Digitale Barrierefreiheit

Im Gespräch mit Domingos de Oliveira - Online-Redakteur und digitale Barrierefreiheit-Experte

Digitale Barrierefreiheit ist als Thema, Schlagwort und Zielstellung häufig zu hören. Eine genauere Erläuterung und tiefere Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex ist hingegen selten. Was meint digitale Barrierefreiheit? Was wird im Internet oder auf digitaler Ebene zur Barriere und wie lassen sich diese Hindernisse überwinden? Und vor allem, warum sollten wir Hürden beseitigen und einen ungehinderten Zugang in die digitale Welt für alle ermöglichen und anstreben? Diesen und anderen Fragen widmet sich Online-Redakteur und digitale Barrierefreiheit-Experte Domingos de Oliveira, der sein Wissen an Unternehmen und Institutionen verschiedener Branchen in Schulungen, Vorträgen und seinen Büchern weitergibt. Im Oktober leitete er als Referent den THAK-Workshop “Digitale Barrierefreiheit” und bot somit eine erste Einführung in die Thematik für Interessierte aus der Kreativwirtschaft, die wir im Folgenden nochmal für Sie zusammengefasst haben. Im anschließenden Gastbeitrag geht der freiberufliche Accessibility Consultant auf die “Kluft zwischen Barrierefreiheits-Spezialistinnen und -Spezialisten und Betroffenen” ein und schildert seine Beobachtungen und die dabei identifizierten Hürden anhand von konkreten Beispielen.

Foto: Cliff Booth

Digitale Barrierefreiheit im Internet

Inhalte im Internet für alle barrierefrei zugänglich und verständlich machen: das ist das Ziel von digitaler Barrierefreiheit. Denn jeder hat das Recht, denselben Zugang zu Informationen zu erhalten. Hierbei stoßen nicht nur Menschen mit Sinnes- und Körperbehinderungen, wie zum Beispiel Blinde, Gehörlose oder motorisch Behinderte auf Herausforderungen, sondern auch diejenigen mit Lernbehinderung, Schwerhörige, Menschen mit Leseschwäche oder geringer Technikaffinität.

Seit 2020 ist jede öffentliche Institution aufgrund einer entsprechenden EU-Richtlinie dazu verpflichtet, ihre Apps und Webseiten barrierefrei zu gestalten. Hierbei spielen die Bedienbarkeit von Webseiten (unabhängig vom verwendeten Endgerät), die Usability der Navigation durch die digitalen Anwendungen, die Erkennbarkeit der Elemente und die Verständlichkeit des Inhaltes eine wichtige Rolle. 

Foto: Michael Burrows

Die Formen von Einschränkungen, ihre Herausforderungen und Hilfen

Menschen mit Sehbehinderung haben Probleme, auf Webseiten oder in Applikationen Kontraste wahrzunehmen. Hierbei verschwinden kleine Buttons und Links beinahe und der Gesamtüberblick über eine Webseite geht verloren. Helfen können kontrastreiche Darstellungen der Navigation und Inhalte sowie Vergrößerungsprogramme.

Blinde Personen können keine Bilder erkennen, die den Inhalt auf Webseiten visuell unterstützen. Somit entfällt der Überblick über die Webseite und das Erfassen von Eingabefeldern. Unterstützend wirken in solchen Fällen Screenreader, die die Inhalte und Bildbeschreibungen vorlesen oder sie als sogenannte Braille ausgeben.

Auch psychische Störungen und Anfallsleiden erschweren den Zugang zu Inhalten im WWW. So können zum Beispiel Epeleptiker starke Reize von schrillen und bunten Videos oder Animationen geistig nicht filtern, wodurch Anfälle ausgelöst werden können. Animationen sollten aus diesem Grund schnell und einfach blockiert werden können.

Menschen, die unter Schwerhörigkeit leiden, haben Probleme beim Erfassen von Audio- und Videodateien. Somit können sie keine auditiven Informationen wahrnehmen. Hier helfen Untertitel in geschriebener Sprache oder Gebärdensprache.

Motorisch behinderte Menschen haben Schwierigkeiten, kleine Buttons zielgenau anzuklicken oder andere feinmotorische Bewegungen zu vollziehen, wenn sich zum Beispiel in einer Navigation eine Unternavigation öffnet. Sie behelfen sich meist durch Augen- oder Sprachsteuerung und haben spezielle Mäuse und Tastaturen für derartige feinmotorische Bewegungen, um Webseiten zu bedienen.

Menschen mit Lernbehinderung, Leseschwäche oder Demenz haben Probleme, Texte in Alltagssprache zu verstehen oder komplexe Inhalte zu erfassen. Besser für sie geeignet sind angepasste Webseiteninhalte in leichter Sprache und Vorlesesoftwares. Auch Zwischenüberschriften zu jedem einzelnen Themenblock, Bilder anstatt Textblöcke oder Infokästen mit der Zusammenfassung aller wichtiger Informationen können hilfreich sein.

Lösungsansätze für digitale Barrierefreiheit

Barrierefreier Text-Content: Texte werden leichter zugänglich, indem man sie semantisch strukturiert und einzelne logische Abschnitte mit Überschriften gliedert. So können Menschen mit Einschränkungen leichter durch den Text navigieren. Zudem ist es eine Möglichkeit, nummerierte Absätze zu bilden, Zitate kenntlich hervorzuheben, auf Quellenangaben am Ende des Textes zu verzichten und diese direkt in den Text einzubinden, keine Abkürzungen zu verwenden und fremdsprachige Passagen kenntlich zu machen. Im Zuge der Textverständlichkeit ist es sinnvoll, nach Möglichkeit auf Fremdwörter, zu lange Wörter und Sätze sowie Fachjargon zu verzichten.

Bilder und Grafiken: Wenn Bilder und Grafiken auf Webseiten erscheinen sollen, dann sollte man sich vorher immer fragen: Sind diese Bilder und Grafiken informativ oder nur dekorativ? Zudem ist es gut, wenn der Kontrast zwischen Bildobjekt und Hintergrund so gestaltet ist, dass er eine gute Erkennbarkeit und die Differenzierung von Bild- und Textinhalten garantiert. Texte sollten dabei nicht in Bilder integriert werden. Hintergrundbilder und Farbeffekte sind nach Möglichkeit zu vermeiden, genauso wie Verlinkungen auf Bildern oder Grafiken, die dem Lesenden nicht klar formulieren “wo die Reise hingeht”. Zudem ist eine gut lesbare Schrift von Vorteil: Eine San Serifenschriftart ist zum Beispiel auch bei Vergrößerung noch gut lesbar. Auch Bilder und Grafiken sollten mit 200%-igem Zoom qualitativ hochwertig vergrößerbar sein. Visuelle Komponenten können für Nicht-Sehende durch eine Bildbeschreibung oder einen Alternativtext beschrieben werden, der die Kernaussage des Bildes widerspiegelt.

Verlinkungen: Verwenden Sie möglichst keine langen URLs, da diese vom Screenreader vorgelesen werden. Am besten Links im Ankertext verwenden und auch klar machen, wohin der Link führt, wie groß ggf. die Download-Datei ist und was möglicherweise heruntergeladen wird.

Multimedia: Auch bei Videos und Animationen ist eine hohe Qualität von Bedeutung, um eine gute Erkennbarkeit zu garantieren. Die Dateien sollten sich jedoch nicht von alleine starten. Für Videos ist eine Text-Transkription der gesprochenen Inhalte hilfreich sowie Untertitel oder eine Audiodeskription, die den visuellen Inhalt beschreibt. Auch stilistisch ist es wichtig, auf schnelle Schnitte, zu grelle Farben oder laute Musik zu verzichten.

Social Media: Bei Postings auf Facebook, Instagram und Co kann es für eingeschränkte Menschen von Vorteil sein, wenn auf zu viele Smileys und Hashtags verzichtet wird, da diese vom Screenreader vorgelesen werden. Zudem ist auf farbige Formatierungen und unklare Überschriften sowie Jargon-Sprache im besten Falle zu verzichten. Instagram erzeugt übrigens automatisch Alternativtexte, um die visuellen Inhalte kenntlich zu machen. Man kann jedoch auch zusätzlich eine eigene Bildbeschreibung formulieren und in den Post integrieren.

Foto: Daniel Ali

Barrierefreiheit in die Arbeit integrieren – 5 Tipps

Bevor Maßnahmen für barrierefreie Inhalte auf der Unternehmenswebseite umgesetzt werden, ist es wichtig das gesamte Team zunächst auf die Thematik zu sensibilisieren. Warum ist digitale Barrierefreiheit wichtig für Ihre Unternehmungen und Zielgruppen? Kommen Sie auf einen gemeinsamen Nenner.

Sollten Sie gerade eine neue Webseite planen, kann es von Vorteil sein Barrierefreiheit von Anfang an in die Arbeit einzuplanen und die jeweiligen Zielgruppen zu bestimmen. Das spart viel Zeit und Mühe im Nachgang.

Wie und für welche Zielgruppe die digitale Barrierefreiheit auf Ihrer Webseite oder App umgesetzt wird kann beispielsweise in einem Redaktionshandbuch festgehalten werden, das die jeweiligen Anforderungen klar macht. Sollten Sie in einem Team arbeiten, sollte auf dieses Redaktionshandbuch jeder Zugriff haben.

Bei der Erstellung von barrierefreien Inhalten, kann eine Checkliste für den Workflow von für Webredakteuren und -redakteurinnen hilfreich sein, um nicht den Überblick zu verlieren.

Webseiten und Content prüfen: Benutzen Sie zusätzlich automatische Testtools (z.B. WAVE) oder manuelle Testverfahren durch BIK BITV. Auch können Sie sich wertvolles Feedback von eingeschränkten Menschen einholen und jeweilige Experten zu Rate ziehen. 

Die Möglichkeiten und Tools sind vorhanden. Jedoch stoßen Menschen mit Einschränkungen immer wieder – auch auf barrierefreien Webseiten – auf Hürden. Domingos de Oliveira schildert im Folgenden seine persönlichen Erfahrungen, die er mit der “Kluft zwischen Barrierefreiheits-Spezialistinnen und -Spezialisten und Betroffenen” gemacht hat. 

DIE KLUFT ZWISCHEN BARRIEREFREIHEITS-SPEZIALISTINNEN UND -SPEZIALISTEN UND BETROFFENEN

Ein Gastbeitrag von Domingos de Oliveira

Oliveira ist Experte auf dem Themengebiet der digitalen Barrierefreiheit und das nicht zuletzt, da er selbst blind ist. Während einer Weiterbildung zum Online-Redakteur lernte der Diplom-Politikwissenschaftler, redaktionelle Texte zu schreiben, aber auch mit HTML und CSS zu arbeiten. Als er sich als Online-Redakteur selbständig machte, wurde er von vielen Kunden und Kundinnen gebeten, Webseiten und PDFs auf Barrierefreiheit zu prüfen. Trotz seiner Sehbehinderung konnte er mit dem Begriff zunächst nichts anfangen. Er wusste zwar, dass etwas für ihn nicht funktionierte, nicht aber, warum es nicht funktionierte. Er begann, sich in das Thema einzuarbeiten und wurde auf diesem Weg autodidaktisch zum Experten. 2015 absolvierte er eine Qualifizierung zum Dozenten in der Erwachsenenbildung. Seitdem hat er mehrere tausend Personen in digitaler Barrierefreiheit fortgebildet.

Nicht-barrierefreie PDFs

PDFs können ebenso barrierefrei sein wie Webseiten. Die Betonung liegt auf können. Es ist kein Zufall, dass HTML die Referenz für barrierefreie PDFs ist und nicht umgekehrt. In meiner langen Karriere habe ich wenige PDFs gesehen, welche die Qualität einer mittelmäßig barrierefreien Webseite erreicht hatten – bei vergleichbarer Komplexität versteht sich.

Das Problem lässt sich sehr einfach zusammenfassen: PDF ist nicht für Barrierefreiheit ausgelegt und im übrigen auch nicht für Responsivität. Neben Cookie-Bannern sind PDFs einer der nervigsten Usability-Bugs auf Webseiten.

Man setzt am falschen Ende an: Statt bereits im Produktionsprozess das Thema Barrierefreiheit vorzusehen, wird zunächst ein für den Druck optimiertes PDF erzeugt, das hinterher barrierefrei gemacht und ins Internet gestellt wird. Ein teurer und überflüssiger Prozess. Aber alle sind glücklich. Die Anbieter müssen ihre Prozesse nicht optimieren und die Spezialistinnen verdienen an jedem Fehler, den der Gestalter oder die Gestalterin im PDF gemacht hat. Der oder die Betroffene kommt in dieser Geschichte leider nicht vor. Wäre die Barrierefreiheit ein Krimi, wäre der Betroffene das Mordopfer: über ihn wird gesprochen, aber nicht mit ihm. Eine Webseite oder ein Office-Format ziehe ich persönlich barrierefreien PDFs vor.

Das Language-Attribut

Das Language-Attribut dient dazu, dem Screenreader oder anderen Vorlese-Tools mitzuteilen, in welcher Sprache ein Inhalt vorgelesen werden möchte. Die meisten fortgeschrittenen Sprachausgaben-Nutzenden, die ich dazu befragt habe, schalten den automatischen Sprachwechsel ab. Den Hintergrund habe ich an anderer Stelle ausführlich dargestellt. Sicherlich gibt es Blinde, die mehrsprachig unterwegs sind und denen es nichts ausmacht, wenn der Screenreader ständig die Sprache wechselt.

Das ist allerdings eine Minderheit. Jeder mir bekannte Screenreader erlaubt das manuelle Umschalten der Synthesizer-Sprache, aber nicht alle erlauben die Abschaltung des automatischen Sprachwechsels.

Bei den Experten und Expertinnen, etwa bei den Verantwortlichen des BITV-Tests, geht das zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Sie verlangen, dass jedes Fremdwort mit der entsprechenden Sprache ausgezeichnet wird.

Alternativtexte

Die meisten Diskurse mit Spezialisten und Spezialistinnen habe ich bezüglich Bildbeschreibungen. Die Seite X erzeugt aus dynamischen Daten Diagramme. Das verwendete Framework erzeugt automatisch eine Bild-Beschreibung, in welcher etwa die Zahl der Säulen oder Balken und deren Werte zusammengefasst werden. Dazu auch noch auf Englisch – auf einer deutschen Webseite.

Ich sage, hier ist eine – vorhandene – CSV tatsächlich die bessere Alternative. Es mag Fälle geben, in denen die Form des Diagramms und dessen visuelles Aussehen für einen Blinden relevant sind – mir fällt allerdings keiner ein. Der Spezialist oder die Spezialistin sagt mir aber, Richtlinie XY schreibt einen Alternativtext vor.

Kontakt
Domingos de Oliveira
Freiberuflicher Accessibility Consultant
Mail: barrierefreiheit@posteo.de
www.netz-barrierefrei.de

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Nina Palme

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0151 / 1290 4638

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