Kreative Köpfe

STECKBRIEF: BATIX SOFTWARE GMBH

Künstliche Intelligenz aus Saalfeld für den Mittelstand von morgen

Jörg Flügge: Geschäftsführer Batix Software GmbH

Branche: Softwareproduzent

 

Denken Sie noch selber oder überlassen Sie das anderen – vielleicht sogar einer Maschine? Es könnte eine provokante Frage sein, wenn man nur in der Kategorie Entweder / Oder denkt. Für Jörg Flügge stellt sich diese Frage nicht. Dem Experten für KI-Anwendungen im Mittelstand ist klar: Die Zukunft liegt im Zusammendenken. Man darf keine Scheu vor dem Unbekannten haben. Lieber loslegen und schauen, was man gemeinsam bewegen kann. Der Geschäftsführer der Batix Software GmbH entwickelt und vertreibt mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit 25 Jahren Softwarelösungen für Industrie-Umgebungen sowie komplexe und digitale Verwaltungsprozesse. „Mir ist wichtig mit viel Herzblut bei der Sache zu sein; dass man sich aufeinander verlassen kann und gegenseitige Aussagen belastbar sind. Das macht mehr Spaß bei der Arbeit und zahlt sich auf Dauer aus. Mein Antrieb war schon immer: Themen und Ideen gemeinsam fördern und gestalten und nicht einfach nach Schema F abarbeiten“, lautet seine Devise.

 

 

Lebenswerter durch KI

Künstliche Intelligenz ist natürlich gerade ein mega Buzzword und jeder zieht das durch den Marketingkakao“, so Flügge. Aber wo endet Marketing und wo beginnt die Realität?

An dieser Schnittstelle ist unabhängige Kompetenz gefragt. „Wir haben vor ein paar Jahren beschlossen, den Consultingbereich auszulagern.“ Die lösungsorientierte Produktberatung ist weit gefächert und vereinfacht den Entscheidungsprozess bei den Unternehmen. Wie können sie die neuen Technologien für sich sinnvoll und zukunftssicher einsetzen? Hierbei stehen praxisnahe und alltagstaugliche Lösungen im Vordergrund.

Das Herzstück des Saalfelders Softwareunternehmens ist das “Batix Application Framework”. Die Anwendungsplattform mit individuell gefertigten Modulen dient als Basis für hochspezialisierte IoT- und Industrie 4.0-Lösungen. Nutzer können Informationen aus verschiedenen Quellen abrufen, zusammenführen und für Anwender individuell ausgeben. Aus nahezu allen denkbaren Anwendungsgebieten werden komplexe Aufgabenstellungen vereinfacht abgebildet.

 

Das System kann bei Bedarf mit zusätzlichen und aktuellsten Technologien erweitert werden. Hierzu zählen insbesondere serviceorientierte KI-Anwendungen, zum Beispiel von Amazon und Google. Zur Optimierung von Prozessen, Vorhersagen und Arbeitsabläufen muss diese KI-Anwendung zunächst angelernt werden, was einen Unterschied zur herkömmlichen Software darstellt. „Das Modell überhaupt so fit zu machen, sodass es über das Niveau eines Kleinkindes ein Stück weit hinaus kommt, ist ein langer Weg. Das Ziel des Anlernens und Trainierens von intelligenten Systemen heißt auch in praktischen Kontexten unter völlig veränderten Bedingungen wirklich etwas zu erkennen und ein Ergebnis zu liefern“, erklärt Flügge. Dabei spielen Datenquellen, -qualität und -quantität eine wesentliche Rolle. Dieser intensive Arbeitsprozess im Vorfeld ist nicht zu unterschätzen.

 

Mit KI kann ich als Entwickler eine Leistungsfähigkeit realisieren, die mit der klassischen Softwareentwicklung so nicht machbar wäre. Statt klassischer Software-Entwicklung geht es dann eher um das Konzipieren und Orchestrieren. Das heißt ich bin in der Lage zu erkennen, was den Kunden umtreibt und entwickle auf kreative Art und Weise neue und passgenaue Lösungen mit den mir zur Verfügung stehenden Tools und Daten. Das ist etwas anderes, als bloß ein altes Produkt umzulackieren. Bei der Softwareentwicklung der Zukunft wird der Kreativanteil viel stärker ausgeprägt sein”, ist sich Flügge sicher.

 

 

Smart Factory für den Mittelstand

In Zeiten von Industrie 4.0 wird die Welt für Unternehmen zunehmend komplexer. Die Anforderungen wachsen mit der Kundenzahl. Gleichzeitig geht der Trend hin zur Individualisierung von Produkten und zu immer kleineren Losgrößen in der Produktion. Die Folge ist, dass bei ständig neuen Priorisierungen permanent passende Entscheidungen getroffen werden müssen. Für dieses Szenario entwickelt die Batix Software GmbH ihre Smart Factory Lösung, die es ermöglicht alle Maschinen-, Bewegungs- und Ressourcendaten nicht nur zusammenzuführen sondern intelligent auszugeben. Diese Daten werden proaktiv zu möglichst präzisen Vorschlägen verdichtet, hierbei unterstützt künstliche Intelligenz. Bei Unternehmen und Mitarbeitern sowie Gewerkschaften und Industrieverbänden wird derzeit insbesondere eine Pilotanwendung auf Basis dieser Software kontrovers diskutiert. Warum? Diese Lösung wandelt bezahlte Arbeitszeit in bezahlte Freitzeit um, ohne eine noch höhere Arbeitsverdichtung anzustreben. „Wenn ich Menschen von der Arbeit freistelle entstehen scheinbar wirtschaftliche Risiken für ein Unternehmen,“ so Jörg Flügge, „wir identifizieren jedoch die unproduktiven Lücken in der Arbeitszeit, verdichten und optimieren Prozesse innerhalb der Produktionskette so, dass diese Leerzeiten nun privat nutzbar werden. Statt unproduktiver Zeit an der Maschine kann der Einkauf erledigt oder die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt werden. Das ist auch ein riesiger Faktor im Personalmarketing. Künstliche Intelligenz kann deutlich mehr als nur den günstigsten Zeitpunkt für eine Maschinenwartung vorherzusagen.“

Dieser radikale Ansatz sorgt für bundesweite Beachtung und Diskussionen, zum Beispiel auf dem Digitalgipfel der Bundesregierung in Nürnberg und der letzten Applied AI Konferenz in München.

„Empfohlen hat uns das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt aus Braunschweig. Mit dem DLR planen wir den Einstieg in ein Projekt zum Thema Satelliten Payload. Es war eine besondere Form der Anerkennung, als kleines Softwareunternehmen aus Thüringen zwischen den Big Playern der Branche die Diskussion mit eigenen Ideen zu bereichern.“

 

 

Neues zusammen Denken

Das Besondere bei Batix ist der Umgang miteinander, der von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist: Im Team entwickeln die Mitarbeiter auf Augenhöhe an neuen Ideen. Das beflügelt und motiviert die Menschen und spiegelt sich auch in den dabei entstehenden Softwarelösungen wider. „Ein Großteil unserer Kunden hat geschäftskritische Fachanwendungen. Das sind keine Sidekicks, sondern ganz elementare Dinge, die über Geschäftserfolg oder Misserfolg mitbestimmen. Wir sind keine konventionellen Softwarearchitektur-Strategen. Das finden die Kunden an uns auch so spannend. Wir agieren wirtschaftlich-unternehmerisch auf Sicht und haben gleichzeitig immer einen Fokus auf die Belange unserer Kunden. Wir sitzen quasi im Beifahrersitz und blicken mit ihnen durch die Frontscheibe – sehen dasselbe Bild und denken gemeinsam. So entstehen unkonventionelle Lösungen, die mit klassischer Software nicht möglich wären. Das schätzen die Menschen, die hier arbeiten. Unsere Kunden mögen diese Art ebenfalls“, so der Geschäftsführer.

Ich gehe hier meist um 17.00 Uhr rum und sage, Leute, auf geht’s, zu Hause ist es auch schön. Ich bin einfach kein Freund von Überstunden. Das ist ein Missmanagement, dass die Leute bloß verschleißt. Da ist es auch nur konsequent, wenn wir unsere Kunden mit Hilfe von KI in die Lage versetzen, ihre Mitarbeiter bezahlt von der Arbeitszeit freizustellen“, erklärt Jörg Flügge.

 

 

Ein Shift durch neue Technologien

Für das Thüringer Softwareunternehmen ist es aufgrund der Lösungsvielfalt nur folgerichtig, branchenübergreifend zu agieren. „Wir haben keinen Branchenfokus. Seit knapp 20 Jahren arbeiten wir für Kunden aus unterschiedlichen Bereichen, wie die Otto Group in Hamburg, die TEAG, Ärztekammern und den industriellen Mittelstand. Wir pflegen zudem eine strategische Partnerschaft mit einem Unternehmen in der Schweiz und haben 2019 in Zürich schließlich ein eigenes Unternehmen – die Batix Schweiz AG – gegründet. Grundsätzlich stammen unsere Kunden aber vornehmlich aus Thüringen“.

Die derzeit verfügbaren Technologien können – in anderen Kontexten angewendet – etwas völlig Neues entfachen. Es muss nicht immer alles von Grund auf neu entwickelt werden. Vielmehr gilt es, neue Einsatzgebiete zu erkennen und diese voranzutreiben. Man schafft so komplett neue Möglichkeiten und Anwendungsräume. So könnte beispielsweise ein Nutzer von Augmented Reality-Anwendungen, seinen Kundenkreis von Bauunternehmern auch auf Versicherungsunternehmen erweitern. Wie geht das? Augmented Reality dient der Risikominimierung im Baugewerbe. Auf Basis aktueller Daten, lassen sich so die Umgebungsinformationen einer Baustelle verbessern, in dem zum Beispiel im Boden liegende Leitungen sichtbar gemacht werden. In der Folge können große Schäden durch den Maschineneinsatz vermieden werden. Dieses Thema ist für den Bauunternehmer interessant, aber noch weit mehr für seinen Versicherer. „Das ist unfassbar, was der an Geld sparen kann, wenn er das Risiko minimiert. Klar ist das für den Bau zunächst etwas schwierig, aber solch einen Shift bekomme ich nur mit einer neuen Technologie“, so Flügge. Deswegen dürfe man sich mit dem Bestehenden auch nicht begnügen.

 

 

Breitband für jede Milchkanne

Beim Thema Breitbandausbau in der Region wird Flügge leidenschaftlich. Es sei jetzt dringend erforderlich, mit Perspektive zu agieren und die Weichen zu stellen, um nicht selber auf das Abstellgleis geschoben zu werden. „Bei unserer Landesregierung wird gerne die berühmte Milchkanne beim Thema 5G zitiert und dass ja wohl nicht jede Kanne Breitband haben müsse. Das glaube ich wiederum nicht. Es werden ganz viele Lösungen in den nächsten Jahren auf uns zukommen, bei denen kreative Performance und eine enorme Datenbasis  eine entscheidende Rolle spielen werden. Zwar fehlt auch mir die konkrete Vorstellung, was auf uns zukommen wird. Aber man muss sich ja nur daran erinnern, was „Software“ vor 30 Jahren war. Das war etwas, das in einem lauten Lüfter betriebenen Kasten vor sich hin rumpelte. Das hat ja mit der Realität nichts mehr zu tun. Schon heute haben wir bei Projekten ausgewachsene Probleme, aufgrund mangelhafter Breitbandanbindung und folgend schlechter Performance. Das kann sehr schnell zu einem Wettbewerbsnachteil für unsere Kunden – und für uns – werden“, mahnt Flügge.

 

 

Agile Netzwerke basieren auf Vertrauen

Kassandrarufe über Fehlentwicklungen sind nicht Flügges Welt. Pragmatisch und aufgeschlossen geht er die Dinge an. Neben seiner Position als Geschäftsführer ist er auch im Vorstand des IT-Net Thüringen. „An dieser Verbandsarbeit liegt mir viel. Thüringen stehen große Herausforderungen bevor. Besonders für kleinere Unternehmen in zersplitterten und inhomogenen Strukturen. Das sieht aber alles nur auf dem ersten Blick nach wenig Leistungsfähigkeit aus. Wir müssen uns einfach auf eine moderne und agile Weise verbinden. Beim IT-Net kann man sich projektgetrieben zusammenfinden, zweckbezogene Gemeinschaften finden und sich später wieder auflösen. „In Thüringen gibt es statistisch gesehen die höchsten Gartenzäune. Da müssen wir ran, wir müssen uns vertrauen, das ist essentiell. Dieses meins und deins, das behindert uns nur, das müssen wir hinter uns lassen. Erst dann kann Thüringens IT seine volle Wettbewerbsfähigkeit ausspielen und wird bundesweit wahrgenommen .”

 

Text: Michael Krömer

Top