Augenhöhe und Ko-Kreation stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Sina Georgy und ihrer Designagentur GeorgyBüchner in Weimar. Ihre Auftraggebenden stammen vor allem aus dem sozialen und kulturellen Bereich, wobei die Projekte der Agentur, die Sina mit ihrem Partner Christian Büchner führt, konsequent auf partizipative Gestaltung setzen. So entstehen Konzepte nicht nur am Rechner, sondern gemeinsam im Austausch mit allen Beteiligten und in der praktischen Umsetzung. Das Ergebnis: Produkte und Marken, die gestalterisch funktionieren und von allen Beteiligten mitgetragen werden, weil sie von Anfang an Teil des Prozesses waren.

Sina, eure Agentur arbeitet seit Jahren nicht nur eng mit Auftraggebenden zusammen, sondern oft auch direkt mit der Zielgruppe. Wie prägt das die kreativen Projekte?
Für uns sind Ko-Kreation und Partizipation keine Methoden, sondern eine Haltung.
Seit 2010 entwickeln mein Partner und ich Konzepte direkt mit den Menschen, die später davon profitieren. Wir interessieren uns dafür, wie Design auf Menschen wirkt, und haben erkannt, welches Empowerment dahintersteckt, wenn die Zielgruppe wirklich mitgestaltet.
Kannst du ein konkretes Projekt nennen, das zeigt, wie diese kreative Teilhabe in der Praxis aussieht?
Ein gutes und inklusives Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda e. V. im Zuge des Gedenkprojekts „1000 Buchen – Ein lebendiges Gedenken“. Menschen mit und ohne Behinderung pflanzen entlang der Routen, auf denen Häftlinge 1945 aus dem KZ Buchenwald getrieben wurden, Stück für Stück Bäume als lebendiges Zeichen gegen das Vergessen.
Das Projekt besteht seit 25 Jahren. Ein inklusives Team hat sich auf dessen Spuren begeben und eine eigene Forschungsreise unternommen: Warum werden die Bäume gepflanzt? An wen erinnern sie? Was können wir über die Geschichte erfahren? Unser Auftrag war es, eine Broschüre zu gestalten, die das Forschungsprojekt dokumentiert.
Diese Broschüre im Bulletjournal-Stil haben wir gemeinsam mit den Beteiligten kreiert. Ziel war es, Menschen mit Unterstützungsbedarf von Anfang an aktiv einzubinden, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und ein partizipatives, inklusives Format zu schaffen. Fotos, Zeichnungen, Texte und Malereien aus dem Team wurden gesammelt, aufbereitet und ergänzt. Kreative Elemente wie Comic-Strips machten die Inhalte noch zugänglicher. Jeder Gestaltungsvorschlag wurde gemeinsam geprüft und wiederholt an das Feedback der Beteiligten angepasst. So konnten wir sicherstellen, dass die Arbeit wirklich auf Augenhöhe entsteht. Die Teilnehmenden waren somit nicht nur Betrachtende, sondern aktive Mitgestaltende. Das Ergebnis ist eine Broschüre, die Inklusion, Erinnerungskultur und Design zusammenbringt.



„Wir entwickeln gemeinsam Ideen. Das ist unser Anspruch.“
Welche Prinzipien leiten dich bei der Zusammenarbeit mit der Zielgruppe und Auftraggebenden?
Augenhöhe, offene Räume und kontinuierliches Feedback. Das gilt für die Zusammenarbeit mit der Zielgruppe genauso wie mit unseren Auftraggebenden. Ich sehe mich im kreativen Prozess als Moderatorin, Expertin und Beraterin. Ich höre aufmerksam zu und stelle die richtigen Fragen. In Gesprächen und Workshops wird gemeinsam gezeichnet, Ideen werden diskutiert und getestet. Was dabei entsteht, ist überraschend: Der Titel „Andenklich“ für die oben genannte Broschüre kam beispielsweise aus dem Team. Ein Wort, das es so eigentlich gar nicht gibt, aber den eigenen Arbeitsprozess sowie Erinnerungs- und Gedenkkultur miteinander verbindet. Eine Teilnehmerin sagte: „Eine Blume hinzulegen, ist andenklich. Einen Baum zu pflanzen, ist andenklich.“ Das war für mich ein echter Wow-Moment. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Welche Rolle spielen Inklusion und Ko-Kreation in eurem Designverständnis?
Uns ist es wichtig, Inklusion aktiv mitzugestalten. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zusammen. Barrierefreiheit bringen wir deshalb auch in Projekte ein, die ursprünglich gar nicht inklusiv gedacht waren oder versuchen, unsere Kundschaft dahingehend mehr zu sensibilisieren. Das gelingt nicht immer, aber wir bleiben dran. Und wenn wir inklusiv gestalten, dann darf das, je nach Zielgruppe, auch ästhetisch und emotional sein. Inklusiv und gestalterisch mutig, schließt sich nicht aus. Ko-Kreation ist für mich persönlich die Übersetzung von „Augenhöhe“: Ich arbeite mit meiner Kundschaft, nicht für meine Kundschaft. Ich komme nicht mit fertigen Lösungen, sondern wir entwickeln sie gemeinsam.
Kontakt
www.georgy-buechner.de
Instagram: @georgy.buechner
Teil der Reihe: Wie wir verbinden
Wenn Disziplinen zusammentreffen, verschieben sich Perspektiven, erweitern sich Möglichkeiten und entstehen Verbindungen, die mehr sind als die Summe ihrer Teile. Genau dort entsteht etwas Neues. Kreative übersetzen, vermitteln, verknüpfen: zwischen Wissenschaft und Gestaltung, zwischen lokalem Arbeiten und globalen Märkten, zwischen Menschen, Orten und Ideen.
Unsere Reihe “Wie wir verbinden“ stellt Menschen vor, die genau darin ihre Stärke sehen. Im THAK Online-Magazin erzählen wir ihre Geschichten fortlaufend weiter.
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