STECKBRIEF #22

Dennis Schmelz

Das fliegende Auge aus Erfurt

Dennis Schmelz – Director of Photography

Der schwebende Blick, das offene Staunen über die Naturschauspiele aus Licht und Gezeiten. Die Kontraste zwischen Kälte und Hitze, sternenklarer Nacht und hellichtem Tag. Verschmolzen zu einem dichten und einzigartigen Videofilm, das zeichnet die visuelle Kraft und Schönheit des Werkes von Dennis Schmelz aus. Der Filmemacher aus Erfurt hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem weltweit gefragten und gut gebuchten Kameramann entwickelt. Er dreht szenisch und dokumentarisch, Werbe- und Musikclips, aber seine Reisevideos zu den spektakulärsten Orten auf diesem Planeten bilden den Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens.

v. l. Dennis Schmelz und Christopher Schmid

 

Freie Arbeiten sind wahre Türöffner für bezahlte Aufträge

Nicht warten, dass die Aufträge an einen herangetragen werden, sondern zeigen was man kann. So hat es Dennis Schmelz schon früh in seinem beruflichen Werdegang gehandhabt. Seine Leidenschaft, auf Zugreisen mit Interrail und Eurail den besonderen Moment einzufangen, hat er zum Beruf gemacht. Zunächst schnitt er aus dem Material kleine Videoclips und schickte sie ungefragt an die Reiseunternehmen. In der Hoffnung, dass diese Gefallen an den atmosphärischen Clips finden mögen. Das taten sie und so wurde er bald mit Reisevideos beauftragt. Bei einer privaten Film- und Fotoreise auf den Lofoten lernte der Filmemacher den mit Preisen hochdekorierten Fotografen Daniel Kordan kennen. „Ich habe seine Fotos und seine Website gecheckt und gesehen, dass er Workshops an fantastischen Orten anbietet“, erinnert sich Dennis Schmelz. Grönland sei ihm dabei sofort ins Auge gefallen und so buchte er kurzerhand den 10-Tages-Trip. Als einziger Filmemacher unter jeder Menge Fotografen, fuhren sie im Midsommer auf zwei Segelbooten durch die Eisfjorde. In einem Boot sitzend, haben sie das Gegenüberliegende in der beeindrucken Landschaft in Szene gesetzt. Im darauffolgenden Vierteljahr schnitt Dennis Schmelz das Video „The Beauty of Greenland“. Das Ziel war klar: die Schönheit Grönlands mit atemberaubenden Bildern in einem Kurzfilm wiedergeben und damit auf den Markt gehen. Der beste Marktplatz hierfür ist das Video-Portal Vimeo. Es ist quasi das Youtube für professionelle Filmemacher.

Mongolische Jurten (Foto: Dennis Schmelz)

Der Plan ging auf: Nach einem anstrengenden Drehtag auf Island checkte Dennis Schmelz auf der Heimfahrt ins Hotel übermüdet sein E-Mail-Fach und da ploppte die Nachricht auf. Sein Grönland-Video wurde mit dem Staff-Pick von Vimeo ausgezeichnet. Das ist eine begehrte Auszeichnung unter Filmemachern: Ein Kuratorenteam der Videoplattform sucht die beeindrucksten Meisterwerke auf ihrem Portal aus und präsentiert sie in dem eigenen Staff-Pick-Kanal. Hellwach vor Freude saß Dennis im Bus und hat “das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen“, lacht der Kameramann. Am nächsten Tag hatte er über 20 Interviewanfragen. Das war der Zeitpunkt, an dem er gemerkt hat, wie wichtig freie Arbeit sein kann. Im Gegensatz zu den üblichen Kundenarbeiten, die meist exklusiv und urheberrechtlich geschützt sind. Seitdem versucht er, sich für eins bis zwei freie Projekte jährlich Zeit zu nehmen.

 

Gib Gummi dank der Transsibirischen Eisenbahn

Erst einmal im Fluss, ergibt sich das Eine aus dem Anderen. Es fügt sich einfach zusammen. In dieser Zeit lernte Dennis Schmelz den Fotografen Christopher Schmid, eine echte Erfurter Puffbohne, kennen. Der haderte gerade mit seiner Festanstellung. Dennis hatte eine Auftragsproduktion an Land gezogen – einen zweiwöchigen Dreh auf der Transsibirischen Eisenbahn – und suchte hierfür noch einen Assistenten und zweiten Kameramann. Christopher nutze die Gunst der Stunde, kündigte seinen Job und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Dennis Schmelz kam dem Auftraggeber mit dem Honorar entgegen, dafür gab dieser die Exklusivrechte an den Aufnahmen ab und so konnte er aus dem zwanzigstündigen Rohmaterial in seiner freien Zeit ebenfalls ein Video ganz nach seinen Vorstellungen schneiden. „Nach einem Dreivierteljahr hatte ich einen Vierminüter erstellt. Das Coole daran ist, dass es nicht wie ein typisches Reiseveranstaltervideo wirkt, sondern als wären wir backpackermäßig unterwegs gewesen“, so Dennis Schmelz. Auf Vimeo, Youtube, Facebook und Instagram (alles in verschiedenen Formaten) hochgeladen, zweiten Staff Pick bekommen – und dann rief Atlanta an. Bei ihren Onlinerecherchen stieß die Werbeagentur Brighthouse auf das Transsib-Video. Genau diesen Stil wünschten sie sich für ihren Kunden aus der Färbemittelindustrie. Der weltweit agierende Produzent für Carbongranulat färbt von Schuhsohlen bis zu Autoreifen und -armaturen alles schwarz ein. Die beiden Erfurter dachten zunächst an einen simplen Industriefilm, aber es kam anders: „Brighthouse sagte, dass sie uns wollten, das gesamte Team vom Transsib-Video. In zwei Wochen ginge es los, nach Shanghai, Mumbai und Mailand. Wir erwiderten, dass wir nur zu zweit seien. Also haben sie aufgestockt. Teilweise waren achtzehn Leute am Set. Eine Riesenproduktion und nur aufgrund der bisher veröffentlichten Referenzen. So geht Onlinemarketing.“

Sibierischer Einheimischer (Foto: Dennis Schmelz)

Homebase Erfurt

Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter in Bild und Ton in Hessen, war der Plan von Dennis Schmelz eigentlich gewesen, in eine Metropole wie Berlin, Hamburg oder Köln zu ziehen und seiner jungen Karriere einen Schub zu geben. Stattdessen lagerte er seine Möbel und Technik bei seinem Vater in Erfurt ein. Was zunächst nur als eine pragmatische Lösung angedacht war, entpuppte sich als die wegweisende und richtige Entscheidung. Alles, was er in den ersten beiden Jahren bei seinen Reisen in Europa gedreht hat, wurde zu Hause in Erfurt geschnitten. Er wurde in der Thüringer Landeshauptstadt sesshaft, knüpfte Kontakte und Freundschaften. Neben eigenen Kunden, arbeitet er auch im Auftrag einiger Agenturen. Zu denen zählen u. a. die Medienagenturen Gecko.1, Whitedesk und Forward Marketing. „Das sind einfach supergeile Kooperationen. Du merkst halt, dass es nicht so ein Haifischbecken ist. Es ist eher ein Miteinander. Mit einigen Filmemachern treffen wir uns auch alle paar Monate zum Kamera-Stammtisch und tauschen uns aus. Das ist hier einfach ein sehr schönes familiäres Verhältnis. Wir nehmen uns nicht die Aufträge weg, sondern schieben sie eher hin und her. Wenn ich ausgelastet bin oder Verstärkung brauche, weiß ich ganz genau wen ich anrufen kann. Das sind ideale Bedingungen für Kooperationen“, so Dennis Schmelz. Neulich haben sie für einen Fahrradproduzenten auf Madeira gedreht. Abflug war direkt von Erfurt aus. „Dann fliegst du über dein Haus und der Vater mäht den Rasen und winkt zu dir nach oben. Das hat schon was. Erfurt ist einfach ein super Standort.“

 

Zwei Zugvögel im Erfurter Zughafen

Mit der Transsibirischen Eisenbahn steht im kommenden Jahr eine Winterreise an, danach geht es auf der Seidenstraße weiter durch Zentralasien. Weltweit immer auf Achse, haben Dennis Schmelz und Christopher Schmid ihr Domizil inzwischen in unmittelbarer Nähe des Erfurter Hauptbahnhofes, dem Verkehrsknotenpunkt Mitteldeutschlands bezogen. Der Zughafen, einst als Künstlernetzwerk von Andie Welskop und Clueso initiirt, ist mittlerweile eine feste Größe in der Erfurter Kreativ- und Eventszene. „Der Ort hier ist schon cool. Wenn man mal länger arbeitet, geht man spontan für ein paar Drinks rüber ins Kalif Storch oder trinkt sein Feierabendbier an der “Kleinen Rampe”. Für Shootings können wir bei Bedarf das Fotostudio von Volker Hielscher eine Etage über uns nutzen“, schwärmt Dennis Schmelz von der Location. Zum perfekten Glück fehlt nur noch ein Motion Designer sowie ein weiterer Cutter. Erste Überlegungen über die Gründung einer eigenen Filmproduktionsfirma laufen bereits. Dann würde man sich die fehlenden Fachkräfte direkt ins eigene Boot holen. Aber noch genießen Dennis Schmelz und Christopher Schmid die Vorzüge ihrer jeweiligen Selbstständigkeit, keine Verantwortung für Personal übernehmen zu müssen und den damit einhergehenden Verpflichtungen im Tagesgeschäft.

 

Ein Mann im Boot – Clueso

Jetzt ging ein weiterer Traum in Erfüllung. Vor einem halben Jahr kam Clueso vorbei. Sein aktuelles Album „Handgepäck“ handelt vom Reisen. Da lag es nahe, die beiden Filmemacher für ein Video anzusprechen. Im Oktober war es soweit. Mit kleinem Kamera-Equipment fuhren sie gemeinsam nach Südtirol und drehten zu dritt auf einem Bergsee – nur Clueso, Christopher und Dennis. Das Ergebnis gibt es am 9. November zu bewundern. Einige Making Of Fotos gibt es bereits auf den Instagram-Accounts von Clueso und Dennis Schmelz zu sehen.

Text: Michael Krömer

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