Kreative Köpfe

6 FRAGEN AN TOM URBAN VON ROTZFRECH CINEMA

Seit er 20 ist, treibt sich der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Tom Urban im HipHop-Kosmos in Jena herum. Graffiti, Breaken, Konzerte und Events für die subkulturelle Szene begleiten den umtriebigen Jenenser seither. Die Lust auf Kultur und Film veranlasste Tom Urban dazu, im Café Wagner in Jena ein regelmäßiges Kinoprogramm zu organisieren. Filme über Urban Art, Kunst und Musik begeisterten später auch die Community in Erfurt. Im Retronom zeigte er zusammen mit seinen Kompagnons ausgewählte Filme, ging mit manchen davon auf Deutschland-Tour. 2021 bewarb sich der kreative Kopf für die Thüringer Gründungsprämie. Das Ziel: Den einzigen Thüringer Filmverleih ins Leben rufen. Gesagt, getan, bekommen: Unter dem Namen „Rotzfrech Cinema“ und mit finanzieller Unterstützung der Gründungsprämie wurde 2022 in der Magdeburger Allee in Erfurt die Homebase des Unternehmens und im Zuge dessen ein Raum für Filmvorführungen, Austausch, Netzwerken und Buchverleih eröffnet. Wir wollten mehr darüber erfahren und haben uns mit Gründer und Ideengeber Tom zum Interview getroffen.

 

 

1. Tom, was ist die Idee hinter Rotzfrech Cinema?

Rotzfrech Cinema macht Nischenkino beziehungsweise bringt Filme aus dem weiteren Feld der Jugend(-Sub-)Kulturen auf die Leinwand und zum Publikum. Begonnen haben wir als ehrenamtliches Projekt mit viel Herzblut und Leidenschaft. Letzteres ist geblieben, mit dem Unterschied, dass wir nun dank der Thüringer Gründungsprämie einen „richtigen“ Filmverleih aufbauen können. Aktuell sind wir der einzige Filmverleih in ganz Thüringen, was ein wenig schade ist. Aber ja, der Kino-Markt ist auch nicht ohne, vor allem nicht mit Blick auf Corona und Co.

Ein Filmverleih ist das Bindeglied zwischen Kinos und Filmstätten sowie Filmschaffenden. Wir arbeiten zwar viel mit internationalen Filmschaffenden zusammen, möchten aber auch Thüringer Filmproduzierenden die Möglichkeit bieten, ihre Filme über uns sichtbar zu machen und eine Plattform zum lokalen, nationalen und internationalen Austausch bieten. So könnte ein Netzwerk von Thüringen ausgehend hinaus in die Welt entstehen. Gleichzeitig ist geplant die lokale Vernetzung weiter voranzutreiben und unsere Filme vor allem in kleinen Kinos in den entlegensten Winkeln des Freistaates zu zeigen. Um die Community zu stärken, war die Idee zu einer physischen Base naheliegend. Daher auch der Raum in der Magdeburger Allee in Erfurt.

 

 

2. Was ist die Idee hinter dem Ladengeschäft?

Zunächst war ich bei der Konzeption der Business-Idee zu Rotzfrech Cinema auf der Suche nach einem Büro für die täglich anfallenden Aufgaben und Telefonate. Doch irgendwie fühlte sich die Vorstellung in einem grauen Bürokomplex zu versauern nicht richtig an. Wir sind als Filmverleih, im Vergleich zu anderen in der Branche, sehr gut sichtbar; uns soll und kann man sehen, und ja, auch besuchen. Darum kam die Idee, einen klassischen Laden zu eröffnen, unseren „Schambrowski“. Zusammen mit einem engen Freund und Handwerker und durch viele Gespräche mit unseren Freundinnen und Freunden entwickelten wir ein Raumkonzept, das nun neben unserem Workspace auch Platz für ein kleines Kino mit 10 bis 12 Plätzen, eine kleine subkulturelle Stadtteilbibliothek mit Büchern über Filme, Musik, Kultur und Kunst bietet sowie für viele weitere Ideen. Die ersten kleinen Veranstaltungen sind bereits geplant.

 

 

3. Wie bist du auf den Raum aufmerksam geworden?

Auf den 50 Quadratmeter großen Laden bin über den Quartiersmanager der Magdeburger Allee Oliver Gerbing aufmerksam geworden, der die Idee gleich gut fand und auch den Vermieter schnell überzeugen konnte. In der Erfurter Magdeburger Allee gibt es viel Leerstand, aber auch genauso viel Potenzial für neue Ideen und kreative Konzepte. Seit Dezember 2021 haben wir gebaut, renoviert und eingerichtet. Vom Prinzip her sind wir mit allem fertig, weswegen es langsam Zeit wird, eine kleine Eröffnung zu planen, wo wir zu Kuchen und Kaffee einladen möchten. Davon unberührt, kommen auch jetzt schon Leute zu uns. Darum an dieser Stelle: Schaut gern rein. Wir sind fast immer hier.

 

 

4. Wie hat sich dein Werdegang bis zu Rotzfrech Cinema gestaltet?

Ich bin 1982 in Jena geboren. Nach einer doch eher holprigen Schulzeit und den damit verbundenen Herausforderungen bin ich schließlich beim Fachabitur gelandet und entschied mich danach für ein Studium der Soziologie und der Erziehungswissenschaften an der Universität in Jena. Seit dieser Zeit habe ich mich dem HipHop-Kosmos tief verbunden gefühlt. Die Musik, Graffiti, die Community und das Lebensgefühl haben mich sehr inspiriert. Ich habe über die HipHop-Szene in Jena Freunde gefunden, die mir bis heute erhalten geblieben sind, wie Sebastian Lind, der als Designer und Grafiker für Rotzfrech Cinema maßgeblich zum Herzschlag aller Projekte beiträgt. Zusammen mit unserem Freund und Kollege Sven Kubeleit fühlen wir uns für Rotzfrech Cinema verantwortlich.

In eher nischigen Themen habe ich mich immer schon wohl gefühlt und begann während meiner Studienzeit Independent-Filme über HipHop und Street-Kultur zu schauen, die ich mit meinen Leuten teilte. Schließlich entstanden daraus Filmabende im Café Wagner. Seither liebe ich es, Menschen etwas mitzugeben. Das Medium Film eignet sich hierbei wirklich gut. Mein persönlicher „Point of Change“, an dem zum ersten Mal der Gedanke an einen eigenen Filmverleih aufkam, war 2018. Ich hatte den finnischen Dokumentarfilm Pixadores für mich entdeckt und wollte diesen im Retronom in Erfurt und im Café Wagner in Jena zeigen. Doch es war nicht leicht, den Film zu bekommen, da er in Finnland in einem Filmarchiv lag. Ich ging vielen Leuten so lange auf den Keks, insgesamt drei Jahre, bis ich ihn endlich bekam und in Erfurt und Jena zeigen konnte. Der Film hat mich so sehr beeindruckt, dass ich dachte, er kann nicht wieder zurück in sein Archiv ohne noch mehr Publikum gesehen zu haben. Ich beschloss also kurzerhand mit dem Film auf Deutschlandtour zu gehen. Zehn Kinos und Orte konnten wir damals einsammeln, in Leipzig, Berlin, Hamburg und Co. Sebastian gestaltete ein schickes Poster und dann ging es auch schon los. Anfangs dachte ich noch: Mist, wie sollen wir jetzt die Kosten von ein paar Tausend Euro für die Filmleihe wieder reinbekommen? Alle Veranstaltungen funktionierten über eine Spende am Eingang. Aber schon die ersten Vorführungen waren restlos ausverkauft! Die Leute fuhren zum Teil hunderte von Kilometern weit, um diesen Film zu sehen. Nach vier Vorstellungen hatten wir das Geld bereits wieder reingeholt. Ich war völlig baff und wusste: Das ist das, was ich machen möchte. Seitdem haben wir sehr, sehr viel gearbeitet, weitere Filme gefunden und ins Kino gebracht. Und nun geht es weiter…

 

Aktuell zeigt Rotzfrech Cinema den Film „Nichtstadt“ von Pablo F. Mattarocci, u.a. in Erfurt, Weimar und Jena.

 

5. Warum startest du Rotzfrech Cinema in Thüringen?

Als gebürtiger Thüringer lebe ich gerne in meiner Heimat. Hier habe ich meine Familie, Freunde und Freundinnen und viele Menschen, die uns toll unterstützen. Zudem haben wir als einziger Filmverleih in Thüringen die Möglichkeit, die Branche voranzutreiben und eine Anlaufstelle zu sein. Es ist auch geplant, andere lokale Firmen an Rotzfrech Cinema anzubinden – zum Beispiel für das Pressen von DVDs unserer Filme, das Drucken der Booklets und Bücher oder Merchandise. Die Magdeburger Allee ist als Standort zudem sehr interessant: Hier herrscht ein Spannungsfeld aus Leerstand, alteingesessenen Läden, Ur-Erfurtern und Neuankömmlingen, verwinkelten Seitenstraßen und kreativen Ideen. Die Mieten sind nicht sehr hoch, sodass es für viele möglich ist, hier einen Raum für ihre Ideen zu finden. Auch der Quartiersmanager Oliver Gerbing glaubt an die Potenziale der Straße, die unter anderem zur Frau Korte, dem Kontor Erfurt und der Saline 34 führt. Es gibt hier also einige engagierte Leute und ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit bekomme, diesen Stadtteil durch Rotzfrech Cinema mitgestalten zu können. Weitere Vorteile von Thüringen sind auch die verschiedenen Fördermöglichkeiten, wie in unserem Fall die Thüringer Gründungsprämie.

 

Die Magdeburger Allee in Erfurt. Eine Straße mit viel kreativem Potenzial.

 

6. Hast du Träume und Visionen in Bezug auf Rotzfrech Cinema?

Ich mache mir jetzt keine konkreten Visionen und Pläne, denn da wo ich jetzt stehe, hätte ich mir nicht mal träumen lassen zu stehen – daher lasse ich erstmal alles auf mich zukommen. Meine Jungs und ich sichten bereits fleißig Filme und planen die ersten DVD-Projekte für unser Portfolio. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn es dann richtig losgeht, der Laden aufmachen kann und hier die ersten Events stattfinden können – aber ja, wenn wir es tatsächlich schaffen, ein europaweites Netzwerk aufzubauen, um unsere Filme auszuspielen, wäre ich sehr, sehr glücklich darüber. Aber am Ende bin ich über jeden Tag froh, das hier machen zu dürfen.

 

 

Kontakt

ROTZFRECH CINEMA
Magdeburger Allee 90
99086 Erfurt
www.rotzfrech-cinema.com
Instagram / Facebook / YouTube
@Schambrowski

 

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