KMU trifft Kreativität: MORELI – Hörakustik trifft Design

Wenn Kreativwirtschaft kein Dienstleister, sondern Entwicklungspartner ist

Was passiert, wenn ein Hörakustiker beginnt, über Ästhetik nachzudenken? Wenn aus einer kreativen Zusammenarbeit weit mehr entsteht als ein einzelner Gestaltungsauftrag? Hörakustiker Benjamin Schadow (HÖRSTIL Erfurt) und Kommunikations- und Mediendesigner Sascha Simon erzählen, wie aus einem Schmuckstück eine Produktidee und aus unterschiedlichen Kompetenzen ein interdisziplinärer Entwicklungsprozess wurde. Das Ergebnis ist MORELI, ein Projekt, das Hörtechnik und Gestaltung auf neue Weise verbindet. Ein Gespräch über gemeinsames Lernen und darüber, warum Innovation oft außerhalb der eigenen Branche beginnt.

Der Impuls:

Die Ohrmuschel neu denken: MORELI nutzt einen neuen Wirkungsort für biografische Kunst. Im Mittelpunkt steht ein individuell gefertigtes Unikat, das Persönlichkeit, Wünsche und Identität sichtbar macht. So entsteht ein Konzept, das Schmuck, Design und Funktion verbindet und gleichzeitig neue Perspektiven für die Gestaltung und Personalisierung von Hörsystemen oder Cochlea-Implantaten eröffnet.

Kreativer Ansatz

Ein Hörakustiker entwickelt gemeinsam mit einem Mediendesigner, einem Goldschmied und einem Dentallabor individuelle Schmuckobjekte für die Ohrmuschel. Gestaltung, Material, Technik und Markenentwicklung werden dabei von Beginn an gemeinsam gedacht.

Was daraus entstanden ist

Das Verbinden von verschiedenen Disziplinen schafft einzigartige Produkte, die über den Nutzen eines reinen Medizinproduktes hinausgehen und stärkt die Innovationskraft des Unternehmens.

Benjamin: Ich würde gar nicht mehr von Auftraggeber und Auftragnehmer sprechen. Natürlich gibt es einzelne Leistungen, die beauftragt werden. Aber das Entscheidende passiert dazwischen. Wir treffen uns regelmäßig, tauschen Ideen aus, diskutieren Materialien, sprechen über Formen oder überlegen gemeinsam, welche Geschichte ein Schmuckstück erzählen könnte. Mit Paul Schnabel als Goldschmied (Schmuck und Objekt) in Erfurt, einem Dentallabor (Gehse Dental) in Jena, Fotografin Anja Feßer (Hellbunt Fotografie) für die Produktfotografien und Sascha (alias PALE COCOON) ist ein interdisziplinäres Netzwerk entstanden, in dem jede und jeder seine eigene Kompetenz mitbringt. Genau diese Offenheit macht das Projekt so besonders. Niemand arbeitet einfach nur seinen Teil ab – wir entwickeln gemeinsam weiter. 

Sascha: Genau das unterscheidet das Projekt von einem klassischen Designauftrag. Oft werden Designerinnen und Designer erst dann dazugeholt, wenn ein Produkt eigentlich schon fertig ist. Dann geht es um Logo, Verpackung oder Website. Hier war das anders. Meine Rolle hat sich deshalb im Laufe des Projekts immer wieder verändert. Anfangs habe ich Benjamin beim 3D-Modelling unterstützt. Heute beschäftigen wir uns viel stärker mit Markenentwicklung, Kommunikation und der Frage, wie man ein Produkt vermittelt, das sich nicht eindeutig in bestehende Kategorien einordnen lässt. MORELI bewegt sich zwischen Hörtechnik, Schmuck und persönlichem Ausdruck. Genau diese Verbindung verständlich und visuell greifbar zu machen, ist für mich ein wesentlicher Teil der Aufgabe. Denn MORELI ist kein Produkt von der Stange. Es ist etwas Individuelles und sehr Persönliches. 

“Seit ich gelernt habe, meine Idee mit anderen weiterzuentwickeln, ist daraus etwas entstanden, das ich alleine niemals hätte schaffen können. Für mich ist genau das der größte Wert kreativer Zusammenarbeit.” – Benjamin Schadow

Benjamin: Der wichtigste Teil ist eigentlich das Kennenlernen der zukünftigen Schmuckträger und -trägerinnen. Am Anfang scanne ich das Ohr mit einem Präzisionslaser ab und wir sprechen gemeinsam darüber, welche Geschichte das Schmuckstück erzählen soll und welche Formen, Materialien oder Symbole zu ihr oder ihm passen. Danach beginnt der eigentliche Gestaltungsprozess. Ich zeichne Skizzen, entwickle verschiedene Ideen und überführe sie anschließend in ein 3D-Modell. Daraus entsteht ein erster Prototyp, den wir gemeinsam anschauen und anpassen. Erst wenn alles perfekt passt, erzeuge ich einen ultrafeinen 3D Druck, von dem das Dentallabor einen präzisen Metallguss fertigt. Anschließend veredelt Paul Schnabel als Goldschmied das Schmuckstück, setzt ggf. Steine, veredelt die Oberfläche und bringt seine handwerkliche Erfahrung mit ein. Am Ende wird so jedes Objekt zu einem Gemeinschaftswerk.

Sascha: Der Prozess lässt sich ein Stück weit mit einem Tattoo vergleichen, denn Ausgangspunkt ist nicht einfach eine Form, sondern eine persönliche Geschichte, die in ein individuelles Objekt übersetzt wird. Genau diese Geschichten sind auch für die Kommunikation von MORELI wichtig. Deshalb entwickeln wir gemeinsam mit den Trägerinnen und Trägern unter anderem ein Lookbook, das nicht nur die Schmuckstücke zeigt, sondern auch die Menschen und Geschichten dahinter.

“Kreativität wird dort besonders spannend, wo sie auf andere Disziplinen trifft. Die besten Ideen entstehen oft nicht im eigenen Fachgebiet, sondern an den Schnittstellen.” – Sascha Simon

Benjamin: Wenn man lange in seiner eigenen Branche arbeitet, bewegt man sich irgendwann in einem sehr vertrauten System. Das ist bei uns nicht anders. Unsere Werkzeuge und Programme sind darauf ausgelegt, sehr funktionelle Inlays für das Ohr zu kreieren. Für künstlerische Gestaltung ist darin kaum Platz. Erst durch die Zusammenarbeit mit anderen Branchen habe ich angefangen, nach links und rechts zu schauen. Plötzlich habe ich gemerkt, dass Akustik, Schmuckgestaltung und Dentaltechnik mit ganz ähnlichen Materialien und Technologien arbeiten. Der Unterschied liegt oft nur darin, wie sie genutzt werden. Ich habe angefangen, Bücher über Schmuckgestaltung und Designprinzipien zu lesen und mich intensiv mit Ästhetik auseinanderzusetzen. Früher hätte ich mich damit wahrscheinlich nie beschäftigt. Heute gehört das ganz selbstverständlich zu meinem Alltag. Es ist faszinierend zu erleben, wie neue Perspektiven die eigene Arbeit verändern. Plötzlich geht es neben der Funktionsweise auch darum, welche Bedeutung ein Objekt haben kann.

“Heute sehe ich Kreative nicht mehr als Dienstleistende, sondern als Partner und Partnerinnen auf Augenhöhe. Sie bringen Fragen mit, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Genau dadurch entstehen neue Ideen.” – Benjamin Schadow

Benjamin: Für mich auf jeden Fall. Ich lerne ständig dazu, bekomme ehrliches Feedback und merke immer wieder, wie wertvoll andere Blickwinkel sind. Gerade dieses offene Miteinander hält den eigenen Unternehmergeist lebendig. Neue Denkweisen entstehen selten allein. Sie entstehen dann, wenn unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen und Wissen geteilt wird.

Sascha: Ja, mir geht es genauso. Man muss bereit sein, die eigene Perspektive auch einmal infrage zu stellen. Dafür erfahre ich viel über Hörakustik und Fertigungstechnologien, gleichzeitig entstehen daraus wieder Impulse für meine eigene Arbeit. Gerade diese Übersetzungsleistung finde ich spannend. Man nimmt Wissen aus einer Branche mit und entwickelt daraus etwas Neues für eine andere. Das passiert nicht auf Knopfdruck. Dafür braucht es Vertrauen, Zeit und die Bereitschaft, gemeinsam zu experimentieren. Deshalb finde ich Projekte dieser Art grundsätzlich sehr reizvoll. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann darin viel Potenzial liegen, weil neue Ideen oft genau dort entstehen, wo unterschiedliche Kompetenzen aufeinandertreffen.

Kontakt

Instagram: @moreli.earart
Web (coming soon)
Mail: schadow@hoerstil.com

Wenn kreative Ideen auf unternehmerische Praxis treffen, entstehen Lösungen, die wirken. In unserem Format Kreativität trifft KMU erzählen wir gemeinsame Geschichten von Thüringer Kreativschaffenden und kleinen sowie mittleren Unternehmen aus anderen Branchen. Im Mittelpunkt steht immer eine konkrete Herausforderung aus dem Unternehmensalltag und der kreative Prozess, der daraus neue Perspektiven, Strukturen sowie Sichtbarkeit entstehen lässt. Die Beiträge zeigen, wie Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktioniert: von der ersten Fragestellung über den kreativen Ansatz bis hin zum spürbaren Nutzen für das Unternehmen. Zwei Stimmen, ein Projekt, eine Geschichte, die zeigt, wie Kreative zu echten Lösungspartnern und -partnerinnen werden.

Interessiert? 

Wir laden Thüringer Unternehmen ein, die über ihre Erfahrungen mit kreativen Prozessen, Kooperationen oder Transformation sprechen möchten. Ziel ist es, praxisnahe Einblicke sichtbar zu machen – für andere KMU, für Kreative und für alle, die Zusammenarbeit als Zukunftsfaktor verstehen.

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