Mehr sehen, anders verstehen

Wie Fotografie Perspektiven sichtbar macht

Ein Foto hält nicht nur einen Moment fest – es kann sichtbar machen, wie man die eigene Welt wahrnimmt. Genau darin liegt für Franziska Burkhardt das Potenzial der Fotografie. Die Medienkünstlerin und visuelle Prozessbegleiterin aus Weimar entwickelt Fotospaziergang-Formate, die Menschen über Bilder miteinander ins Gespräch bringen. Ihre Auftraggebenden sind in vielfältigen Branchen verankert: im Tourismus, in Kultur und der politischen Bildung oder künftig auch in Unternehmen. Im Gespräch erzählt sie, wie sie dazu gekommen ist, was Perspektivwechsel mit ästhetischer Bildung zu tun hat und warum Kreativität für sie mit einem Spaziergang beginnt.

Mit ihren Fotospaziergängen lädt Medienkünstlerin Franziska Burkhardt dazu ein, die eigene Umgebung neu wahrzunehmen, Perspektiven zu wechseln und über Bilder miteinander ins Gespräch zu kommen, Foto: Anja Feßer (Hellbunt Fotografie).

Franziska, du beschreibst dich als Medienkünstlerin und visuelle Begleiterin. Was bedeutet das konkret?

Tatsächlich ist das ein Begriff, den ich erst nach und nach für mich gefunden habe. Lange stand auf meiner Website “ästhetische Bildnerin“. Ich mochte, wie das klang, aber viele konnten damit wenig anfangen. Heute beschreibe ich mich lieber als Medienkünstlerin und visuelle Prozessbegleiterin, weil das meine Arbeit viel besser beschreibt. Als Begleiterin unterstütze ich Menschen dabei, ihre eigenen (ästhetischen) Erfahrungen zu machen. Ich setze nichts voraus. Viel spannender finde ich es, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst entdecken und gestalten können. Die Fotografie ist eines meiner wichtigsten Werkzeuge. Sie ist ein Medium, mit dem Menschen ihre Sicht auf die Welt sichtbar machen können.

Wie kamst du auf die Idee, Fotografie als Methode für Begegnung und Perspektivwechsel einzusetzen?

Ein gesprochenes Wort verschwindet in dem Moment, in dem es ausgesprochen wird. Eine Fotografie bleibt und ermöglicht, noch einmal genauer hinzuschauen. Mich interessiert dabei weniger das perfekte Foto als die Frage: Warum hat jemand genau dieses Motiv gewählt? Wenn zehn Menschen dieselbe Aufgabe bekommen, entstehen zehn völlig unterschiedliche Bilder. Wenn wir anschließend darüber sprechen, geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, Perspektiven kennenzulernen und zu verstehen, wie andere die Welt erleben. Das schafft Verständnis auf eine Weise, die Sprache allein oft nicht leisten kann. Ein Bild löst Emotionen aus und macht Gespräche möglich, die sonst vielleicht nie entstanden wären. 

Aus dieser Haltung heraus entstand auch die Visual-Walk-Methode. Ich bin häufig allein mit meiner Kamera in Weimar unterwegs. Beim Spazierengehen sind mir die besten Ideen gekommen und ich habe gemerkt, wie sehr Fotografie den Blick verändert. Irgendwann fragte ich mich: Wie lässt sich dieses Erlebnis auf Gruppen übertragen?

Also begann ich zu experimentieren. Ich entwickelte Fotospaziergänge, bei denen Menschen nicht einfach einer Stadtführung folgen, sondern selbst aktiv werden. Ich stelle kleine fotografische Aufgaben oder Fragen und die Teilnehmenden erkunden ihre Umgebung mit der Kamera – meistens ganz unkompliziert mit ihrem Smartphone. Das Besondere ist: Niemand braucht fotografische Vorkenntnisse. Es geht nicht um Technik, sondern darum, wahrzunehmen, Perspektiven zu wechseln und die eigene Umgebung neu zu entdecken. Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert dieser Methode.

Also geht es eigentlich nicht ums Fotografieren?

Nein, zumindest nicht in erster Linie. Fotografie ist für mich der Anlass, genauer hinzusehen. Viele Menschen machen heute unglaublich viele Bilder. Aber oft geschieht das ganz automatisch. Man hebt das Handy, macht ein Foto und geht weiter. Ich möchte, dass man genauer hinsieht. Das erreiche ich durch Aufgaben wie: Fotografiere etwas, das für dich Freiheit bedeutet. Manchmal bitte ich die Gruppe sogar, sich ins Gras zu legen oder mit Licht, Schatten oder gefundenen Materialien zu experimentieren. Das sorgt oft erst einmal für Irritation, aber genau in dem Moment verlassen die Menschen ihre gewohnten Muster. Sie werden neugierig und entdecken Details, die ihnen vorher nie aufgefallen wären. Das ist der eigentliche Perspektivwechsel. Und der passiert nicht nur beim Fotografieren, sondern vor allem im Denken.

“Mich hat immer beschäftigt, wie Menschen eigentlich lernen. Warum manche Formate inspirieren und andere nicht. Ich hatte große Lust auf Bildung – aber nicht auf das System, in dem sie häufig stattfindet.”

Du hast erzählt, dass Fotografie dich schon dein ganzes Leben begleitet. Wann begann diese Beziehung?

Schon als Kind. Vor Kurzem habe ich ein Foto gesucht, das ich mit etwa zwölf Jahren mit der Kamera meines Vaters aufgenommen habe. Beim Durchsehen der Kisten voller alter Analogfotos habe ich festgestellt, wie lange ich eigentlich schon fotografiere. Damals bin ich oft früh morgens allein losgezogen und habe fotografiert, was mir begegnet ist – ohne Auftrag, ohne Ziel. Das war eine unglaublich friedliche Zeit für mich. Ganz bei mir und gleichzeitig neugierig auf die Welt. Und natürlich gehörte auch die Spannung dazu, den Film später entwickeln zu lassen und erst dann zu erfahren, ob die Bilder überhaupt etwas geworden sind. Wenn ich heute darauf zurückblicke, merke ich: Damals habe ich begonnen, meine Außenwelt zu erkunden. Ohne dass mir das bewusst war, war Fotografie schon früh mein Zugang zur Welt.

Und später rückte die Kamera plötzlich nach innen.

Ja, das kam viele Jahre später. Nach der Geburt meiner Tochter war ich alleinerziehend und plötzlich sehr viel zu Hause. Ich hatte die Digitalkamera ihres Vaters zur Verfügung, obwohl ich digitale Fotografie damals eigentlich ablehnte. Wenn meine Tochter schlief, stellte ich die Kamera auf und begann, Selbstporträts zu machen. Ich schminkte mich, verkleidete mich, fotografierte meinen Alltag oder holte meine Tochter mit ins Bild. Rückblickend war das eine intensive Zeit der Selbstbefragung. Während ich als Jugendliche meine Außenwelt entdeckt hatte, begann ich nun, meine Innenwelt zu erforschen. Ich hatte viele Fragen, viel Wut und wollte verstehen, was mit mir geschieht. Als Frau, als Mutter und als Mensch. Die Kamera wurde zu einem Werkzeug, mit dem ich diese Erfahrungen sichtbar machen konnte. 

Später im Masterstudium Medienkunst und Mediendesign an der Bauhaus-Universität Weimar wurde mir klar, dass Fotografie für mich weit mehr ist als nur ein Ausdrucksmittel. Sie wurde zu einem Forschungsinstrument. Ich beschäftigte mich mit historischen Mutterbildern, mit meiner eigenen Biografie und mit gesellschaftlichen Erwartungen an Mutterschaft. Irgendwann merkte ich: Ich erzähle hier nicht nur meine Geschichte. Ich vermittle gleichzeitig Wissen, stelle Fragen und rege Diskussionen an.

Deshalb entschied ich mich, meine fotografischen Arbeiten mit Performance zu verbinden. Die Menschen saßen nicht einfach vor Bildern, sondern wurden Teil eines Formats, das persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Themen miteinander verknüpfte. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich damit eigentlich schon Bildungsarbeit gemacht habe – nur eben auf künstlerische Weise. 

Wann hast du verstanden, dass sich all diese Erfahrungen miteinander verbinden lassen?

Ehrlich gesagt erst ziemlich spät. Ich hatte lange das Gefühl, mich entscheiden zu müssen: Bin ich Pädagogin oder Künstlerin? Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass genau diese Trennung für mich gar nicht funktioniert. Heute sehe ich Kunst als Medium. Sie hilft mir, komplexe Themen sichtbar zu machen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und das Lernen erfahrbar werden zu lassen. Deshalb kann ich heute mit Überzeugung sagen: Ich bin Künstlerin. Und genau deshalb entwickle ich Bildungsformate. Ich unterrichte aber nicht – ich schaffe Situationen, in denen Menschen selbst Erfahrungen machen können. Das ist für mich der entscheidende Unterschied. 

Kontakt

Mail: franziska.burkhardt@posteo.de
Tel.: 0176 31099562
Insta: @franziska_burkhardt

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