Neue Wege für ein altes Gewerk

Jungdesignerin will das Porzellanhandwerk in die Zukunft tragen

Die 29-jährige Designerin Isa Schreiber eröffnet am 23. März 2024 ihr Studio für alternatives Porzellanhandwerk in Weimar. Ihr Ziel ist es, hier neue Herstellungswege für Porzellan zu explorieren, einen Raum für Ideen zu schaffen und aufzuzeigen, welche Potenziale in diesem traditionellen Handwerk verborgen liegen. Laut der Bauhaus-Uni-Absolventin, die außerdem einen Master in Glas- und Keramikdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle hat und als Dozentin in Weimar und Halle tätig war, ist es möglich, die traditionellen Produktionsschritte und somit die gesamte Branche in einen zeitgemäßen Kontext zu bringen. Nachhaltige Verfahren gehen dabei mit innovativen Formgebungen einher.

Fotos: Isa Schreiber

Wann wurde dir klar, dass du deine Kreativität zum Beruf machen möchtest?

Ich war noch sehr jung, als mir bewusst wurde, dass mein Weg in eine kreative Richtung gehen wird und ich hatte das Glück, dass mir meine Eltern bezüglich meiner Träume immer den Rücken freigehalten haben. “Probiere dich aus und mach das, was dich glücklich macht”, hatten sie immer zu mir gesagt. Und dieser Satz begleitet mich bis heute – auch jetzt, in der Neugründungsphase meines eigenen Porzellan-Studios in Weimar.

Wie gestaltete sich dein Weg in die Selbstständigkeit?

Zunächst einmal hatte ich das Thema Porzellan gar nicht auf dem Schirm. Mein Wunsch als frisch gebackene Abiturientin war es, Innenarchitektur zu studieren. Da ich nicht allzu weit weg von meiner Heimat Bad Bibra sein wollte, entschied ich mich für ein Studium an der Burg Giebichenstein in Halle. Um angenommen zu werden, war mehrmonatige Praxiserfahrung nötig und so fing ich eine Tischler:innenausbildung in Merseburg an. Die folgenden Monate waren für mich sehr hart. Als Frau in einem männerdominierten Ausbildungsberuf, ohne richtige Einweisung der Geräte und Montage statt Schule, verzweifelte ich. Ich blieb aber erst einmal dran, da ich es grundsätzlich wichtig finde, die Dinge, die ich anfange, auch durchzuziehen – ein wichtiger Leitspruch übrigens, wenn es um das Thema Gründen geht.

In dieser Phase machte ich mir jedoch erneut Gedanken darüber, was ich wirklich machen möchte. Und dann überlegte ich: Wer gestaltet eigentlich die Gegenstände, die es für eine gelungene Einrichtung braucht? Und so bin ich auf das Produktdesign gekommen. Ich habe mich zum nächstmöglichen Zeitpunkt bei der Bauhaus-Universität für das entsprechende Studium beworben, wurde gleich angenommen und habe die Tischler:innen-Ausbildung abgebrochen. Nach meinem Bachelor spezialisierte ich mich im Master schließlich auf Glas- und Keramikdesign und widmete meine Abschlussarbeit, die im Juli 2022 für den GiebichenStein Designpreis in der Kategorie “bestes Experiment” nominiert wurde, dem Thema “Prozesshafte Ästhetiken” und somit den Potentialen des Materials.

Du hast ein neues Porzellanherstellungsverfahren entwickelt. Erzähl uns mehr darüber.  

Die von mir entwickelte Herangehensweise ist vom Porzellan-Vollgussverfahren inspiriert. Nur, dass ich die Arbeitsschritte umgedreht habe. In monatelangen Experimenten habe ich versucht, das traditionelle Herstellungsverfahren energiesparender zu gestalten. Durch die vorher aufgetragene Glasur direkt in die Gipsform, statt auf das Porzellan, wird es zum Beispiel möglich, dass Handwerker:innen das Porzellan nur einmal statt zweimal brennen müssen – das spart Zeit und Ressourcen. Durch den „Beschichteten Vollguss“ entstehen aber auch neue Ästhetiken in der Oberfläche. 

Was inspiriert dich zu deinen Kreationen?

Tatsächlich meist Unternehmungen, Dinge und Momente, die nicht kreativ sind. Wenn ich meinen Kopf von Kreationen frei mache, kommen die Ideen. Aber wenn ich ein Vorbild nennen würde, dann ist es die Natur – sie ist immer Teil meiner Arbeit. Das liegt nahe, denn Keramik ist an sich ein natürliches Material. In meinen Arbeiten bringe ich gerne organische Elemente mit technischen Innovationen in Einklang. Bei künstlerischen Arbeiten, wie meiner Kugelgelenkkette, haben mich zum Beispiel medizinische Prothesen inspiriert. Mir hilft es, im Nicht-Kreativen das Kreative zu suchen und es auf meine Art und Weise künstlerisch zu übersetzen. Das macht jedes Stück am Ende einzigartig.

Du wirst bald dein eigenes Porzellan-Studio eröffnen. Was möchtest du damit bewirken?

Ich möchte in Workshops in meinem Studio mein Wissen an Kund:innen und Branchenkolleg:innen vermitteln und mich selbst weiterentwickeln. Ich gründe allein, kann mir aber vorstellen, dass sich durch Veranstaltungen und Workshops in dem von mir geschaffenen Raum Kontakte zu spannenden Menschen ergeben, die sich mit ihren Ideen einbringen. Ich möchte, dass im Studio in Weimar ein kreativer Spielplatz entsteht, sodass in einem geschützten Rahmen und fernab der Industrie neue Ideen gesponnen werden und sich Projekte und Kooperationen ergeben können.

„Ich möchte, dass im Studio in Weimar ein kreativer Spielplatz entsteht, sodass in einem geschützten Rahmen und fernab der Industrie neue Ideen gesponnen werden und sich Projekte und Kooperationen ergeben können“

Das Studio soll also ein Ort des Erfahrungsaustausches, der Sensibilisierung für neue Wege in der Branche, Experimentierraum und natürlich auch Präsentationsfläche für meine Porzellankreationen sein. Ich wünsche mir, dass diese nicht als anonyme Produkte, sondern als innovative Marker fungieren, die auf neue Herstellungsarten verweisen und Kund:innen neben visuellen Anreizen vor allem Wissen über die Hintergründe, Verfahrensweisen und Möglichkeiten vermitteln, die Porzellan bietet.

Worauf kommt es beim Gründen deiner Meinung nach an?

Ich wusste immer, dass ich bei der Gründung Disziplin und Durchhaltevermögen brauchen werde. Diese Eigenschaften habe ich mir bei der Arbeit und im Studium angeeignet. Denn als Gründerin durchläuft man verschiedene Phasen. Es gibt die Phase, in der eine Idee keimt, in der man voller Optimismus ist. Im Verlauf der Gründung kommt dann immer mehr Verantwortung hinzu. Dann kommt eine Phase, in der man weniger kreativ ist. In der man auch mal pessimistisch ist. Wenn man sich an die Intention der Gründung zurück erinnert, das fertige Ergebnis visualisiert, dann kommt die Überzeugung zurück und man weiß: Ich probiere das jetzt. Angst und Zweifel gehören dazu. 

Ich habe vor drei Jahren begonnen, für meine Gründung zu sparen. Heute muss ich mir natürlich die Frage stellen, ob mein Wunsch von vor drei Jahren immer noch derselbe ist. Es tut mir gut, für diese Fragen inne zu halten. Und es ist auch ok, drei Jahre auf etwas hinzuarbeiten und dann festzustellen, dass die ursprüngliche Idee nicht mehr zu einem passt. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern ist viel professioneller als den/die innere:n Kritiker:in zu übergehen. Denn die Zweifel an der Gründung begleiten mich ständig und dürfen nicht ignoriert werden. Vor drei Jahren wusste ich noch nicht, dass ich mich auf alternative Fertigungsverfahren konzentrieren möchte. Deshalb habe ich mein Konzept zwischenzeitlich anpassen müssen. Ein wenig Angst habe ich nach wie vor, aber ich gründe trotzdem. Mein ganz persönlicher Tipp: Macht euch euren Worst Case bewusst. Was passiert im schlimmsten Fall, wenn es mit der Gründung nicht klappt? Wenn die Welt davon nicht untergeht: Versuchen! Es ist nicht schlimm zu scheitern, es ist schlimm, wenn man es nicht versucht hat. Und vielleicht wartet hinter einer sich dann öffnenden Tür auch schon eine neue Idee. Das bringt Ruhe in unsichere Phasen. Darauf vertrauen, dass Neues kommt, wenn es kommen soll.

Für die Weiterentwicklung von Ideen sind Thüringer Förderprogramme, wie das sechsmonatige Start-up-Programm “neudeli Fellowship” der Bauhaus Universität Weimar oder die Thüringer Gründungsprämie unglaublich tolle finanzielle Unterstützungen, die ich empfehlen kann. Hinzu kommt das Kennenlernen von Netzwerkpartner:innen in und außerhalb der eigenen Branche, die ich unter anderem 2023 beim Cross Lab der THAK und von ThEx innovativ kennengelernt habe. Mit Künstler:innen und Designer:innen zusammenzuarbeiten öffnet den Blick für andere Themen und Herangehensweisen in der Kreativwirtschaft. Zudem bewerbe ich mich regelmäßig für Design Awards, wie dem Green Concept Award, um mich und meine Visionen sichtbar zu machen.

Wie bist du das Thema Geschäftsmodell angegangen, um deine Idee zu monetarisieren?

Im Studium lernt man nicht viel über das Entwickeln von Business-Cases. Man wird nicht auf das “Danach” vorbereitet. Daher muss man, vor allem wenn man allein gründet, knallhart ehrlich zu sich selbst sein und darf sich die Zahlen nicht schönreden. Viele haben großen Respekt vor dem Finanzplan, aber als ich mich für die Beantragung der Thüringer Gründungsprämie intensiv mit meinem Geschäftsmodell beschäftigt habe, war das sehr aufschlussreich für mich. Wichtig ist, loszulegen, sich zu informieren, andere Menschen, die viel Wissen und Erfahrung haben, zu fragen, Berater:innen hinzuholen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Wenn man sich vor dem Geschäftsmodell und Finanzplan scheut, sollte man sich zeitig damit auseinandersetzen und offen an Expert:innen wenden. Dann löst sich diese schwarze Wolke auf und man kann wieder kreativ sein. Dafür ist auch der Austausch mit anderen Gründer:innen wertvoll. Mit diesen, aber auch mit Hilfe vom ThEx habe ich Wissenslücken geschlossen und Antworten auf Fragen rund ums Business gefunden. Es ist wichtig, zu verstehen, dass man nicht alles wissen muss, aber immer fragen kann.

Welche Visionen hast du für dich und dein Studio?

Mein absolutes Lieblingsszenario ist, dass sich mein Studio in Weimar zu einem Ort der Begegnung etabliert, in dem sich Menschen aus verschiedenen Bereichen und mit unterschiedlichen Intentionen über Porzellan informieren, an Workshops teilnehmen und Lust haben, das Material kennenzulernen. Ich möchte hier nicht nur 100 Tassen im Monat verkaufen, sondern ich will, dass mehr Wertschätzung und vor allem neue Ideen für das Porzellanhandwerk entstehen. Das Material ist unglaublich wandelbar und birgt in so vielen Bereichen Potenzial – nicht umsonst wird Keramik auch in hochwertigen Prothesen im menschlichen Körper eingebaut.

Keramik taugt zu so viel mehr, als nur zu einer schönen Tasse. Diese Botschaft möchte ich als Designerin und Mentorin verbreiten und sie auch in große Manufakturen tragen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten und neue Herstellungsverfahren etablieren würde. Aber das ist Zukunftsmusik. Bis dahin freue ich mich auf meinen Weg als Designerin, der sicher eine spannende Reise wird, die ich mit Freude und Lust bereit bin, anzutreten.

Kontakt

Studio Isa Schreiber 
Produktdesign, Ceramics & Craftdesign
www.isaschreiber.com
Mail: studioisaschreiber@mail.de
Instagram: @isa.schreiber

Studio
Studio Isa Schreiber
Rittergasse 1
99423 Weimar

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