Wer die Dorfstraße von Kriebitzsch im Altenburger Land entlangfährt, rechnet wohl nicht damit, auf ein Reallabor für die Zukunft des ländlichen Raums zu stoßen. Und doch steht es hier: das Haus am Milchberg. Ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude und viel Geschichte, das 2021 drei Kreative aus Berlin vor dem Abriss bewahrt und ihm ein neues Leben gegeben haben. Modedesignerin Barbara Gebhardt, Architekt Michael Heim und Dokumentarfilmer Ede Müller verband eine gemeinsame Vision für einen Experimentier- und Möglichkeitsraum. Ein Ort, der Menschen aus dem Dorf, aus der Region und aus der Stadt zusammenbringt. Ein lebendiger Treffpunkt mit neuen Formen des Zusammenlebens und -arbeitens, Veranstaltungen, gemeinschaftlichen Formaten und offenen Türen. Entstanden aus Mut, interdisziplinärer Zusammenarbeit und der Bereitschaft, sich auf einen zunächst unbekannten Ort in Thüringen einzulassen, haben die drei Kreativen hier auf dem Dorf ihren Platz gefunden und setzen seither Impulse für einen lebendigen Ortskern mit Zukunftspotenzial.

Wie kam es dazu, dass ihr in Kriebitzsch im Altenburger Land gelandet seid und was hat euch daran gereizt?
Barbara: Dass wir ausgerechnet in Kriebitzsch gelandet sind, war tatsächlich ein großer Zufall. Wir hatten ursprünglich gar nicht den Plan, nach Thüringen zu gehen und suchten zunächst nach einem Objekt in Brandenburg. Die Pandemie öffnete dann bei uns ein neues Zeit- und Interessensfenster. Plötzlich war Raum da, die Dinge anders zu denken und nochmal mehr über den Tellerrand zu blicken. Über befreundete Kreative aus Leipzig, die sich bereits hier in der Gegend niedergelassen haben, kannten wir das Dorf. Es gibt hier viel Leerstand und somit noch moderate Immobilienpreise. In Berlin, Brandenburg oder im direkten Umland ist Vergleichbares kaum bezahlbar. Hier dagegen gibt es Freiraum, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, und der war für uns enorm attraktiv. Uns lag ein unschlagbares Angebot vor und wir haben das Haus ehrlicherweise relativ spontan aus dem Bauch heraus gekauft.
Ede: Wir waren ohnehin konkret auf der Suche nach einem Gebäude, um ein Projekt dieser Art umzusetzen. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude mit einem erhaltenen Rest eines Vierseithofes in Kriebitzsch war das erste Haus, das wir uns hier angeschaut haben. Es brachte viele Voraussetzungen mit, die sofort Ideen purzeln ließen: die Lage im Dorfkern, die Substanz, der große Garagenhof, die Möglichkeiten für gemeinschaftliche Nutzung. Wir haben schnell gemerkt, dass hier vieles zusammenkommt, was wir uns vorgestellt hatten.
Welche Rolle spielten Fördermöglichkeiten in Thüringen?
Barbara: Da wir uns hier in einem strukturschwachen Gebiet befinden, wurden wir stark durch das LEADER-Programm mit europäischen Fördermitteln, aber auch mit Beratung unterstützt. Unser Projekt hat die Entscheidungsträger und -trägerinnen früh überzeugt, weil wir von Beginn an deutlich gemacht haben, dass hier ein Ort für Veranstaltungen und Begegnung entsteht und wir neue Formen für die Wiederbelebung des ländlichen Raumes erproben möchten. Unser Tipp: Man darf nicht unterschätzen, wie viel Arbeit in solchen Förderprozessen steckt. Die Anträge zu stellen, ist schon an sich eine große Aufgabe, und danach ist man in der Umsetzung und Nachweispflicht. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht, aber selbstverständlich ist das nicht. Dennoch wurden uns durch das Programm Möglichkeiten eröffnet, die ohne Förderung in diesem Umfang nicht realisierbar gewesen wären. Man braucht Eigenmittel, Know-how und Durchhaltevermögen, aber dann kann wirklich etwas entstehen.
„Hier gibt es Freiraum, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, und der war für uns enorm attraktiv“ – Barbara Gebhardt

Drei Kreativschaffende aus unterschiedlichen Disziplinen: Wie habt ihr euch gefunden und was verbindet euch in eurer Vision vom Haus am Milchberg?
Barbara: Wir kennen uns seit über 20 Jahren aus Berlin und haben schon viele kreative Projekte gemeinsam umgesetzt. Unsere unterschiedlichen Perspektiven ergänzen sich dabei sehr gut. Michaels architektonische Kompetenz war für das Projekt entscheidend, weil er die räumlichen Potenziale erkannt und gestalterisch umgesetzt hat. Ede und ich bilden die Betreibendengesellschaft, Eigentümer sind wir zu dritt. Wenn Veranstaltungen anstehen oder Entscheidungen getroffen werden müssen, greifen unsere Rollen ineinander, das spart Zeit und sorgt für klare Abläufe. Bevor wir das Haus gekauft haben, hatten wir etwa ein halbes Jahr Zeit, uns intensiv damit zu beschäftigen, welche Ziele wir verfolgen, welche Inhalte wir umsetzen und wie wir im Bestand bauen wollen. So verfeinerte sich auch unsere Vision. Wir wollten gemeinsam etwas vorantreiben, uns engagieren, uns integrieren und nachhaltig in die Umgebung hineinwirken. Von Anfang an teilten wir den Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft, das weniger individualisiert ist und stärker auf Austausch setzt.
Das Haus ist bewusst auf Begegnung angelegt. Wie habt ihr das gestalterisch geschafft?
Michael: Wir wollten keinen historischen Bauernhof rekonstruieren, sondern zeigen, wie man im Bestand zeitgemäß bauen kann: mit großen, offenen Räumen, modernen Fenstern, Fußbodenheizung und nachhaltiger Bauweise. Das Fachwerk, das wir vor das Haus gesetzt haben, greift die Dorfarchitektur auf, ist jedoch abstrahiert und grafisch interpretiert. So entsteht eine Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart. Im ehemaligen Stall mit seinen alten Säulen und Gewölben lässt sich die Geschichte des Ortes noch erahnen.
Gleichzeitig haben wir viele Räume so angelegt, dass Begegnung fast automatisch entsteht, zum Beispiel den langen Laubengang, den Garten, die offenen Übergänge zwischen den Bereichen, das Dachgeschoss oder den großen Gemeinschaftsraum im ehemaligen Stall. Die Zimmer selbst sind eher Rückzugsorte zum Schlafen. Nicht jedes Zimmer hat ein eigenes Bad, einige Räume werden aus ökologischen Gründen und um Gemeinschaft zu fördern, geteilt.






Nachhaltigkeit war für uns ein zentraler Leitgedanke auf mehreren Ebenen. Beim Umbau wurden möglichst viele Materialien wiederverwendet wie alte Bauteile, Vintage-Waschbecken, recycelte Platten und Fundstücke aus anderen Gebäuden. Zudem haben wir auf eine gute Innendämmung, eine Wärmepumpe und energieeffiziente Lösungen gesetzt, die wir von der KfW gefördert bekommen haben.
Ansonsten ist das Haus bewusst minimalistisch gestaltet. Neutral, fast wie eine weiße Leinwand, die von den Menschen, die hierherkommen, mit Leben, Kunst und Farbe gefüllt wird. Trotz der modernen Gestaltung ist der Ursprung des Hauses spürbar geblieben.
Wie wurdet ihr als Berliner Kreativschaffende im Dorf aufgenommen?
Ede: Überraschend positiv. Auch wenn wir aus Berlin kommen, haben wir alle selbst Dorfbiografien und kennen das Leben auf dem Land. Ich selbst komme vom Bauernhof. Die Leute waren von Anfang an neugierig auf uns, und wir hatten das Glück, dass unser Grundstück von sieben Garagen umgeben ist, die beim Kauf noch vermietet waren. Dadurch standen wir automatisch im Kontakt mit den Menschen vor Ort. Viele kamen vorbei und erzählten, dass sie hier früher gewohnt haben oder Erinnerungen mit dem Haus verbinden. Wir haben die Türen geöffnet, die Leute eingeladen und von unseren Plänen erzählt. Dieses Prinzip der offenen Tür war entscheidend für den guten Kontakt zu den Dorfbewohnern und -bewohnerinnen und deren Akzeptanz. Daher organisierten wir zum Dorffest einen Tag der offenen Tür mit unzähligen Führungen. Rund 400 Menschen waren da. Später gab es Konzerte, organisiert vom Jazzclub Altenburg. Seitdem veranstalten wir an jedem letzten Sonntag im Monat unseren “Milch.Kaffee“. Wir backen Kuchen, kochen Kaffee und es kommen viele Menschen aus dem Dorf, aus Altenburg und auch aus Berlin. Im Sommer sitzen hier 30 bis 40 Leute im Garten zusammen. Dazu gibt es immer einen kleinen kulturellen Beitrag: Lieder, Filme oder Gedichte, etwa 20 Minuten lang. Das ist ein schöner und kurzweiliger Anlass für Begegnung. Außerdem finden hier wöchentlich Yogakurse mit einem Lehrer aus der Region statt, zu denen auch Menschen aus den umliegenden Dörfern kommen. Neugier traf auf Offenheit und wir haben gemerkt, dass wir mit Wohlwollen beobachtet werden. Dafür muss man bereit sein, sich zu zeigen und wirklich in Beziehung zu gehen. Entscheidend ist vor allem die Art, wie man den Menschen begegnet. Wenn man ihnen zuhört, sie ernst nimmt und nicht nur von sich selbst erzählt, entsteht ein Austausch auf Augenhöhe. Dann kommen die Leute auch wieder und man wird Teil des Dorfes.

In der Region haben mehrere Kreativschaffende Orte übernommen. Wie ist daraus ein Netzwerk entstanden und welche Chancen bietet Kreativität im ländlichen Raum?
Ede: Wir haben nach und nach viele andere kreative Orte in der Umgebung entdeckt, zum Beispiel einen alten Quellenhof, der seit über 30 Jahren soziokulturelle Arbeit macht und die Farbküche in Altenburg, in der es viel Know-how zu Förderprogrammen und Antragstellungen gibt. 2024 wurde daraus das Kulturbündnis Altenburger Land gegründet. Dieses Bündnis hat wiederum den Zuschlag für das Programm “Aller.Land 2025“ erhalten. Daraus entstehen nun acht Kulturknotenpunkte im Altenburger Land, die in den kommenden Jahren beteiligungsorientierte Kulturangebote entwickeln und neue Formate erproben können.Barbara: Dieses Netzwerk zeigt, welches Potenzial im ländlichen Raum steckt. Neue Kreative bringen frische Impulse ein. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die schon lange vor Ort aktiv sind. Aus dieser Mischung entsteht etwas sehr Produktives und hier gibt es den nötigen Freiraum, der in der Stadt oft fehlt.
„Neue Kreative bringen frische Impulse ein. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die schon lange vor Ort aktiv sind. Aus dieser Mischung entsteht etwas sehr Produktives und hier gibt es den nötigen Freiraum, der in der Stadt oft fehlt.“ – Barbara Gebhardt

Was bedeutet “Zusammen“ für euch: im Projekt, im Dorf und darüber hinaus?
Ede: “Zusammen“ bedeutet für uns zunächst ganz konkret, im Dorf etwas anzustoßen und mit den Menschen vor Ort ins Tun zu kommen. Wir haben gemeinsam mit dem Dorf einige Initiativen entwickelt. Ein Beispiel ist das Seifenkistenrennen in Kriebitzsch: Die Idee kam vom Milchberg, aber organisiert wurde es dann zusammen mit vielen Menschen aus dem Dorf. Wir saßen gemeinsam am Tisch, haben geplant, umgesetzt – dieses Jahr findet es schon zum zweiten Mal statt. Gleichzeitig entstehen durch die Vermietungen im Haus immer wieder neue Anknüpfungspunkte. Gäste aus ganz Deutschland treffen auf die Menschen aus der Region und so entstehen viele Ebenen der Begegnung.
Michael: Menschen aus der Stadt und vom Land begegnen sich oft mit Vorurteilen. Es gibt in unserer Gesellschaft zu wenige Orte, an denen unterschiedliche Lebensrealitäten wirklich gleichberechtigt zusammenkommen. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe. Bei unseren Veranstaltungen treffen sich verschiedene Menschen auf Augenhöhe und erleben, dass sie ernst genommen werden. Wenn Menschen gemeinsam essen, singen oder arbeiten, verändert sich etwas und es entstehen neue Ideen für gemeinsame Kochaktionen, kleine Märkte oder Initiativen, die verlorengegangene dörfliche Strukturen wiederbeleben. In Kriebitzsch gibt es keinen Bäcker und kaum Infrastruktur mehr. Der Milchberg wird so zu Café, Treffpunkt, Veranstaltungsort, manchmal auch Kneipe oder Marktplatz. In diesem Sinne verstehen wir uns als eine Art Real- und Zukunftslabor für das Dorf und anschließende ländliche Regionen.
Barbara: Für mich hat “Zusammen“ sehr viel mit Zukunft zu tun. Es geht darum, wieder in eine gemeinsame Zukunft zu gehen, jenseits von Trennungen zwischen Stadt und Land, jung und alt, politischen Lagern oder Lebensstilen. Wie wollen wir leben? Wie können wir das generationenübergreifend und ökologisch gestalten? Mich reizt es, diese Fragen in einem Umfeld zu verhandeln, das nicht meiner Berliner Blase entspricht. Hier entsteht ein echter Austausch, manchmal auch Reibung, aber genau das ist für mich ein kultureller Prozess, der Lust auf Zukunft auf dem Land macht. Die Menschen hier sind bereit, sich einzulassen und Dinge mitzutragen. Dafür sind wir sehr dankbar. Nach vier Jahren sind wir Teil einer Gemeinschaft geworden, die uns unterstützt und die auch möchte, dass wir bleiben.
Kontakt
www.milchberg.com
Instagram: @haus.am.milchberg
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