Rückblicke

VERANSTALTUNGSRÜCKBLICK – #KREATIVGELÖST: IMPULSE AUS DER THÜRINGER KREATIVWIRTSCHAFT MUSEUM SPEZIAL

Freiraumgalerien und YouTube-Kanäle: Die Zukunft der Thüringer Museen neu gedacht

| ZOOM Webinar | vom 11.12.2020

 

Am 11. Dezember 2020 teilten Kreativschaffende und Museumsakteure ihre Visionen, Ideen und Impulse für zukunftsweisende Museen in Thüringen. Beinah hundert Interessierte aus dem musealen, aber auch kreativwirtschaftlichen Bereich nahmen an der digitalen Veranstaltung der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) in Kooperation mit der Thüringer Tourismus GmbH teil. 

Die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Thüringer Museumslandschaft sind vielfältig. Der technische und gesellschaftliche Wandel wirft Fragen auf, mit denen sich auch Museen und das nicht erst seit Corona beschäftigen. Dabei liegen im Wandel auch mögliche Antworten. Diesen begleiten seit jeher Kreativschaffende mit ihren Lösungen für Probleme und innovativen Ideen über alle Branchen hinweg. Auch für Museen haben Kreativschaffende Anregungen, Ideen und Visionen im Gepäck. Am 11. Dezember präsentierten sie gemeinsam mit musealen Vorreitern kreative und zukunftsweisende Impulse zu aktuell relevanten Fragestellungen. 

 

 

Einer der Impulsgeber seitens der Kreativwirtschaft war der Thüringer Illustrator Stefan Kowalczyk. Er plädierte in seinem Vortrag “Öffentlicher Raum als Museum” für mehr Kooperation zwischen musealen Einrichtungen, Kreativschaffenden und fachübergreifenden Netzwerken und gab einen Einblick in mögliche Felder und Formen von Intervention im öffentlichen Raum. Als Fassadengestalter setzte er dahingehend bereits Projekte um: Dazu gehört die Illustration der Fabel von der kleinen Meise von Iwan A. Krylow unter der Erfurter Puschkinbrücke, die er gemeinsam mit anderen Künstlern diesen Sommer umsetzte. Die Wandgestaltung zog nicht nur Schulklassen, sondern auch unzählige Passanten unter die Brücke. “Der öffentliche Raum birgt so viel Potenzial und freie Flächen, die man für die Vermittlung von kultureller Bildung und Inhalten nutzen kann”, so der Illustrator. “Die Illustration der Fabel unter der Puschkinbrücke ist ein gutes Beispiel, wie man zu alter Literatur einen neuen medialen Zugang bekommen kann. Nun lädt der Ort dazu ein, die Geschichte der 200 Jahre alten Fabel zu erfahren und darüber individuell zu reflektieren.” Freiraumgalerien an Häuserwänden gäben die Möglichkeit nicht nur urbane und ländliche Räume, sondern auch museale Inhalte neu zu denken und gedanklich sowie typografisch für die Betrachtenden zugänglicher zu machen.

 

 

Neben Stefan Kowalczyk, gaben die Ausstellungsdesignerinnen Anette Hentrich (Inhaberin von Studio AHA!) und Lydia Thieme (stahlrosa.de) sowie der Direktor für Kommunikation und Bildung Marco Karthe (Stiftung Schloss Friedenstein Gotha) und Marketingexpertin Nadine Reinhold (LIEBSCHER) den Teilnehmenden wertvolle Beiträge und Impulse für die Zukunft der Thüringer Museen mit. Den Abschluss der digitalen Veranstaltung bildete das Interview mit Museumsdirektor und Präsident des Museumsverbandes Thüringen Dr. Thomas T. Müller zum Thema „Der Husar auf der Kiesrutsche – Oder, wie die Mühlhäuser Museen Corona-Youtuber wurden“. Unter dem Hashtag #museumsagainstcorona begann er mit dem ersten Tag des Lockdowns gemeinsam mit seinem Sohn täglich Videoblogbeiträge für die Mühlhäuser Museen zu produzieren, die am Ende der ersten Schließzeit für die Museen allein bei YouTube bereits über 10.000 Mal aufgerufen worden waren. “Wir standen beim ersten Lockdown vor einem Problem, das wir und natürlich auch alle anderen Museen in Thüringen plötzlich hatten: Wir konnten durch die Schließung unsere Besucher nicht mehr erreichen”, so Müller. “Dann kam mein Sohn auf die Idee: Lass’ uns doch Videos im Museum drehen!” Im Interview erklärte Müller, wie man mit einfacher Technik und Schnittprogrammen Videos mit hoher Wirksamkeit drehen könne. Der thematische Schwerpunkt liegt auf interessanten Werken aus den Mühlhäuser Museen, die in kurzen und prägnanten Videos von Müller mit fachmännischen Interpretationen und greifbaren Geschichten angereichert werden. Mittlerweile sind fast fünfzig Videos auf dem YouTube Channel “Mühlhäuser Museen” verfügbar. Vater und Sohn erhielten für ihre Arbeit eine Anerkennung beim Thüringer Tourismuspreis 2020.

Dr. Thomas T. Müller, aber auch die restlichen Impulsgeber und Impulsgeberinnen der Veranstaltung präsentierten sich als Vorreiter mit Zukunfts- und Gegenwartsvisionen. Sie beantworteten gekonnt die Fragen, wie neue Zielgruppen erreicht werden können, trotz geringer Ressourcen effektiv kommuniziert werden kann und welchen Beitrag die Digitalisierung während und vor allem auch nach der Corona-Krise leisten kann, um Thüringer Museen und ihre Inhalte zukunftssicher zu machen.

 

AGENDA

09.50 – 10.00 Uhr
Virtuelles Doors Open

 

10.00 – 10.05 Uhr
Welcome

 

10.05 – 10.25 Uhr
Museale Räume im Wandel –  Impulse für Museen als zukunftsgewandte Wissensräume

Die Ausstellungsdesignerinnen Anette Hentrich und Lydia Thieme beschäftigen sich mit der Zukunft von Museen und haben dabei Ideen und Gedanken zu folgenden Fragen im Gepäck: Wie können alle Spaß am Museum haben? Kann das Museum auf Exkursion gehen? Sollte die Grenze zwischen Inhalt und Gestaltung fließender sein? Holen wir Besucher und Besucherinnen am besten über ihre Lebenswelt ins Thema? Können Objekte mehr als nur Objekt sein? Kann eine Geschichte von mehreren Museen erzählt werden? Können sich museale Ausstellungen aus partizipativen Prozessen generieren?

 

10.25 – 10.45 Uhr
Öffentlicher Raum als Museum: Wo bewegen wir uns? Was bewegt uns? Was können wir bewegen?

Viele der gegenwärtigen Herausforderungen für Museen, etwa das Erreichen aller Bevölkerungsschichten oder die Wahrnehmbarkeit von Museen im öffentlichen Raum erfordern neue, individuelle und kreative Lösungen. Hier bietet sich die Zusammenarbeit zwischen musealen Einrichtungen, Kreativschaffenden und fachübergreifenden Netzwerken an.

Illustrator Stefan Kowalczyk öffnet neue Perspektiven und gibt anhand eigener Projekt-Beispiele einen kurzen Einblick in mögliche Felder und Formen von Intervention im öffentlichen Raum. Er zeigt Potenziale für Kollaborationen mit dem Ziel, kulturelle Bildung gemeinsam zu denken und Vermittlung museumsrelvanter Inhalte außerhalb des Museums zu vereinfachen. Die dabei gegebenen Denkanstöße sind Aufruf und Einladung zugleich, sich gemeinsam gesellschaftsrelevanten Themen zu widmen, öffentliche Räume nachhaltiger zu nutzen und diese gemeinsam zu gestalten.

 

10.45 – 11.05 Uhr
Gotha transdigital 2027 – Die digitale Transformation des Barocken Universums Gotha

Das Prestige der friedensteinischen Sammlungen lässt sich aus der Geschichte des Schlosses ableiten: Zwischen 1643 und 1654 als Herzogssitz errichtet, war ein zentrales Element die Kunst- und Wunderkammer, in der nach barocker Auffassung alles gesammelt wurde, was über die Welt informierte und zum Wissen gehörte. Heute harren über eine Million Objekte weitestgehend ihrer digitalen Inwertsetzung für Forschung und Öffentlichkeit. Daraus ergibt sich die Mission einer digitalen Transformation der Stiftung, die im Zeitraum von bis zu sieben Jahren entwickelt und mit Modellcharakter für den intermediären Kultursektor realisiert werden soll. Dabei finden mehrere Schritte einer digitalen Wertschöpfungskette Beachtung: von smarter Depotnutzung über Forschungsprozesse und Ausstellungsrealisierung, Social-Media-Aktivitäten und museumspädagogischen Wissenstransfer bis hin zu Möglichkeiten der aktiven Teilhabe und Mitgestaltung durch eine breite Öffentlichkeit. Die tägliche Verwaltung, Prozesssteuerung und das Projektmanagement werden ebenso berücksichtigt wie die Nachhaltigkeit der Datenformate und Langzeitverfügbarmachung von Präsentationsformen vor dem Hintergrund eines sich dynamisch weiterentwickelnden „Technozäns“.

Insgesamt unterstützt der Bund das bis 2027 angesetzte Vorhaben mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Es gehört zu den größten Digitalisierungsprojekten in der deutschen Museumslandschaft. Referatsleiter Marco Karthe stellt das Projekt vor.

 

11.05 – 11.25 Uhr
Nachts im Museum? – Mit Marketingideen Erlebnisse schaffen, die Verweildauer erhöhen und Menschen anziehen.

Wir befinden uns mitten in einem strukturellen Wandel und müssen an vielen Stellen und unterschiedlichen Branchen neu denken. Wir müssen die Digitalisierung leben und Corona beachten. Kein leichter Weg! In dieser kurzen Keynote geht es Marketingexpertin Nadine Reinhold darum, Impulse zu geben, aus anderen Branchen zu berichten und zu lernen, was man einfach und im ersten Schritt machen kann, um die Menschen ins Museum zu locken und wie das mit Social Media gekoppelt werden kann.

 

11.25 – 11.35 Uhr
Der Husar auf der Kiesrutsche – Oder, wie die Mühlhäuser Museen Corona-Youtuber wurden. Ein Interview mit Dr. Thomas T. Müller.

Unter dem Hashtag #museumsagainstcorona begannen die Mühlhäuser Museen mit dem ersten Tag des Lockdowns mit einem täglichen Videoblog, der am Ende der ersten Schließzeit für die Museen allein bei Youtube bereits über 10.000 Mal aufgerufen worden war. Zeitgleich wurden die Videos (Beispiel 1 / Beispiel 2), die der Direktor der Museenzusammen mit seinem Sohn lediglich mit Hilfe eines Smartphones und einer handelsüblichen Software produzierte, auch bei Facebook, Twitter und der eigenen Museumshomepage verbreitet. Die Zuschauerresonanz war überwältigend und letztlich erhielten Vater und Sohn gemeinsam sogar eine Anerkennung beim Thüringer Tourismuspreis 2020. Wie der Weg zum Social Media Star mit einfachen Mitteln gelingt und was es dabei zu beachten gibt, erzählt Dr. Thomas T. Müller in diesem Interview.

 

IMPULSGEBER

Anette Hentrich ist kreativer Kopf und Inhaberin von Studio AHA!. Stilprägend für ihre Arbeiten ist die Verknüpfung von zwei- und dreidimensionalem Denken. Ihr Faible für interdisziplinäre Konzepte spiegelt sich bereits in ihrem Bildungsweg: Dem abgeschlossenen Architekturstudium stellte Anette Hentrich einen Master of Arts in Exhibition Design zur Seite. Vor der Gründung von Studio AHA! war sie viele Jahre als Art-Direktorin, raumbezogene Gestalterin, Grafikerin und Szenografin tätig – u. a. für öffentliche Auftraggeber, Museen, Kulturinstitutionen und Designstudios in Berlin und Weimar. anettehentrich.de

 

Lydia Thieme widmet sich mit stahlrosa bevorzugt der kreativen Vermittlung im Raum, über gesellschaftliche Aufarbeitung, Partizipation und die Auseinandersetzung mit aktuell relevanten Themen. Nach Abschluss ihres Architekturstudiums arbeitete sie zwei Jahre als Ausstellungsgestalterin mit dem Schwerpunkt der musealen Szenografie. Hier sah sie ein ebenfalls starkes Interesse an der Auseinandersetzung mit Inhalten erfüllt, das zu ihrer anschließenden Mitarbeit an der Zwischenpräsentation der IBA Thüringen führte. Als kuratorische Assistenz lag ihr Schwerpunkt hier eher auf der Begleitung der inhaltlichen Konzeption. Sie begreift ihre Arbeit als Symbiose aus Kreation und Wissen. stahlrosa.de

 

Stefan Kowalczyk ist freiberuflich als Illustrator, Live Zeichner und Konzepter tätig, vorwiegend für Startups und Akteure im Bereich der Soziokultur. Aus den Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit anderen Kreativschaffenden weiß er um die Wichtigkeit funktionierender Netzwerke und deren Vitalität als Grundlage für eine nachhaltige Wirksamkeit. Man begegnet Stefan auch als Initiator der Erfurter Zeichenrunden, als Mitorganisator vom zweijährig stattfindenden GRAPHIT FESTIVAL und als Mitglied der Künstlergruppe TEAM MEMBERS. greatmade.de

 

Marco Karthe studierte Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte und Kommunikations-/Medienwissenschaft in Leipzig. Seit 2008 ist er in der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha tätig und leitet heute das Referat Kommunikation und Bildung. stiftungfriedenstein.de

 

 

Nadine Reinhold ist die Frontfrau von LIEBSCHER (einer Marketing-Agentur in 3. Generation), Expertin für Marketing, Brandbuilding und digitale Strategien. Für Unternehmen entwickelt sie einzelne Bausteine für Marketing, Vertrieb und Personalwesen und betreut vor allem B2B-Kunden aus dem Mittelstand wie den Hidden Champion SEALABLE Solutions aber auch Konzerne wie Commvault. liebscher1955.de

 

Dr. Thomas T. Müller, Jg. 1974, studierte in Göttingen, Erfurt und Potsdam Mittlere und Neuere Geschichte, Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Archivwissenschaften. Nachdem er bereits Erfahrungen als Journalist, Barkeeper und Fotograf gesammelt hatte, übernahm er 1999 die Leitung des Stadtarchivs Heilbad Heiligenstadt. 2006 wechselte er als Direktor an die Mühlhäuser Museen. Seit 2019 ist er zudem Präsident des Museumsverbandes Thüringen. Müller ist Autor bzw. Herausgeber von mehr als zwei Dutzend Büchern und fast 100 Aufsätzen zur Reformationsgeschichte, zur Wallfahrtsgeschichte, zum Bauernkrieg sowie zur Thüringer und Eichsfelder Landesgeschichte. Gastvorträge führten ihn unter anderem nach Großbritannien, Korea, Italien, Belgien, Luxemburg, Österreich, Russland, Rumänien, Ungarn, Tschechien und Polen. molitura.de

 

Klingt spannend? Hier geht’s zu den aktuellen Terminen und Anmeldemöglichkeiten der THAK-Events.

 

Titelbild: Christian Fregnan

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