STECKBRIEF #24

sandruschka. Raum für Gestaltung

Illustrationen aus Weimar

Sandra Bach, sandruschka

Punkt Punkt Komma Strich – eine neue Sprache eröffnet einen neuen Blick auf die Welt. Klingt schön, bedeutet aber in der Regel viel Arbeit und Disziplin. Manchmal bedarf es einer vereinheitlichten Sprache, um Kontexte besser darstellen zu können, Menschen auf denselben Wissensstand zu bringen, oder einfach um zu schauen, ob alle dasselbe unter einer Aussage verstehen. Gut, dass es diese verbindende Sprache gibt. Es ist die universelle Sprache der Illustration. Eine erfolgreiche Abwandlung davon sind die Emoticons in den sozialen Netzwerken. Diese destillierten Zustandsbeschreibungen der Gefühle und Tätigkeiten sind leicht zu erfassen. Bei einer schnellen Zeichnung gilt es, die Kernaussage treffend darzustellen. Durch ihre Unmittelbarkeit gegenüber einer Textwüste, bietet sie dem Betrachter einen Anker im Informationsfluss. Man driftet nicht durch zu viele verwirrende Details ab, sondern bleibt immer beim Wesentlichen. Etwas schnell zu erfassen, prägnant und allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen ist eine hohe Kunst. Für Sandra Bach alias sandruschka ist es ihr erlerntes Handwerk. Ihr Spezialgebiet ist das Graphic Recording. „In Echtzeit übersetze ich Wörter in Bilder und Zusammenhänge in Geschichten“, so die Kommunikationsdesignerin aus Weimar.

Graphic Recording und Visual Facilitation

Nach ihrem Studium an der Burg Giebichenstein und der Hochschule Luzern in den Bereichen Illustration und Animation, hat sich sandruschka vor sieben Jahren selbstständig gemacht. Das Schnellzeichnen, das beim Graphic Recording gefragt ist, hat sie durch ihre Arbeiten für den Illustrationsautomaten perfektioniert. Der Illumat ist eine „Zeichenmaschine“, in deren Innenleben Zeichner sitzen und Wünsche schnell und hell in Zeichnungen umsetzen. „Das war einfach eine fantastische Lernmöglichkeit. Über lange Zeit immer schneller werden und den Mut haben, Sachen weglassen zu können. Das ist auch die Kunst beim Graphic Recording, sich nicht in Details zu verlieren, sondern es einfach zu machen. Sobald du die Sprache des Graphic Recording beherrschst, ist alles intuitiv, wenn es drauf ankommt“, so sandruschka. Die Bilderideen sprudeln nur so aus ihr heraus. Je bildhafter ein Redner beim Live-Zeichnen seinen Vortrag hält, umso besser. Durch die Visualisierung gibt es eine Ebene, worauf sich alle verständigen können. In ihrem Portfolio bietet die Zeichnerin Graphic Recording und Visual Facilitation an. Beim Ersten transformiert sie den Vortrag in Bilder. Beim Zweiten steuert sie selber den Gesprächsprozess in einer Gruppe und unterfüttert das Gesagte mit ihren Zeichnungen. Dafür hat sandruschka im vergangenen Jahr eine Zusatzausbildung als Moderatorin absolviert.

„Keine Angst vor großen Flächen.“

Fasziniert betrachten die Zuschauer auf einer Veranstaltung den Entstehungsprozess eines Bildes. Während die Schrift immer einer klaren Linie folgt, von oben nach unten, rechts nach links oder umgekehrt, beginnt Sandruschka einfach an einer Stelle auf dem Blatt und entwickelt im Laufe der Veranstaltung oder des Meetings ein facettenreiches Bild mit Querverweisen, Ankerpunkten und Kernaussagen – aber stets visuell. Platzmangel auf dem Papier hat es bei ihr noch nie gegeben. Das liegt an ihrer professionell strukturierenden Art des Zeichnens. Entweder verwendet sie einfach eine große Fläche, oder arbeitet mit einer Graphic Wall, also aufgespannten Papierrollen, die sich bei Bedarf weiter kurbeln lassen. „Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. In Lausnitz habe ich Faschingswagen angemalt. Wenn einer auf dem Dorf gut malen kann, dann wird er zu solchen Sachen herzitiert. Das Tolle daran ist, sobald man sich professionalisiert hat, kommt einem das komplett zugute. Du hast keine Angst vor großen Flächen“, lacht sandruschka. An eine künstlerische Förderung war im Dorfleben zunächst nicht zu denken, doch sie nutzte ihre Möglichkeiten und nahm sich Freiräume. Mit viel Verve und Leidenschaft hat sie ihr Ziel verfolgt und ist zu einer gefragten Zeichnerin und Art-Direktorin geworden. Die Auftraggeber für ihre Illustrationen, Comics und Corporate Designs sind Unternehmen, NGOs sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunk.

Vom Kubus zu Kindern – mit dem Stift zur Stiftung

„In den Vereinigten Staaten gibt es den Berufsstand des Live-Zeichners bereits seit über vierzig Jahren. Über Estland schwappte die Bewegung zu uns nach Europa. Als ich vor gut sechs Jahren davon hörte, war mir sofort klar, dass ich das ausprobieren musste“, erinnert sich sandruschka. Gesagt, getan. Die Einweihung des Schwartzen Kubus in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße nahm sie zum Anlass, um sogleich dieses Werkzeug erstmalig anzuwenden. Vor Ort waren auch Mitarbeiter der Deutschen Kinder und Jugendstiftung (DKJS), die sofort Gefallen an ihrer Arbeit und ihrem Stil gefunden hatten. Seitdem wird sie regelmäßig von der Stiftung gebucht. „Ich finde Kinder einfach super. Sie sind das Potenzial unserer Gesellschaft. Die sollten einfach gut gefördert und ausgebildet werden. Deswegen mache ich auch viele ehrenamtliche Projekte für und mit Kindern“, schwärmt die Illustratorin. Mit ihrer Hands-on-Mentalität und humorvollen Ausstrahlung nimmt sie die Menschen für sich ein. So entwickelte sie die Figur der Bibi Rosa, um Schüler mit Freude wieder an das Zeichnen und Visualisieren zu bringen.

sandruschka alias Bibi Rosa

„Man darf sich vor Digitalisierung und digitaler Bildung nicht verschließen.“

Ihrer Meinung nach sollte es mehr Bildungsprodukte und -angebote geben, die an der Schwelle von digitalen und analogen Medien funktionieren, so wie bei der Visualisierung. „Man muss einfach alles nutzen, egal ob digital oder analog. Denn die Kinder wachsen mit Handys und Tablets auf. Das kann man auch nicht komplett verbieten oder abschirmen. Auf der anderen Seite darf man das aber nicht zu sehr hypen, sondern muss ihnen auch was geben, damit sie mit ihrem Körper und ihren Händen arbeiten. Sonst vergessen sie noch, dass sie einen Körper haben“, ist sandruschka überzeugt. Diese Vision teilt ihr neuester Kooperationspartner, die Oberschule in Gehrden. Sie gehört zu den führenden digitalen Schulen in Deutschland und ist Teilnehmer am Apple Distinguished School Programm. Auch als Mitglied beim International Forum of Visual Practitioners setzt sich Sandra Bach für ihren Berufsstand ein. Zur Zeit wird ein europäisches Forum gegründet und die ersten Gespräche laufen für den Aufbau einer professionellen transatlantischen Community.

Thüringen – schnell und direkt

Bei all der Umtriebigkeit, schlägt das Herz der Designerin für ihre Heimatregion. „Ich bin einfach glücklich, dass meine Arbeit auch so gut in Thüringen ankommt. Weil ich hier gerne arbeite und lebe. Ich muss nicht durch ganz Deutschland oder bis nach Stockholm oder Singapur fahren. Es gibt so viele Facetten von Thüringen, von der Natur über die technikorientierten Standorte bis hin zur Kultur. Ich bin immer wieder überrascht, was es hier für Menschen und Netzwerke gibt. Die kurzen Kommunikationswege sind einfach super. Du kannst die Leute schnell treffen, mit ihnen ein Gespräch führen und gemeinsam was entwickeln. Toll.“

Text: Michael Krömer
Fotos: Carlo Bansin, Rebecca Meyer

Diesen Artikel kommentieren:

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Mit dem Versenden Ihres Kommentars stimmern Sie unseren Datenschutzbestimmungen zu.

Top