Kreativität im Moshpit

Im Interview mit Kreativdirektorin (M.A.), Fotografin und Expertin für generative KI Jenny Habermehl

Dass sich die Kreativwirtschaft aufgrund von Technologieentwicklungen neu erfindet und transformiert, ist nicht neu. Neu ist die noch nie dagewesene Geschwindigkeit, mit der KI und menschliche Kreativität aufeinandertreffen. Und die Wucht, mit der sie aufeinanderprallen. Wie in einem Moshpit entstehen in einem Klima von permanenter Reibung und schwindelerregendem Tempo neue Dynamiken. Arbeitsweisen werden verschoben und Möglichkeitsräume eröffnet. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach Qualität, Verantwortung und danach, wie sich kreative Arbeit mit KI jetzt und künftig gestaltet. Wir haben Jenny Habermehl, Kreativdirektorin (M.A.), Fotografin sowie Expertin für generative KI, für ein Interview gewinnen können, das Einblicke in diese Entwicklung gibt.

Kreativdirektorin, Fotografin und KI-Expertin Jenny Habermehl beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie KI kreative Prozesse verändert und wie Mensch und Maschine sinnvoll zusammenarbeiten können. In ihren Workshops, Vorträgen und Projekten verbindet sie kreatives Denken mit technologischem Verständnis und zeigt praxisnah, wie KI als Werkzeug im kreativen Alltag eingesetzt werden kann, Foto: Aline Lange.

Alles drei. KI revolutioniert bereits einige Bereiche und es entstehen ganz neue technische Möglichkeiten, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten. Die ersten Agenten existieren und können eigenständig Aufgaben durchführen. Tools wie Nano Banana von Google können komplexe Bildbearbeitung auf Knopfdruck erledigen, für die man früher Stunden gebraucht hat. Die Leute programmieren sich eigene Anwendungen nach ihren Wünschen und wir haben plötzlich Zugang zu sehr viel Wissen, inklusive einer Lehrerin, die uns das so beibringt, dass wir es verstehen.

Doch wir müssen immer noch viel lernen und experimentieren, um wirklich sinnvolle Wege zu finden, die KI in den Alltag zu integrieren. Ständig gibt es neue Updates und wir kommen kaum hinterher, die ganzen neuen Möglichkeiten auszuschöpfen. Es erfordert meistens wirklich viel Arbeit und Wissen sowie Erfahrung, um mit der KI etwas Sinnvolles zu generieren, das seinen Zweck erfüllt. Je komplexer die Tools, desto genauer muss ich formulieren können, was ich wie haben möchte. Außerdem stoßen wir immer öfter an die Grenzen der Modelle, was zu einer teilweisen Ernüchterung führt.

In meinen Workshops und Kursen sitzen natürlich die Neugierigen. Aber viele sagen danach, dass ihnen ein Stein vom Herzen fällt, da sie KI nun besser verstehen und auch deren Grenzen kennen. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft ist meiner Meinung nach nur menschlich. Meine Empfehlung ist, sich nicht von den Medien verunsichern zu lassen.

Angst kann durch Wissen und Information oft in Neugier umgewandelt werden. Eine gesunde Portion Skepsis ist aber durchaus weiterhin angebracht.

In ihrem neuen Buch „Ideenfindung mit KI“ zeigt Jenny Habermehl, wie künstliche Intelligenz kreative Prozesse unterstützen kann – von der Recherche und Ideenentwicklung über Kreativmethoden und Prompttechniken bis zur Umsetzung in Text und Bild. Das Buch ist im Rheinwerk Verlag erschienen.

Viele denken, dass die KI besonders in der Bild- und Textgenerierung einen Mehrwert bringt. Und ja, natürlich ist es großartig, in welcher Qualität und Geschwindigkeit wir jetzt Medien produzieren. Aber die Innovation und wahre Kreativität passiert in dem Prozess davor. Also bevor wir überhaupt etwas sehen. Für mich bringt KI bei der Inspiration, aber auch Strukturierung meiner Ideen die größte „Beschleunigung“. Die Umsetzung ist dann nur noch der letzte Schritt, der natürlich nicht weniger wichtig und kreativ ist, sondern das, was wir vorher im Prozess geleistet haben, in eine Form bringt.

„Authentisch ist ein Werk für mich, wenn ein Mensch mit seinen Ideen, Gefühlen und Worten dahinter steht“

Den typischen kreativen Workflow gibt es so nicht. Ich kann aber KI-Tools so einsetzen, wie ich sie brauche. Idealerweise ist die kreative Arbeit mit KI wie ein Dialog, um die entscheidenden Ideen zu formen und weiterzuentwickeln. Meine Empfehlung: zuerst den Kopf einschalten und dann die KI als Ergänzung nutzen. Zwischendurch mal raus aus dem Chat, die Sinne aktivieren und eigene Gedanken einfließen lassen. Dabei kommen die besten Ideen heraus.

KI hat bei mir im Workflow zum Beispiel viele Rollen: Sie ist eine geduldige Zuhörerin, die mir auch manchmal Mut zuspricht. Aber sie kann auch meine größte Kritikerin sein, wenn ich das wünsche. Und sie bietet mir eine Vielzahl an Informationen, die ich als Grundlage oder Ergänzung für eigene Konzepte nutzen kann. Aber eigentlich möchte ich KI nicht vermenschlichen, das wäre falsch. KI ist nicht menschlich, sie simuliert das Menschliche nur sehr gut. Das kann dazu führen, dass wir ihr mehr Kompetenz und Unabhängigkeit zutrauen, als sie hat. Bleiben wir also lieber beim Werkzeug, das ich immer so nutzen kann, wie ich es gerade brauche.

Die KI kann keine kreativen Ideen aus eigener Motivation entwickeln. Es braucht Menschen, die einen Anstoß geben, sowie dem Ergebnis einen Wert beimessen. Natürlich können jetzt auch Menschen ohne entsprechende Ausbildung oder Erfahrung kreative Werke schaffen. Und das finde ich erst einmal großartig, denn Kreativität ist überall und nun ermöglicht KI vielen, ihre Ideen umzusetzen. Das kann auf jeden Fall Gutes bringen.

Nun zu der Angst, dass wir alle ersetzt werden können: Für manche ist das bereits Alltag geworden. Ich glaube, nach der anfänglichen Euphorie wird irgendwann die Erkenntnis kommen, dass es nicht schlau ist, die KI „machen zu lassen“. Wenn wir sie nicht genau steuern, erhalten wir immer nur das Mittelmaß von dem, was die KI zu dem Thema gelernt hat. Was besonders häufig in den Trainingsdaten vorkommt, ist dann aus Sicht der KI – dem Statistikmodell – die richtige und gewünschte Antwort. Das ist ja aber genau das, was wir nicht wollen, wenn es um Kreativität geht. Und das merken die Menschen auch gerade. Sicher werden durch KI noch weitere Arbeitsbereiche wegfallen. Aber es eröffnen sich auch wieder neue Wege, kreativ zu sein.

Die Rolle von Kreativschaffenden wird meiner Meinung nach weiterhin sein, Probleme zu lösen. Die Arbeit wird sich mehr in Richtung Beratung, Strategie und kreatives Denken verschieben, mit weniger mit Fokus auf die reine Umsetzung.

Wir waren schon immer diejenigen, die mehrere Kompetenzen vereinen und uns schnell in Neues reinarbeiten können. Also eigentlich brauchen wir genau die Kompetenzen, die wir schon haben: Kommunikationsfähigkeit, kreatives Denken, Flexibilität, Neugierde und Risikobereitschaft. Wir sehen Potenzial und Details dort, wo andere nicht hinschauen, was zu vielen großen Innovationen geführt hat. Und eine gehörige Portion kritisches Denken, um alles in Frage zu stellen, Probleme ganz neu anzugehen und Wege zu beschreiten, die andere noch nicht gegangen sind.

Eigentlich sind es genau wir Kreative, die bestens für die jetzige und die kommende Zeit gewappnet sind.

„Die Rolle von Kreativschaffenden wird meiner Meinung nach weiterhin sein, Probleme zu lösen“

Beim German Creative Economy Summit in Hamburg sprach Kreativdirektorin und KI-Expertin Jenny Habermehl darüber, wie KI die kreative Arbeit verändert und neue Möglichkeiten eröffnet. Ihr Appell: Kreativschaffende sollten ihre Rolle stärker in Richtung Beratung, Strategie und Konzeption weiterentwickeln, statt sich allein auf die Umsetzung zu konzentrieren, Fotos: THAK.

In meinen Kursen merke ich, dass viele von dem total begeistert sind, was die KI an Ideen ausgibt. Und manchmal erhalten wir Ideen, die es erst einmal zu kuratieren gilt. Aber das macht es umso schwerer, in die Umsetzung zu kommen. Man kann sich in so einem Chat oder bei der Bildgenerierung regelrecht verlieren. Das macht den Prozess erstmal komplexer. Natürlich muss ich auch in der Lage sein, genau zu beschreiben, was ich eigentlich machen möchte. Ich muss es, wie einer anderen Person, ganz genau erklären, damit ich ein gutes Ergebnis erhalte. Das kostet Zeit und braucht manchmal mehrere Anläufe.

Aber mit Hilfe von KI kann ich Ideen auch schnell ausprobieren und sehen, ob diese Potenzial haben. Ich habe schneller Zugriff auf Informationen und bei mir ist es so, dass ich durch das Beschreiben, das Prompten, viel schneller als bisher Klarheit in meinem Kreativ-Workflow erlange und mein Chaos im Kopf zu umsetzbaren Konzepten bringen kann. Ganz abgesehen von der Umsetzung in Bild und Text, die beide extrem an Fahrt gewonnen haben. Man kann also sagen, dass die KI in manchen Bereichen Komplexität reinbringt und in anderen den Prozess unheimlich beschleunigt.

„Das Problem ist eher der AI Slop, dem wir täglich begegnen: KI-generierter Content ohne Sinn und Verstand, ohne jegliche Qualitätskontrolle. Ich denke, wir werden zunehmend wieder Qualität einfordern, egal wie diese zustande kam.“

Beides wird weiterhin koexistieren und sich nicht unbedingt ausschließen. Ich bin ein großer Fan von Handwerkskunst und ich finde es toll, dass dieser immer noch ein hoher Wert beigemessen wird. Das Problem ist eher der AI Slop, dem wir täglich begegnen: KI-generierter Content ohne Sinn und Verstand, ohne jegliche Qualitätskontrolle. Ich denke, wir werden zunehmend wieder Qualität einfordern, egal wie diese zustande kam. Ob etwas KI-generiert ist, können wir heute immer weniger sehen. Zeiten und Technologien ändern sich und es wäre falsch, sich dem Ganzen komplett zu verwehren. Was ich weiß: Menschen arbeiten gerne mit Menschen zusammen und das wird sich hoffentlich nicht so schnell ändern. Wir haben in der Pandemie erlebt, wie das ist und viele wollen nicht wieder zurück zu einem Zustand, der uns isoliert. Die rückgratlose Nettigkeit der KI geht vielen bereits auf die Nerven, was auch zeigt, dass wir nicht immer gerne in unserer eigenen Echokammer sitzen, zumindest die meisten Kreativen nicht.

Eine spannende Frage ist auch, wie sich KI auf die Lehre auswirken wird. Sollen wir noch lernen, von Hand zu zeichnen? Zu fotografieren? Zu schreiben? Ich sage ja, denn besonders durch eigenes Tun und Erleben sowie dem Studium der Arbeiten anderer können wir das, was die KI uns generiert, auch kuratieren beziehungsweise veredeln. Ich zeichne nicht gerne, aber im Studium musste ich mehrere Semester zeichnen und illustrieren. Dabei habe ich unheimlich viel gelernt, besonders meine Umgebung ganz anders zu beobachten, den Blick für Details, Licht, Schatten und Farben zu öffnen, Formen zu erfassen, zu abstrahieren und greifbar zu machen. Das möchte ich nicht missen. Authentisch ist ein Werk für mich, wenn ein Mensch mit seinen Ideen, Gefühlen und Worten dahinter steht. Wenn es zu mir spricht und etwas bei mir auslöst. Weniger wichtig ist dabei, mit welchem Werkzeug das Ganze umgesetzt wurde.

Das ist total spannend, denn darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Der Worst Case wäre ja, wenn wir alle einzeln vor dem Computer sitzen und vor uns hinarbeiten. Mitarbeitende würden entlassen oder Stellen nicht neu besetzt, weil nun einige wenige mit der KI zusammen den Job übernähmen. So geschieht es auch schon in einigen Unternehmen. In meinen Vorträgen sage ich immer so schön: KI fördert das Miteinander, weil wir unsere Kommunikationsfähigkeit schulen. Beim Prompting müssen wir oft sehr präzise sein und unsere Gedanken und Ideen in Worte fassen. Das hilft uns auch bei der Zusammenarbeit mit anderen oder der Präsentation von Ideen. Ich bin durch die Arbeit mit der KI ganz anders und manchmal sogar viel tiefer in Themen drin. Als Selbstständige bemerke ich natürlich nicht allzu viel Miteinander im Alltag, aber ich sehe es in den Unternehmen und Agenturen, die ich schule. Diese berichten mir manchmal nach Trainings, dass sie sich nun regelmäßig zusammensetzen und sich über die Nutzung von KI austauschen. Außerdem zeige ich Techniken, wie man auch als Team gemeinsam promptet oder einheitliche Briefings erzeugt, die wiederum in der internen sowie externen Zusammenarbeit unheimlich wertvoll sein können. Diese Entwicklung finde ich total spannend. Hier kommt es darauf an, was wir daraus machen. Die KI bietet uns eine Vielzahl an Möglichkeiten und wir können uns aussuchen, welche am besten zu uns passen.

Kontakt

ki-und-design.de
Instagram: @jenny.habermehl

THAK Tipp: KI nutzen, rechtlich sicher handeln

Welche Regeln gelten für den Einsatz von KI in der Kreativwirtschaft? Was darfst du, welche Pflichten hast du und was solltest du mit deiner Kundschaft klären? In unserem Online-Workshop „AI Act – Pflichten, Spielräume und Umsetzung für Kreativschaffende“ am 5. November 2026, von 10:00 bis 13:00 Uhr, gibt Rechtsanwalt André Stämmler Orientierung und zeigt anhand praktischer Beispiele, worauf es beim Einsatz von KI ankommt. Jetzt anmelden und rechtliche Unsicherheiten aus dem Weg räumen!

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