Kunst, die Menschen ZUSAMMENbringt

Keith Haring und warum das Kunsthaus Apolda ein Ort für Dialog und neue Perspektiven ist

Zwischen historischen Villen und Strickereigeschichte liegt in Apolda ein Ort, der seit über 30 Jahren internationale Kunst nach Thüringen holt. Im Kunsthaus Apolda Avantgarde haben hier Werke von Max Liebermann ebenso ihren Platz gefunden wie Pablo Picasso oder kommendes Jahr Gerhard Richter. Mit “Keith Haring – Posters“ zeigt das Kunsthaus aktuell rund 80 Originalplakate. Haring nutzte Poster, Wandbilder und den öffentlichen Raum, um über Menschenrechte, Diversität, Gleichberechtigung und HIV/Aids aufzuklären. Geschäftsstellenleiterin Claudia Söllner möchte mit der Schau Menschen miteinander ins Gespräch bringen, neue Zielgruppen erreichen und zeigen, dass Kunst Orte schaffen kann, an denen Demokratie, gesellschaftliche Teilhabe und Kreativität gemeinsam verhandelt werden.

Titelbild:  Matthias Eckert.

Im Interview mit Geschäftsstellenleiterin Claudia Söllner vom Kunsthaus Apolda Avantgarde, Foto: Michael Söllner.

Ausstellungen wie diese planen wir viele Jahre im Voraus. Dass Keith Haring gerade jetzt bei uns zu sehen ist, ist also kein spontaner Entschluss. Trotzdem passt die Ausstellung genau in unsere Zeit. Seine Themen sind aktueller denn je und ich finde es wichtig, einem Künstler Raum zu geben, der sich für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Aufklärung eingesetzt hat. Gleichzeitig zeigt sich gerade, wie viele unterschiedliche Menschen wir damit erreichen. Besonders freue ich mich über die vielen Schulklassen, die zu uns kommen – aus dem Englisch-, Kunst- oder Ethikunterricht, aber auch aus Grundschulen oder Jugendgruppen.

Dass wir solche Ausstellungen überhaupt zeigen können, verdanken wir einer Zusammenarbeit, die hier seit vielen Jahren funktioniert: Landkreis, Stadt und Kunstverein ziehen an einem Strang. Mit der Eröffnung des Kunsthauses im Jahr 1995 legte der Kunstverein Apolda Avantgarde den Grundstein für dessen Erfolg. Unter der prägenden Leitung von Geschäftsführer Hans Jürgen Giese entwickelte sich das Haus mit außergewöhnlichen Ausstellungen zu einem kulturellen Leuchtturm mit Strahlkraft weit über Thüringen hinaus. Heute kommen Sammelnde, Kuratierende und Leihgebende mit ihren Ideen auf uns zu. Das sehen wir als Ansporn, weiterhin Ausstellungen zu zeigen, die Menschen zusammenbringen und neue Perspektiven eröffnen.

Für mich endet eine Ausstellung nicht mit einem Bild an der Wand. Ich wünsche mir, dass Menschen über Kunst miteinander ins Gespräch kommen und oft passiert das ganz von allein. Genau deshalb gehören zu unseren Ausstellungen immer Begleitveranstaltungen. Zur Keith-Haring-Ausstellung hatten wir beispielsweise die Aidshilfe Thüringen, zu Gast, die über HIV und Prävention informiert hat. Gleichzeitig konnten Kinder in Kreativprojekten Harings Figuren selbst gestalten und in Bewegung bringen, während DJanes der Gruppe Versus die Ausstellung musikalisch begleitet haben. So entstehen Begegnungen zwischen Menschen, die vielleicht aus ganz unterschiedlichen Gründen ins Kunsthaus kommen. Das ist für mich das Schönste. 

„Für mich endet eine Ausstellung nicht mit einem Bild an der Wand“

Mich beeindruckt vor allem die Bandbreite von Keith Haring. Viele kennen seine ikonischen Strichfiguren, aber wenn man sich intensiver mit seinem Werk beschäftigt, entdeckt man ganz unterschiedliche Facetten. Faszinierend finde ich das Werk “Ignorance = Fear“ von 1989. Auf den ersten Blick wirkt das Motiv fast spielerisch. Tatsächlich entstand es während der AIDS-Krise und richtet sich gegen das gesellschaftliche Wegschauen und Schweigen. Mit ganz einfachen Bildern hat Keith Haring komplexe Botschaften vermittelt.

Auch unser Titelmotiv gehört zu meinen Lieblingswerken. Viele sehen zunächst einfach eine Figur, die aus einer Tür tritt. Kennt man jedoch den amerikanischen Ausdruck „coming out of the closet“, erkennt man sofort die eigentliche Aussage. Das ist für mich typisch Keith Haring: sehr einfach gestaltet und doch voller Bedeutung.

Meine Aufgabe ist es erst einmal, Kunst sichtbar zu machen und zwar in ihrer ganzen Vielfalt. Deshalb finden bei uns ganz unterschiedliche Positionen ihren Platz: Salvador Dalís Bibelillustrationen genauso wie Keith Harings gesellschaftspolitische Arbeiten oder auch Landschaftsmalerei. Natürlich steckt in vielen Werken eine Botschaft, aber nicht jede Ausstellung muss politisch sein. Gerade Keith Haring und die dazu parallellaufende Schau von Shepard Fairey machen aber deutlich, welche Kraft Kunst im öffentlichen Raum entfalten kann. Große Murals oder bewusst gestaltete Orte können Identität schaffen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Das finde ich spannend. Auch in Apolda sehen wir das: Es gibt inzwischen Wandbilder, gestaltete Stromkästen und Street-Art-Projekte, die den öffentlichen Raum bereichern. Ich finde es wichtig, dass wir unsere Umgebung bunt gestalten und dass Kunst dort stattfindet, wo Menschen ihr im Alltag begegnen.

Das Titelmotiv der Ausstellung zählt zu den Lieblingswerken von Claudia Söllner. Was auf den ersten Blick wie eine Figur wirkt, die aus einer Tür tritt, verweist auf den amerikanischen Ausdruck „coming out of the closet“ – ein Beispiel für Keith Harings Fähigkeit, komplexe Botschaften mit einfachen Formen zu erzählen, Credit: National Coming Out Day, 1988, Keith Haring Foundation.

Wir müssen Menschen dort abholen, wo sie sind. Deshalb setzen wir neben klassischen Führungen ganz bewusst auf neue Formate. Wir sprechen gezielt Schulen an, arbeiten mit der Universität Erfurt zusammen und waren in diesem Jahr erstmals bei der Fête de la Musique dabei. Besonders am Herzen liegen mir unsere Kinderprojekte. Zu fast jeder Ausstellung entwickelt ein Team um Elke Heinemann Suchspiele oder kleine Rätselhefte, weil es uns wichtig ist, dass Kinder Kunst spielerisch entdecken können. Ich finde, jedes Ausstellungsprojekt sollte auch etwas für die jüngsten Besuchenden bereithalten.

Genauso wichtig ist mir aber, dass sich Menschen nicht nur als Gäste verstehen, sondern das Kunsthaus mitgestalten. Hinter dem Kunsthaus steht der Kunstverein Apolda Avantgarde e.V., der seit über 30 Jahren von Menschen lebt, die sich ehrenamtlich engagieren. Natürlich bietet eine Mitgliedschaft mit freiem Eintritt zu allen Ausstellungen, Führungen und Vernissagen viele Vorteile. Viel wichtiger ist für mich aber die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen. Ob bei Kinderprojekten, Begleitveranstaltungen oder neuen Formaten. Gerade junge Menschen sind herzlich eingeladen, mitzumachen und das Kunsthaus gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln.

Für mich bedeutet Avantgarde vor allem Offenheit: offen sein für neue Ideen, neue Perspektiven und neue Menschen. Das ist etwas, das wir im Kunsthaus ganz bewusst leben möchten. Deshalb zeigen wir nicht nur internationale Künstlerpersönlichkeiten, sondern schaffen auch Raum für regionale Positionen. In unserem Kabinett können Künstlerinnen und Künstler parallel zu den großen Ausstellungen ihre Arbeiten präsentieren. Für mich ist genau das Avantgarde: nicht nur große Namen zu zeigen, sondern Offenheit zu leben, Netzwerke entstehen zu lassen und gemeinsam neue Wege zu gehen.

ZUSAMMEN bedeutet für mich, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen vor einem Bild stehen und nicht im Small Talk bleiben, sondern plötzlich tiefgründige Gespräche führen. Genau das ist für mich die besondere Kraft von Kunst.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich meinen Arbeitsalltag so mag. Bei mir laufen zwar viele Fäden zusammen: von Personal- und Vereinsarbeit über Ausstellungen und Begleitprogramme bis hin zu Sponsoren- und Sponsorinnenmanagement, Politik und Organisation. Aber am Ende geht es immer um das Gleiche: Menschen zusammenzubringen. Wenn daraus Begegnungen entstehen, neue Ideen wachsen oder sich jemand zum ersten Mal willkommen fühlt, dann hat das Kunsthaus genau das erreicht, was ich mir wünsche.

Kontakt
KUNSTHAUS APOLDA
Bahnhofstraße 42
99510 Apolda/Thüringen
Tel.: +49 3644 – 51 53 65
Mail: info@kunsthausapolda.de
Infos zur Ausstellung

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr
Letzter Einlass: 16:30 Uhr
Auch Feiertags geöffnet.

Credits Galerie: Keith Haring Foundation.

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