Inspiriert: Farm Cultural Park

Sozialer und ökonomischer Impact durch zeitgenössische Kunst in Eigenregie

Mit einer Leidenschaft für zeitgenössische Kunst, viel Mut und hochgekrempelten Ärmeln revitalisiert ein italienisches Paar seinen Heimatort in Sizilien und belebt ihn mit Wirtschaft und Tourismus. Das Projekt „Farm Cultural Park“ ist nicht nur eines mit Strahlkraft, sondern der Start eines Geschäftsmodells. Die Investition? Kulturelle, künstlerische und ökonomische Ressourcen. Das Ergebnis: ein preisgekröntes sozial-innovatives Design-Projekt, wo es niemand vermutet — in einer von Abwanderung und Verfall gezeichneten sizilianischen Kleinstadt.

Das Kunstwerk »Grenade« von Emanuel Sitbon sorgt für Menschen weggegangen sind, Foto: Farm Cultural Park.

Wo wollen wir Kunst und Kultur erleben? Wie und wo sollen unsere Töchter aufwachsen? Das kunstbegeisterte italienische Paar Florinda Saieva, Anwältin, und ihr Mann Andrea Bartoli, Notar, sind in einer sizilianischen Kleinstadt aufgewachsen und leben dort, als sie sich diese Frage stellen. Ihr Heimatort Favara ist eine 32.000-Einwohnenden-Stadt im Süden Siziliens und vor allem für drei Dinge bekannt: Verfall, Arbeitslosigkeit und die Mafia. Traurige Berühmtheit erlangte der Ort im Jahr 2010, als Teile der Innenstadt in sich zusammenfielen.

Im selben Jahr hatten Florinda und Andrea eine Idee. So oft wie möglich verließen sie die Stadt, um Kunst und Design in Rom, London und Paris zu suchen. In Frankreichs Hauptstadt schienen sie die Lösung für sich gefunden zu haben. Paris sollte ihre neue Heimat werden. Doch was wäre, wenn ihre Heimat Paris in nichts nachstehen würde, wenn es um Kultur, Kunst, Inklusion und Diversität geht? Mit etwas Kapital, Kontakten in die nationale und internationale Kultur- und Kreativszene, zahlreichen Freunden, einer Vision und viel Mut begannen sie 2010 den Farm Cultural Park, einen Kulturort mit Fokus auf zeitgenössische Kunst, Design, Architektur und Innovation zu erschaffen und machten damit das Zentrum von Favara zu einem Hotspot für Kunst- und Kulturschaffende aus der ganzen Welt. Ihr Credo: Einfach machen. Sie kauften ein paar der verfallenen Gebäude in der Innenstadt und begannen zu renovieren, setzten eine Website auf, schrieben Künstler und Künstlerinnen weltweit an und luden sie ein, Ausstellende zu sein.

Mit seiner Leidenschaft für zeitgenössische Kunst verwandelte das Ehepaar einen Stadtteil gemeinsam mit Architektinnen und Architekten sowie Künstlern und Künstlerinnen Quadratmeter für Quadratmeter in einen lebendigen Ort der Kreativität: Ausstellungsräume für Kunst, Treffpunkte, offene Küchen für Workshops und Mittagessen, Cocktailbars und Designshops entstanden. Der Park fördert damit nicht nur lokale Kunstschaffende, sondern zieht internationale Kreative und Besuchende an. Ausgestellt auf der Architektur-Biennale in Venedig und der EXPO in Mailand, wurde der Park mehrmals ausgezeichnet und gewann Preise wie den Curry Stone Design Preis, der bis 2017 für innovative Exzellenz im humanitären Design vergeben wurde. Der Farm Cultural Park zählt laut der Curry Stone Stiftung zu den 100 Projekten weltweit, die in den letzten zehn Jahren den größten sozialen Impact erzielt haben.

Neben der Revitalisierung der Region durch Kunst und Kultur haben Florinda und Andrea das Ziel, auch die lokale Gemeinschaft zu stärken und gleichzeitig ein internationales Publikum anzuziehen. Favara soll zu einer einladenden Stadt für neue Bürger und Bürgerinnen und ein attraktives Ziel für Investoren und Investorinnen werden. Der Name „Farm“ steht dabei übrigens nicht für Landwirtschaft, sondern für eine „Factory of Arts, Research and Manufacturing“, was die kreative und forschende Ausrichtung widerspiegelt. Der Impact ist enorm.

Aus der Frage an ihre Töchter wurde eine Vision für Favara:
Die Anwältin Florinda Saieva und der Notar Andrea Bartoli gründeten 2010 den Farm Cultural Park und verwandelten ihre von Verfall und Arbeitslosigkeit geprägte Heimatstadt in Sizilien in einen internationalen Hotspot für zeitgenössische Kunst, Design und Innovation.

Residenzen ziehen Kreativschaffende aus Mailand und aller Welt nach Favara. Viele davon bleiben oder spenden Kunstwerke an die Stadt. Wo sich früher nur ältere Menschen aufhielten, mischt sich heute Jung und Alt. Hotels und Restaurants im Umkreis des Farm Cultural Parks öffnen wieder oder erfinden sich neu. Investor:innen werden angezogen und bringen Kapital nach Favara. Design spielt bei der neu geschaffenen touristischen Infrastruktur eine entscheidende Rolle und bildet ein Alleinstellungsmerkmal in der Region.

Die Vision von Florinda und Andrea geht weit über einen Raum für Ausstellungen hinaus: Sie wollen eine inklusive und kreative Umgebung schaffen, in der auch Kinder und Jugendliche nicht nur Kunst genießen, sondern selbst kreativ werden und Gestaltungsmacht lernen können. In der »School of Architecture for Children«, Teil des Farm Cultural Parks, erleben sie die »Magie der Kreativität« und werden an den Architekturberuf herangeführt. Das Projekt »Schools of Politics for Young Women« zeigt jungen Frauen und Kindern, welches Potenzial sie haben, ihre Umwelt positiv zu beeinflussen. Das Projekt »Inspiring a New Generation of Leaders« bietet einen physischen Raum für Jugendliche zum kreativen Austausch und das Ausleben von Diversität. Das alles sind Projekte mit Transferpotenzial. 23 »Schools of Architecture for Children« sind mittlerweile in ganz Italien entstanden sowie 13 »Schools of Politics for Young Women«. 

Aktuell wird das Konzept des Farm Cultural Parks mit Hilfe von Kommunen, Universitäten und engagierten Bürger:innen auf andere Orte in ganz Italien übertragen. Dahinter steht ein Geschäftsmodell: Für 50.000 bis 250.000 Euro erschafft das Team hinter dem Farm Cultural Park in Zusammenarbeit mit Künstler:innen und Architekt:innen kreative, sinnstiftende, an lokale Bedarfe angepasste Räume für andere Kommunen — inklusive Ideen, wie diese Räume über das Jahr verteilt mit Veranstaltungen und Workshops bespielt werden können. Ideen, die die Räume kreativ beleben und dort Menschen zusammen bringen, wo lange Zeit Menschen weggegangen sind. Mehr Infos gibt es unter www.farmculturalpark.com.

THAK Tipp: Mehr zum Farm Cultural Park erfährst du im Video zur digitalen #kreativgelöst: Innenstädte Spezial. Ab 1:22:00 erzählt Gründerin Florinda Saieva, wie aus einer verlassenen Stadt ein kultureller Leuchtturm wurde.

Beitragsreihe “Inspiriert“: Internationale Einblicke für kreative Impulse in Thüringen

Mit unserer neuen Beitragsreihe “Inspiriert“ richten wir den Blick über Landes- und Branchengrenzen hinaus: Wir stellen außergewöhnliche Projekte, Ansätze und Menschen aus der internationalen Kreativwirtschaft vor, die mit frischen Ideen, neuen Denkweisen und mutigen Lösungen arbeiten. Ziel ist es, kreative Impulse nach Thüringen zu holen – als Anregung, Austausch und Motivation für alle, die hier gestalten, entwickeln und Neues schaffen.

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Claudia Köhler

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