziere ich das Buch selbst. Man kann sich für 70,00 € eine ISBN-Nummer kaufen. Kauft man gleich zehn, dann zahlt man 150,00 €. Und für 100 ISBN-Nummern (ich denke gerne groß) 300,00 €. Der Vorteil beim Verlag, ist natürlich die ganze Organisation und Verteilung deiner Bücher. Dafür zahlst du auch den Preis. Wenn man selber die Bücher produziert, hat man zwar am Anfang erstmal viele Kosten, aber danach verdient man etwa fünf Mal so viel. Nur da ist es schwierig, seine Bücher in Umlauf zu bringen. Wie immer gibt es also Pro und Contra und man sollte als Autor oder Autorin selbst abwägen, was man an Zeit, Energie und Ressourcen investieren möchte.,
Mein Tipp: Es wäre schade eine tolle Idee nicht ausführen zu können, weil Verlage nicht antworten oder man selber nicht den Mut oder die finanziellen Mittel hat, das Projekt zu realisieren. In dem Fall bin ich immer offen für ein Gespräch, denn kreative Ideen sollten IMMER das Tageslicht sehen!


Kontakt
Tom Dewulf
info@tomdewulf.com
www.arto-entertainment.com
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