Von der Ideenfindung über automatisierte Workflows bis hin zur Bildretusche: in der Fotografie verändern KI-gestützte Werkzeuge die Arbeitsprozesse. Doch wo hilft KI wirklich weiter und wo stößt sie an ihre Grenzen? Für einen Praxischeck haben wir zwei Thüringer Fotografen befragt: Benjamin Stolle, spezialisiert auf Personal-Branding-Fotografie, und Paul Träger, Mitbegründer des Fotoloft Erfurt. Beide arbeiten täglich mit großen Bildmengen, Projekten und kreativen Anforderungen und haben KI-Tools in ihre Workflows integriert.


Tool-Check: Welche KI-Tools kommen in eurem Alltag zum Einsatz und wofür?
Paul: Ich nutze …
Adobe Firefly für Retusche von Bildern
Nano Banana Pro für Generieren von Hintergründen und Bildumgebungen
Google Gemini für Recherche und Formulierungshilfe
Canva KI für Gestaltung von Social-Media-Content und Präsentationen
Evoto für KI-gestützte Portraitretusche
Neurapix für automatisierte RAW-Bildlooks auf Basis eigener Bildbearbeitung
Ben: Ich nutze …
ChatGPT für Konzeptarbeit, Recherche, Textkontrolle
Base44 für Entwicklung eigener Apps durch Texteingabe
Adobe KI-Tools für Bildretusche, Tonoptimierung, Untertitel
BlackMagic Tools für Video-Optimierung
„Chatty ist da einfach
Fluch und Segen!“
– Benjamin Stolle
Wobei stoßen die Tools an ihre Grenzen?
Paul: Besonders bei der Erstellung von atmosphärischen Stimmungsbildern oder neuen Hintergründen zeigt sich, wie komplex es ist, den perfekten Prompt zu formulieren. Ich stelle in meinem Fotografen-Alltag fest, dass den Tools oftmals das tiefere Kontextverständnis fehlt. Aus diesem Grund habe ich meinen Workflow so angepasst, dass ich die meisten KIs inzwischen primär zur Automatisierung stark repetitiver Aufgaben nutze.
Ben: Meine drei meistbenutzten KI-Tools sind ChatGPT, Adobe und Base44. Dabei liegt der Fokus klar auf ChatGPT, aber nur in bestimmten Bereichen. Das Ergebnis ist oft nicht ausgereift und braucht noch viel menschlichen Input, bevor es wirklich funktionieren kann. Wenn ich eine Idee habe, diskutiere ich sie deshalb eigentlich lieber mit Kollegen oder Kolleginnen, weil menschliche Perspektiven einfach diverser und dadurch innovativer sind. Neben kreativer Arbeit gehört bei uns Selbstständigen, aber auch die Bürokratie und das Steuerwesen dazu. Einfache Fragen zum Thema Abrechnung traue ich Chatty schon zu, aber wenn es zu komplex wird, dann ist mein Steuerberater immer noch die sicherere Bank. Chatty ist da einfach Fluch und Segen.
Wie findet ihr neue Tools, ohne euch im KI-Tool-Dschungel zu verlieren?
Paul: Die Auswahl meiner KI-Tools basiert stark auf Empfehlungen aus meinem beruflichen Netzwerk und dem kontinuierlichen Austausch mit anderen Fotografen und Fotografinnen. Es ist ein großer Vorteil, dass es in der Foto-Branche zu fast jeder neuen KI immer jemanden gibt, der/die das Tool intensiv getestet hat. So erhalte ich die besten Tipps aus erster Hand und die nötige Starthilfe, um mich wirklich mit den Tools auseinanderzusetzen.
Ben: Meine Informationen zu den neuesten KI-Themen bekomme ich entweder über YouTube oder von Freunden und Freundinnen aus der Kreativwirtschaft. Andere aus der Branche sind ja ebenfalls daran interessiert, zu schauen, wie sie ihre Arbeit leichter gestalten können.
Was hat sich geändert, seitdem ihr KI-Tools nutzt?
Paul: Die größte Veränderung liegt eindeutig in der Steigerung der Effizienz und der Qualität meiner finalen Bilder. Indem ich repetitive und automatisierbare Aufgaben an die künstliche Intelligenz abgebe, verschaffe ich mir wertvolle zeitliche Freiräume im Arbeitsalltag. So kann ich Ressourcen deutlich besser bündeln und meinen Fokus wieder verstärkt auf den eigentlichen, kreativen Kernprozess der Fotografie legen.
Ben: Für mich hat sich durch den Einsatz von KI-Tools tatsächlich nicht allzu viel geändert. Ich kann Teile meiner Arbeit schneller verrichten, was natürlich schön ist, merke aber auch, dass mein Macbook mit jedem neuen Update von Adobe langsamer wird, weil ständig neue KI-Tools dazu kommen, die immer mehr Ressourcen benötigen. Die Zeit, die mir KI also sparen könnte, wird mit höheren Kosten durch neue Technik oder Wartezeiten kompensiert.
Wo geht es mit Fotografie und KI hin?
Paul: Die Entwicklung von KI im Fotografiebereich ist zweischneidig. Auf der einen Seite optimiert sie Workflows massiv: Bildbearbeitungen werden einfacher und schneller, was letztlich die Qualität der fertigen Fotos messbar steigert. Auf der anderen Seite sehe ich eine große Gefahr im Bereich des Urheberrechtsschutzes. KI-Tools sind beispielsweise mittlerweile so fortschrittlich beim Entfernen von Wasserzeichen, dass sie im aktuellen Katz-und-Maus-Spiel mit den Shopbetreibenden eindeutig die Oberhand haben. Hier besteht für die Betreibenden dringender Handlungsbedarf, um die Arbeit von Fotografinnen und Fotografen effektiv zu schützen.
Ben: Natürlich werden sich einige Fotografie-Bereiche in Zukunft stark verändern. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass wir in der Produktfotografie zukünftig fast nur noch generierte Bilder sehen werden. Mit immer besser werdenden KI-Modellen wird eine komplette Produkt-Strecke mit Detail-Aufnahmen und Stimmungsbildern in wenigen Minuten fertig sein. Dafür brauchte man in den letzten Jahren noch eine mehrtägige Produktion mit einem Team aus verschiedenen Bereichen wie Szenenbild, Licht, Fotografie und Bildretusche.
Watch-Tipp: KI in a nutshell
Wie verändert künstliche Intelligenz kreative Arbeit? Bei unserer digitalen Veranstaltung #kreativ-gelöst: KI in a nutshell gaben Kreative Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um generative KI, zeigten konkrete Anwendungen für den Arbeitsalltag und beleuchteten zugleich ethische
sowie datenschutzrechtliche Aspekte. Auch Jenny Habermehl war mit einem Impuls vertreten. In ihrem Vortrag »Inspiration 2.0: generative KI im Kreativ-Workflow« zeigte sie, wie KI Kreativpro-
zesse bei Ideenfindung, Recherche und visueller Inspiration unterstützen kann und wo zugleich Grenzen kreativer KI liegen. Weitere Beiträge der Veranstaltung widmeten sich der Frage, wie gene-
rative KI vom Hype zum praktischen Werkzeug wird, wie gutes Prompt-Writing funktioniert und was beim Thema Datenschutz zu beachten ist. Alle Vorträge der Veranstaltung sind online verfügbar.
Kontakt
Benjamin Stolle
www.benjamin-stolle.de
Instagram: @benjamin.stolle
Paul Träger
www.fotoloft-erfurt.de
Instagram: @fotoloft.erfurt
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Maria Hoffmann
Veranstaltungsorganisation
mh@thueringen-kreativ.de0151 / 1500 1682Das könnte dir auch gefallen:
