Zwischen Post-its und Perspektivwechsel

Wie im Cross Lab kluge Ideen für die Wirtschaft entstehen

Wenn verschiedene Perspektiven unterschiedlicher Branchen zum gemeinsamen kooperativen Lösen von Herausforderungen zusammenkommen, heißt die Überschrift „Cross Innovation„, also branchenübergreifende Innovationsentwicklung. Im Thüringer Cross Lab der THAK wird Cross Innovation erfahrbar gemacht. Kreativschaffende, Geschäftsführerinnen von Thüringer KMU sowie deren Mitarbeitende steckten im Oktober 2025 für dreieinhalb Tage die Köpfe zusammen, um gemeinsam Wachstumsstrategien für einen Essensversorger und Lösungen für eine herausfordernde Unternehmensnachfolge zu entwickeln. Das Fazit: Gezielt eingesetzte Kreativität setzt innerhalb kurzer Zeit Problemkerne frei und beschleunigt Ideenwachstum außerhalb bestehender Denkstrukturen.

Im Cross Lab 2025 in Erfurt erlebten Unternehmensvertretende und Kreativschaffende, wie unterschiedliche Denkweisen kluge Ideen fördern. Angeleitet wurde das Cross Lab von Systemdesignerin Veronika Busch, alle Fotos: THAK.

Daniela Hühn leitet mit Menü Mobil ein Unternehmen für Schul- und Kitaverpflegung. Die Branche, in der sie sich bewegt, steht unter starkem Druck. Einerseits müssen niedrige Preise für Eltern und Einrichtungen eingehalten werden, andererseits steigen die Kosten für Lebensmittel, Energie und Personal kontinuierlich. Schwankende Bestellmengen erschweren die Produktionsplanung und führen nicht selten zu Überkapazitäten oder Lebensmittelverlusten. Gleichzeitig sind die Margen gering, während Logistik und Lieferzeiten präzise funktionieren müssen. Innovative Lösungen werden unter diesen Bedingungen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Das 70-köpfige Unternehmen Menü Mobil aus Vogelsberg möchte nachhaltig, wirtschaftlich und sinnvoll wachsen. Die Frage ist nur: wie?

Auch Isabella Cardenas bringt eine komplexe Herausforderung mit ins Cross Lab. Sie steht vor der Aufgabe, das Familienunternehmen, ein Fachgroßhandel für Reinigungs- und Hygieneprodukte mit Sitz in Waltersleben, zu übernehmen. Wie viele ostdeutsche Betriebe, die in den 1990er-Jahren gegründet wurden, steht auch dieses Unternehmen vor einem Generationenwechsel. Für Nachfolgerinnen und Nachfolger ist dieser Schritt oft besonders anspruchsvoll – strukturell, wirtschaftlich und im Familienunternehmen vor allem auch emotional.

Neue Generationen übernehmen häufig Betriebe, die stark von der Persönlichkeit der Gründerin oder des Gründers geprägt sind. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Traditionsbewahrung und radikaler Erneuerung. Gleichzeitig verändern neue Technologien, Fachkräftemangel und dynamische Märkte die Rahmenbedingungen immer schneller. Und nicht zuletzt geht es bei einer familiären Übergabe auch um Beziehungen: Erwartungen, Rollenwechsel und persönliche Bindungen müssen neu ausgehandelt werden. Isabella Cardenas fragt sich, wie sie die Mitarbeitenden des Unternehmens auf den neuen Weg, ihren eigenen, von Neuerungen geprägten Weg, mitnehmen kann.

Nach und nach füllen sich die Wände mit Post-its – Notizen, Gedanken, kleine Illustrationen, Wörter. Das passiert nicht einfach so. Ohne Struktur können Gedankengänge und Ideen schnell verpuffen. Zwischen konzentrierten Gesichtern und Aha-Momenten liegt deshalb ein Leitfaden, den es im Cross-Innovation-Prozess braucht.

Hier kommt die Moderation und die richtige Kreativmethode ins Spiel. Zwei weitere Erfolgsfaktoren eines Cross Labs. Die Systemdesignerin Veronika Busch moderiert das Cross Lab und sorgt dafür, dass jeder Gedanke, jede Skizze und jede Diskussion in geordneten Bahnen verläuft und gleichzeitig die kreative Freiheit nicht eingeschränkt wird.

Die Methode, die sie verwendet, heißt Design Thinking – ein systematischer Ansatz, der auf Perspektivwechsel, schnelles Ausprobieren und iteratives Arbeiten setzt. Veronika führt die Teilnehmenden Schritt für Schritt durch den Prozess. Geht es irgendwo nicht weiter, bringt sie punktuell und passgenau weitere Methoden, zum Beispiel aus der systemischen Aufstellung, mit ein. Jeder Gedanke bekommt Raum, jede Perspektive zählt. Freiheit und Struktur halten sich die Waage und bilden so genau die richtige Atmosphäre für Innovation.

Der wahre Wert dieser interdisziplinären Forschungsabteilung auf Zeit zeigt sich bereits im ersten Schritt der Zusammenarbeit. Nämlich an dem Punkt, an dem sich die Kreativen in die beiden Herausforderungen des Cross Labs einarbeiten. Sie haben Fragen. Und zwar sehr viele. Kreativschaffende sind es gewohnt, Altes zu hinterfragen und Gewohntes auf den Prüfstand zu stellen. Stück für Stück arbeiten sich die Cross-Lab-Teams so gemeinsam zum Kern der unternehmerischen Herausforderungen vor – und erleben die eine oder andere Überraschung.

Unser Kreativraum steht am zweiten Tag des Cross Labs für ein paar Stunden leer. Die Unternehmerinnen, Mitarbeitenden und Kreativschaffenden sind gemeinsam losgezogen, um mit denjenigen zu sprechen, die die Ideen später erreichen sollen. Die Cross-Labler und -Lablerinnen begleiten die Mitarbeitenden des Fachgroßhändlers bei der Auslieferung der Produkte und sprechen Menschen vor Erfurter Bistros und Fleischereien an, die Essensangebote für die Mittagspause unterbreiten.

Diese Gespräche und die konsequente Neugier, die die Kreativschaffenden mit ins Team bringen, werfen schließlich ein ganz neues Licht auf das, was die Unternehmerinnen davor als gesetzt ansahen.

Das Team um Daniela Kühn gewinnt neue Perspektiven. Eine Ausweitung des Geschäftsmodells auf die Mittagspausenversorgung von Unternehmenskunden und -kundinnen erscheint sinnvoll. Doch entscheidender ist eine andere Erkenntnis: Menschen achten weniger auf die Herkunft der Zutaten als darauf, wer kocht. Und mit wem sie essen. Mittagessen wird so zu einem emotionalen Moment zwischen Menschen.

Auch dem Team um Isabella Cardenas wird etwas Zentrales klar: Die Basis für eine zukunftsfeste Transformation liegt nicht bei den Mitarbeitenden, sondern in den Dynamiken zwischen Übergebenden und Nachfolgender.

Dieser Erkenntnisgewinn ist typisch für das Cross Lab und die Folge des konsequenten Perspektivwechsels. Cross Innovation hat die erste magische Karte gespielt. Die Teilnehmenden befinden sich auf einem Hoch.

Zurück im Kreativraum werden Aussagen, Zitate und Eindrücke „von der Straße“ mit Stift und Klebezetteln auf die Packpapierflächen übertragen. Dann wird es still. Nur der Wind vor den großen Fenstern ist zu hören. Die bunten Herbstbäume lassen sich nur noch als wiegende Schatten erahnen. Es ist dunkel draußen. Drinnen wird im Scheinwerferlicht an Ideen gefeilt. Jeder und jede Teilnehmende für sich. Zunächst. Endlich. Die acht Cross-Labler und -Lablerinnen mussten sich bisher in Geduld üben, nicht vorschnell in die Ideenphase einzusteigen. Menschen sind es gewohnt, sofort an Lösungen zu denken. Im Cross-Lab-Prozess geht es jedoch um das Zuhören. Um Empathie. Erst daraus entstehen tragfähige Ansätze.
Bei der Entwicklung von Ideen ist der Möglichkeitsraum im Cross Lab groß und der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Alles ist erlaubt. Erst später werden Ideen gemeinsam ausgewählt, verfeinert und weiter bis zum Prototypen verfolgt, der dann wiederum im Feld, also bei der Zielgruppe, getestet wird. Bis es soweit ist, werden die Teams noch weitere Schritte durchlaufen und sich nicht auf ihrem Hoch halten. Ideen werden zusammen weitergedacht und wieder verworfen werden müssen. Die Cross-Lab-Teilnehmenden werden ratlos in ein ganz persönliches, prozessbedingtes Stimmungstief gleiten, bevor weitere Methoden den Teams helfen, nochmal in ganz andere Richtungen zu denken. Gefolgt von einem weiteren Stimmungshoch. Dieses iterative Vorgehen ist typisch für Cross Innovation. Genauso wie die Achterbahnfahrt der Zusammenarbeit.

Am vierten und letzten Tag des Cross Labs, einem Donnerstag, stehen die vier Kreativschaffenden, die zwei Unternehmerinnen und ihre zwei Mitarbeitenden vor Flipcharts und Planwänden, die die erarbeiteten Lösungswege zusammenfassen und dokumentieren. Und vor einem Publikum. Die THAK hat gemeinsam mit den Cross-Lab-Teams zur Ergebnispräsentation geladen. Unser Kreativraum hat sich erneut gewandelt und präsentiert sich jetzt als Veranstaltungsraum. In der Mitte steht ein kleines Buffet mit Stullen und Getränken. Drumherum stehen Gäste mit Klemmbrettern in der Hand. Feedback ist ausdrücklich erwünscht. Das Team um Menü Mobil startet mit der Präsentation seiner Idee. Es hat eine Kommunikationskampagne für den neuen Geschäftszweig, die Mittagspausenversorgung für Unternehmenskunden und -kundinnen, entworfen. Man fühlt sich wie bei einem Agenturpitch. Hinter dem Team ein Flipchart, auf dem es den Prototypen seiner Ideen befestigt hat: ein Plakat mit Gesichtern der Köche und Köchinnen von Menü Mobil mit griffigen Slogans. Das Narrativ: Mittagessen als verbindendes Erlebnis. Die Verbindung zwischen Zubereitenden und Konsumierenden der Mahlzeiten soll auch über beigelegte Botschaften in den Lieferboxen hergestellt werden. 

Das Team Menü Mobil reicht Prototypen, kleine Zettel mit Botschaften der Köche und Köchinnen, im Publikum herum. Dieses macht sich eifrig Notizen. Das Team rund um Witzki & Grimm hat sich für die Nachfolge im Familienunternehmen eine Veranstaltungsreihe überlegt, die den Nachfolgeprozess begleitet und alle Menschen, die im Unternehmen tätig sind, einbindet. Sie möchten mit den Events eine Brücke von der Wertschätzung der Vergangenheit hin zum neugierigen Blick auf die Zukunft schlagen. Zum Beispiel mit einer Weihnachtsfeier, bei der die Gründungsgeschichte des Unternehmens im Märchenformat erzählt wird. Außerdem sollen interne Veränderungen niedrigschwellig eingeläutet werden, um die Angst vor großen Umbrüchen zu nehmen. Ein Beispiel für eine kleine Veränderung, die auf große Transformationen einstimmt, ist das Umstellen von Büromöbeln, welches für das Frische-Wind-Gefühl sorgt. In der Ergebnispräsentation konzentriert sich das Team vor allem auf den Weg, den sie im Cross-Innovation-Prozess von der Schärfung der Herausforderung bis zur fertigen Idee gemeinsam gegangen sind. Sie haben sich dafür entschieden, diesen Weg in einer Performance darzustellen. Wie in einem Theaterstück stellen sie die Prozessschritte mit allen Höhen und Tiefen nach. Immer wieder wird die Vorstellung von den Darstellenden mit dem Satz „Das hat nicht geklappt“ unterbrochen. Sie sprechen ihn gemeinsam aus. Gemeinsam rücken sie weiter zum nächsten Flipchart. Spielen die nächste angewandte Methode nach. Präsentieren die daraus hervorgegangene Idee.

Und genau das trifft den Charakter des Cross Labs: Das Gemeinsame, das Iterative, das Ergebnisoffene, das Voranschreitende, die Achterbahnfahrt, das überraschende Ergebnis. Und schließlich, mit den Worten eines ehemaligen Cross-Lab-Teilnehmenden zusammengefasst, die wohltuende Erkenntnis, „dass es für fast jede unternehmerische Herausforderung eine Lösung gibt. Der Schlüssel liegt darin, offen zu sein, neue Blickwinkel einzunehmen und ein kreatives Netzwerk aufzubauen“.

Cross Innovation macht für diejenigen, die sich darauf einlassen, erfahrbar, dass Kreativität und Innovation kein Zufall sind, sondern die Ergebnisse eines strukturierten, gemeinsamen Prozesses von Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven.

Cross Lab 2026: Cross Innovation live erleben in der Sandbox in Erfurt

Wie entstehen aus unterschiedlichen Perspektiven neue Lösungen für unternehmerische Herausforderungen? Beim Cross Lab 2026 arbeiten zwei Thüringer Unternehmen gemeinsam mit vier Kreativschaffenden an genau dieser Frage. Am 29. Oktober ab 15:45 Uhr präsentieren die Teams ihre Ideen und geben Einblicke in den kreativen Prozess. Kommt zur öffentlichen Ergebnisschau in die Sandbox Erfurt und erlebt, was in dreieinhalb Tagen branchenübergreifender Zusammenarbeit entstanden ist!

Das Cross Lab 2026 findet in der Sandbox in Erfurt statt.

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Claudia Köhler

Vernetzung & Transfer