Zwischen Werkstatt, Treffpunkt und Ideenlabor ist auf dem Areal der Alten Feuerwache Weimar ein Ort entstanden, der beispielhaft zeigt, wie historische Gebäude zu Räumen für Begegnung, Zusammenarbeit und gemeinschaftliche Stadtentwicklung werden. Die Urbanothek versteht sich als sogenannter Dritter Ort, also als einen offenen Raum jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, in dem engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie Kreativschaffende und Initiativen zusammenkommen und gemeinsam neue Perspektiven für die Stadt entwickeln. Maren Zünkler begleitet die Urbanothek seit ihren Anfängen. Als Koordinatorin schafft sie Strukturen, vernetzt Menschen und verfolgt ein ungewöhnliches Ziel: Ihre eigene Rolle soll mit der Zeit überflüssig werden, weil der Ort von den Menschen getragen wird, die ihn nutzen. Im Gespräch erzählt die angehende Urbanistin, warum Dritte Orte wichtiger denn je sind.
Titelbild: Die Alte Feuerwache verbindet eine denkmalgerecht sanierte Bausubstanz mit neuer Architektur. Wo früher Einsatzfahrzeuge in den Garagen standen, befindet sich heute die Urbanothek – ein offener Begegnungsraum im Herzen des Quartiers. Rund um den Innenhof entstehen Wohn- und Arbeitsräume sowie gemeinwohlorientierte Projekte, die den Ort Schritt für Schritt mit neuem Leben füllen, Foto: Thomas Müller.

Der Name “Urbanothek“ weckt sofort Neugier. Was verbirgt sich dahinter?
Der Name entstand aus der Idee, Stadtentwicklung und das Wissen darüber für alle zugänglich zu machen – ähnlich wie eine Bibliothek. Uns ging es von Anfang an darum, zu zeigen, welche Möglichkeiten Menschen haben, sich einzubringen und was sie selbst in ihrer Stadt bewegen können. Gleichzeitig verstehen wir die Urbanothek als eine Art Living Library: Nicht Bücher stehen dabei im Mittelpunkt, sondern Menschen, die ihre Erfahrungen und Ideen miteinander teilen.
“Wir erleben häufig, dass es Kreativschaffende sind, die solche Räume als Erste entdecken und den Mut haben, neue Ideen auszuprobieren oder Projekte anzustoßen.”
Was gibt es hier alles und wie wird der Ort bisher genutzt?
Die Urbanothek ist bewusst so gestaltet, dass möglichst viele Menschen ihre Ideen und Projekte umsetzen können, sofern ein gemeinwohlorientierter und öffentlicher Gedanke dahinter steht. So müssen Initiativen nicht alles selbst organisieren oder neu aufbauen, sondern können sich auf ihre Inhalte konzentrieren. Teil davon ist auch die Druckwerkstatt mit Siebdruck, Lithografie und Druckpresse, die von Leoni Hommel betreut wird. Daneben bieten wir einen großen Veranstaltungsraum, der Dank mobiler Trennwand und variabler Möbel flexibel für Workshops, Vorträge oder Begegnungsformate nutzbar ist. Mit dem mobilen Informations- und Workshopstand „Street Fighter“ können Aktionen sogar direkt in den öffentlichen Raum verlagert werden. Die Urbanothek endet also nicht an der Eingangstür, sondern wirkt in die Stadt hinein.
Der Raum lebt jedoch nicht nur von seiner Ausstattung, sondern vor allem von den Menschen, die ihn prägen. So stammen Teile der Einrichtung von der Designerin Anna Haag und ihrer Werkstatt FABILE. Mit ihrem offenen Café lädt sie regelmäßig zum Austausch ein und zeigt beispielhaft, wie Kreativschaffende die Urbanothek mit eigenen Ideen und Formaten bereichern können. Darüber hinaus finden hier Formate wie das KI-Café, das inklusive Atelier 37a das Repair-Café „Kabel und Faden“ oder Workshops der Stadtverwicklung rund um gemeinwohlorientierte Gründungen und Demokratiebildung statt. Mit dem Projekt „Fliegender Teppich“ kommen außerdem kreative Kultur- und Bildungsangebote für Kinder hinzu.
Wir freuen uns über neue Kooperationen und Menschen, die den Raum mit Workshops, Austauschformaten oder kreativen Ideen bereichern und gemeinsam weiterentwickeln möchten. Besonders unsere Gemeinschaftsküche bietet noch großes Potenzial für Koch- und Mitmachformate.



Die Urbanothek versteht sich als „Dritter Ort“. Was sind solche Orte und warum braucht diese unsere Gesellschaft heute mehr denn je?
Das Konzept der „Dritten Orte“ geht auf den Soziologen Ray Oldenburg zurück. Er beschreibt damit Orte des gesellschaftlichen Lebens jenseits des eigenen Zuhauses (erster Ort) und des Arbeitsplatzes (zweiter Ort). Es sind neutrale, offene Räume, in denen Menschen zusammenkommen, sich begegnen und Zeit miteinander verbringen können.
Heute geht diese Idee noch einen Schritt weiter. Dritte Orte sind nicht nur Treffpunkte, sondern Räume für Beteiligung und gesellschaftliches Miteinander. Sie schaffen Möglichkeiten, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Lebensrealitäten und Perspektiven zusammenzubringen. Genau das möchten wir auch mit der Urbanothek ermöglichen.
Mich persönlich motiviert dabei vor allem die Vorstellung, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft oder ihren politischen Ansichten miteinander ins Gespräch und ins Machen kommen können. Denn Begegnung entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen denselben öffentlichen Raum nutzen. Studien zeigen, dass es gemeinsame Anlässe braucht, um Vorurteile abzubauen und Vertrauen entstehen zu lassen. Wenn Menschen zusammen kochen, einen Workshop besuchen oder gemeinsam ein Projekt umsetzen, entsteht eine Verbindung, die weit über das bloße Nebeneinander hinausgeht. Genau darin liegt für mich die Stärke Dritter Orte: Sie schaffen einen geschützten Rahmen für Begegnungen, aus denen Verständnis, Zusammenarbeit und im besten Fall neue Ideen für das Zusammenleben entstehen können.
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