Kunst, Musik und Menschen verbinden

Im Gespräch mit dem Atelier Reservoir aus Erfurt

“Die Liebe zum Kreativsein” – das bedeutet für die gebürtige Bad Liebensteinerin Julia Neundorf neben der “Arbeit mit verschiedenen Materialien und Inspiration, das Ausprobieren und der ständige Prozess, etwas Neues zu erschaffen”. Ihr kreatives Portfolio umfasst Öl, Kreide, Acryl, Kohle, Holz und Ton. Dabei zeigt die ausgebildete Holzbildhauerin, die in Erfurt Freie Kunst studiert hat, ihre Arbeiten nicht nur in hiesigen Bars und Cafés, wie dem Café Nerly und dem Speicher, sondern stattete auch Kultur- und Kreativorte, wie den Stadtgarten 2.0 aus.

Seit 2019 bietet sie ihr Atelier Reservoir in der Webergasse in Erfurt als “Ort der Begegnung” an. Neben der Nutzung als offenen Kreativspace für Kunstinteressierte, gibt es seither im Quartier kulturelle Abende mit Konzerten, Workshops und Impulsen. Ich wollte mehr darüber erfahren und habe mich mit der Wahl-Erfurterin zu heißem Tee in gemütlicher Atmosphäre getroffen.

Erfurt – Ort für Begegnung und kreativer Chancengeber

Farbspuren leuchten auf dem dunklen Boden, es riecht nach Papier, Acryl und Kerzenduft. An den Wänden entdecke ich Skizzen, Drucke sowie farbenfrohe Malereien. Als ich das Atelier der Erfurter Künstlerin Julia Neundorf betrete, begrüßt sie mich mit heißem Tee. In Erfurt lebt die Künstlerin seit 2014 und hat bis heute immer noch das Gefühl, am richtigen Platz zu sein.

“Die Kreativität, meine Community und meine Positionierung als Künstlerin in dieser schönen Stadt kamen einfach auf mich zu”, erzählt Julia, während wir uns an den mit Narzissen geschmückten Tisch im Atelier setzen. “Ich bin von Anfang an voller Mut und Enthusiasmus in meine Berufung als Künstlerin gestartet.” Das Studium der Freien Kunst an der Universität Erfurt verschlug die gebürtige Thüringerin in die Landeshauptstadt. “Bereits während meiner Ausbildung zur Bildhauerin in der Rhön wurde mir klar, dass ich mich als Künstlerin selbstständig machen möchte.

Um noch mehr fundiertes Wissen über künstlerische Praxis, Vermittlung und Geschichte zu erlangen, entschied ich mich für ein anschließendes Studium hier in Erfurt, wo ich dann auch geblieben bin”, erinnert sich Julia. Noch während ihres ersten Semesters bekam sie die erste Möglichkeit, ihre Arbeiten in der Erfurter Saline öffentlich auszustellen.

“Egal ob professionelle:r oder Hobbykünstler:in – in Erfurt, so mein persönlicher Eindruck, bekommt man schnell und unkompliziert die Chance, sich und seine Kunst zu zeigen und kann so aktiv die Stadt mitgestalten.”

Kunst ist schön UND wirkungsvoll

Mit ihrem künstlerischen Handeln möchte Julia Neundorf nicht nur das Auge erfreuen, sondern vor allem etwas bewirken und eine politische Position einnehmen. So setzt sie künstlerische Aufträge für beispielsweise die zivilgesellschaftliche Initiative Decolonize Erfurt um, die sich für die “Überwindung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und aller Gewalt” einsetzt. Für eine stille Demonstration der Black-Lives-Matter-Bewegung, hat sie zudem George Floyd auf Plakaten porträtiert und sich in der University of Glasgow künstlerisch an einem dortigen großen Demokratie-Projekt in der Wissenschaft beteiligt, welches die Forschung von Diktaturen beinhaltete.

Auch ihr Atelier nutzt sie als Begegnungsstätte für respektvolles Miteinander sowie Austausch zwischen verschiedenen Kulturen in der Stadt. “Kunst und Kultur haben die Kraft zu verbinden – die Sprache der Kunst funktioniert nonverbal, über alle Herkünfte und Wortschätze hinweg. Im Atelier möchte ich daher durch offene Kunstaktionen, aber auch musikalische Abende Menschen aus unterschiedlichen Nationen zusammenbringen. 

Beim gemeinsamen Kreativsein findet jede:r seine oder ihren individuellen Ausdruck, der ganz ohne Wertung funktioniert und verbindet. Da Kunst aber eine doch ziemlich teure Angelegenheit ist und daher nicht alle den Zugang zu ihr finden können, sind hier die offenen Ateliertage für alle Teilnehmer:innen kostenlos.” Ihre Kunst und ihr Können zu teilen, bestärkt die Thüringerin jeden Tag aufs Neue, selbstständig zu bleiben.

“Es ist enorm wichtig, dass lokale Künstler:innen in lokale Orte integriert werden, in ihrer Stadt wirken können und so ein Gesicht bekommen. Das prägt nicht nur die subkulturelle Szene, sondern auch ein modernes und offenes Stadtbild, das genauso dazugehört, wie Dom und Tigerentenfiguren.”

Damit ihre Visionen möglich gemacht werden können, wird Julia von der Erfurter Kulturförderung bei derartigen Kunstaktionen und den angebotenen Workshops finanziell unterstützt. Zudem hat sie zusammen mit lokalen Künstler:innen und Musikschaffenden 2021 den ehrenamtlichen Künstlerverein Reservoir e.V. gegründet, der das Teilen künstlerischer Prozesse mit jungen Menschen in der Stadt sowie Erfahrungsaustausch über Kunst und Kultur in den Fokus rückt. Der Verein mit dem Atelier Reservoir, frei übersetzt Gefäß vieler Ideen, bietet darüber hinaus lokalen Kreativschaffenden eine Fläche zum Ausstellen. Ziel ist es, die heranwachsende Subkultur zu stärken.

Ein Kunststadtblatt soll hiesige Potenziale offen legen

Auch Julia lässt sich täglich in Erfurt inspirieren, in das sie immer wieder gerne nach ihren Reisen ins Ausland zurückkehrt: “Das altehrwürdige Stadtbild hier ist einfach wunderschön. Als Bildhauerin faszinieren mich die mittelalterlichen Gebäude, aber auch Menschen und Momente sowie kulturelle Orte. Meine kreativen Pausen verbringe ich gerne mit einem Buch am Wasser oder einem heißen Kaffee im Kurhaus Simone”, verrät mir Julia, während ein frischer Rooibos-Tee aufgebrüht wird. Auf dem Tisch neben Skizzenbüchern und Stiften entdecke ich ein Magazin mit dem Titel “Atelier Reservoir – Mina Sinima”. Was hat es damit auf sich?

Neben ihren malerischen Tätigkeiten habe sie in den vergangenen Wochen an einem Kunstmagazin über und für Erfurt gearbeitet. “Die Umsetzung des Magazin habe ich schon lange im Kopf”, so Julia. “Es ist als Wertschätzung für die Menschen im Atelier gedacht, die hier kulturelles Programm bieten, aber auch für Teilnehmende vergangener Veranstaltungen. Zudem portraitiere ich im  Magazin lokale Kreativschaffende und Musiker:innen in Form von Interviews und sensibilisiere so für kreative Potenziale in Erfurt.”

Die erste Ausgabe ist bereits als E-Paper, aber auch in einer Printversion verfügbar, die vom LAP Erfurt kofinanziert wurde. In Zukunft sind drei bis vier Ausgaben des Kunstmagazins pro Jahr geplant. “Mein Ziel ist es, das Magazin als Kunststadtblatt zu etablieren und somit Erfurter:innen, aber auch Besucher:innen der Stadt zu zeigen: Hier ist kreativ einiges geboten!” Für die nächsten Ausgaben ist die Künstlerin auf der Suche nach Unterstützer:innen – egal ob Spenden für die Umsetzung oder auch interessante Interviewpartner:innen.

Kunst-Retreats sollen das kreative Zusammensein stärken

Was steht sonst noch in nächster Zeit an, frage ich, als ich meinen letzten, bereits erkalteten Schluck Tee austrinke und meinen Blick über die an der Wand gestapelten Leinwände schweifen lasse. “Mein nächstes großes Herzensprojekt wird die Umsetzung und Organisation eines Kunst-Retreats sein. Hierbei sollen Kunst- und Kulturschaffende auf einer einwöchigen Reise zusammenkommen, malen, Musik machen und sich bei gutem Essen austauschen. Als Künstlerin ist das einsame Wirken Teil meines Alltags. Zusammen kreativ zu sein ist sehr inspirierend und schafft neue Perspektiven.”

Bis dahin plane Julia die kommenden Kunstaktionen und Ausstellungen im Atelier Reservoir für 2023 und freue sich auf interessierte Besucher:innen und neue Projekte in und für ihre Wahlheimat Erfurt.

Als Künstlerin ist das einsame Wirken Teil meines Alltags. Zusammen kreativ zu sein ist sehr inspirierend und schafft neue Perspektiven.” Bis dahin plane Julia die kommenden Kunstaktionen und Ausstellungen im Atelier Reservoir für 2023 und freue sich auf interessierte Besucher:innen und neue Projekte in und für ihre Wahlheimat Erfurt.

Kontakt

ATELIER RESERVOIR
Webergasse 25, 99084 Erfurt
julia-sophia-neundorf.com
julia-neundorf@gmx.de
@reservoir_atelier


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Kommunikation

np@thueringen-kreativ.de
0175 / 609 1897

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Header- und Beitragsbild: Pixabay.

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