Kreative Köpfe

Steckbrief: Greatmade – Illustration, Schriftgestaltung und Design

Künstlerkollektiv aus Erfurt

Stefan Kowalczyk, Illustrator B.F.A.
Michael Schinköthe, Dipl. Designer

Mit Schrift Zeichen setzen und durch klare Linie etwas auf den Punkt bringen: wenn so Information und Gestaltung zur erlebbaren Geschichte verschmelzen, die sich beim Betrachter weiterentwickelt, dann hat die Erfurter Bürogemeinschaft Greatmade ihr Ziel erreicht. Ihre eingesetzten Werkzeuge sind dabei vielfältig, von analog bis digital. Auch die gestalteten Flächen sind von unterschiedlicher Materialität. Sie reichen von klassischen Druckerzeugnissen bis hin zur animierten Projektion auf Hauswänden und Wasseroberflächen. Die Illustrationen sind oft skurril, bizarr und surreal, aber immer einzigartig. Greatmade steht für Branding, Characterdesign, Font-Design, Lettering, Print, Product & Packaging, Spacedesign. Die beiden Gestalter Michael Schinköthe und Stefan Kowalczyk erweitern permanent ihr Portfolio und tauschen sich mit anderen über neue Techniken aus. „Wir probieren bis zu zwanzig Prozent an jedem Projekt neue Sachen aus. Es gibt kein Projekt, wo wir hundertprozentig die gleichen Sachen machen. Du musst aus jedem Projekt was neues rauskitzeln, sonst bleibst du stehen,“ bringt es der Illustrator Stefan Kowalczyk auf den Punkt. Ihre Dienste allein für Werbezwecke zur Verfügung zu stellen, um ständig neue Kaufanreize für Konsumenten zu schaffen, entspricht nicht ihrem eigenen Anspruch. Sie bevorzugen Projekte mit Substanz und Potenzial zur Entwicklung, die nicht immer nur Aufmerksamkeit erregen wollen, sondern auch ein Bildungsauftrag haben können. Vor Allem im Bereich der Soziokultur finden sich spannende Aufgaben und damit verbunden Bezüge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ihr Auftrag ist klar, Lösungen finden, Markenkommunikation gestalten und Identitäten stiften, durch Schriften und Illustration.

Michael Schinköthe und Stefan Kowalczyk

„Warum mache ich das?“

Ihre Motivation und Leidenschaft zeichnen die beiden Designer und Illustratoren ebenso wie ihr Qualitätsanspruch aus. „In Agenturen, in denen ich gearbeitet hatte, habe ich mir Strategien angeeignet, wie ich an Projekte herangehe. Meine Methode ist, Sachen zunächst liegen zu lassen, wenn sie vorerst fertig sind. Nach zwei bis drei Tagen schaue ich dann drauf. Ist es gut, kann es raus, ansonsten gehe ich da nochmal dran“, sagt Michael Schinköthe. Gewissenhaft und präzise schälen die beiden Kreativen von Greatmade den Kern einer Sache heraus und geben ihr eine Sinnlichkeit. Das Künstlerkollektiv erschafft Identitäten und Typographien. „Warum mache ich das? Es ist schwieriger etwas zu tun, wenn es einem sinnlos erscheint. Auch wenn es einem in dem Moment nicht zielführend erscheint. Bei uns ist das immer die erste Frage: Warum tust Du das und für wen ist das? Wenn man diese Fragen beantwortet hat, dann hat man auch einen eigenen Kompass. Dann kann man bei sich auch die Energie abrufen“, so Stefan Kowalczyk.

Die Poesie der Projektion – auf den Schwingen des Raben bis zum Wasser Jordaniens

Die Aufträge, die die beiden Designer annehmen, sind von unterschiedlicher Couleur. Das liegt vor allem daran, dass sie Greatmade nicht als reines Businessmodell verstehen, mit dem Ziel der Profitmaximierung. Einen Anteil ihrer Arbeitszeit verwenden sie auf freie Projekte. „Wir machen auch freie Sachen ohne Auftrag. Da entwickeln wir Modelle und Konzepte, und überlegen uns Produktideen, um potenziellen Partnern neu Lösungsansätze und Wege aufzuzeigen. Wir setzen uns dann mit einem Problem auseinander, weil es spannend ist und uns reizt. Das gibt ultra viel Kraft. Nach acht Stunden Arbeit im Büro, setzt man sich zu Hause nochmal für zwei Stunden hin und macht das,“ so Stefan Kowalczyk. Eine dieser freien Arbeiten war die prämierte Animation „Romanzero“ beim Fassaden-Projektions-Festival Genius Loci 2016. Greatmade setzte sich mit seinem Konzept gegenüber Mitbewerbern aus zweiundzwanzig Ländern durch. „Wir haben dort eine Art und Weise zu animieren gewählt, die wohl die aufwändigste Form ist: einen handgezeichneten Film. Klar haben wir in den drei Monaten wenig geschlafen, aber dabei auch so viel gelernt. Das hat uns im Bereich Animation die Türen geöffnet“, erinnert sich Stefan Kowalczyk. Daraus ergaben sich Folgeaufträge bei langjährigen Kunden, die Greatmade bisher nur mit Typedesign und Illustration in Verbindung brachten und jetzt ganz neu wert schätzten.
So folge für Greatmade der Auftrag ein Animationsfilm im ersten digitalen Museum im jordanischen Petra. Er illustriert 600 Jahre nabateanischer Kulturgeschichte und wird vor Ort als Hauptatraktion projeziert. Betätigung im Nahen Osten bestehen allerdings schon mehrere Jahre. Während eines Studienaufenthalts hatte Michael Schinköthe bereits Projekte in Jordanien realisiert und Kontakte zur lokalen Agenturszene geknüpft. „Damals haben die mich eingeflogen, weil es für sie günstiger war, bei den damaligen schlechten Internetverbindungen“, so der Designer. Heutzutage wäre das undenkbar. Bei dem technologischen Fortschritt ist die physische Anwesenheit nicht mehr erforderlich. Eine weiteres Projektbeispiel beschäftigt sich mit dem lokalen Verbrauch der Wasservorräte.

Aufgrund der begrenzten Wasserressourcen hat Jordanien einen erhöhten Kommunikationsbedarf zur Sensibilisierung der Wassernutzung, was widerum Anstoss zu einer freien Arbeit gab. 2017 wurde zusammen mit 4 weiteren Designern aus Jordanien eine Installation entwickelt. Dabei wurden Daten zu Wasserressourcen und Bevölkerungsdichte der letzten 60 Jahre in Zusammenhang gebracht und so visualisiert, dass sich der Nutzer interaktiv durch Zeit bewegen konnte.
Für die Installation „Water Table“ übernahm Michael Schinköthe die Art Direction. Im Mittelpunkt steht ein Stahlkubus, auf dessen wassergefluteter Oberfläche die veränderbaren Karteninformationen projiziert werden, die nicht nur den direkten Bezug zum kostbaren Element aufzeigen, sondern auch besorgniserregende Verbrauchsentwicklung erkenntlich machen. Es entsteht der Eindruck liquider Information, ein haptisches und einprägsames Erlebnis. Die Arbeit wurde auf der Amman Design Week 2017 gezeigt.

IBUG – Kollaboration mit Dimitri Engelhardt

Freie Arbeit statt Kaltakquise ist die Devise.

Für Michael Schinköthe ist klar, dass man sich immer nur in einem Kreis mit einer gewissen Größe bewegt, „meine Erfahrung ist, dass man soviel Akquise machen kann, wie man will. Aber erst wenn du deine Kunden wirklich kennen gelernst hast und sie widerum Lust auf deine Arbeitsweise entwickeln, arbeitet man auch dauerhaft gern zusammen. So einfach ist das.“ Sein Partner ergänzt: “Wir bewegen uns in den von uns geknüpften Kreisen und Netzwerken innerhalb von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das ist nicht nur beruflich, sondern auch im Freundeskreis. Im Gespräch wird sich dann rege ausgetauscht und Probleme gelöst.“ Inspiration und Partizipation ist für das Künstlerkollektiv von enormer Bedeutung. Das heißt auch sein eigenes Ego nicht in den Vordergrund zu stellen und sein Wissen zu teilen. „Ich investiere auch mehr Energie in die freien Projekte, als in die eigentliche Kaltakquise und Außendarstellung. Das sind dann Wandgestaltung oder Partizipationsprojekte, wo man sich selber präsentiert, wie beispielsweise die ibug in Chemnitz. Dort gibt es zwar kein Budget und du zahlst vielleicht sogar noch drauf, aber da kommst du mit anderen zusammen, probierst dich aus und entwickelst etwas gemeinsam. Keine Vorgaben und keinerlei Prämissen. Nur du, die Wand, die Zeit und die Farben – und los geht’s“.

Festival für Illustration und urbanes Skizzieren / Foto: Paul Würtz

„Wir sind Gestalter und lösen Probleme.“

Was sollte sich ändern, wie setzt man das um und wie holt man die richtigen Leute mit ins Boot? Mit viel Verve diskutieren die beiden Gestalter über elementare Dinge, die weit über das Design hinausgehen und für Kreativschaffende im Allgemeinen und in Thüringen im Besonderen relevant sind. Wie man das Leistungs- und Nutzungsrecht mit seinen Konsequenzen den Entscheidern verständlich näher bringt. Wieviel ungenutzte Ressourcen und Potenzial in den regionalen Immobilien stecken, und wie eine sinnvolle Förderung für die gut ausgebildeten Hochschulabsolventen aussehen könnte, damit sie in der Region bleiben und sich ein qualitativ hochwertiges Kreativunternehmen aufbauen können. Anstatt nur große Reden zu schwingen, handeln Greatmade nach ihrer Philosophie und setzen Dinge in die Tat um. Dazu gehört die behutsame Auswahl der Aufträge, mit dem Wissen, dass die Ergebnisse auch immer auf den Markt abfärben. Neben ihrer eigentlichen Arbeit haben sie in diesem Jahr das erste Festival für Illustration und urbanes Skizzieren in Erfurt initiiert. Es richtete sich sowohl an die professionelle Zunft, als auch an die interessierte Öffentlichkeit. Aufgrund des kulturellen Jahresthemas der Landeshauptsadt „Bilder Deiner Stadt“ hat sich das konzeptionell angeboten und auch eine Förderung erhalten. „Wir haben seitens der Erfurter Kulturdirektion viel Rückhalt und viele Ideen erhalten“, schwärmt Stefan Kowalczyk. Das fünftägige Festival war ein voller Erfolg. In zwei Jahren soll es eine Neuauflage geben.

Made in Thüringen, Regional – Label egal?

Prestige allein ist für Greatmade kein Zeichen von Qualität und auch so hält man nicht viel von Labeln, die auf den Produktionsort hinweisen. “Einfach ein Herkunfts-Label auf ein Produkt draufpacken und allein dadurch behaupten, dass man es etwas Besseres ist, ist nur hohle Phrase und lenkt vom Wesentlichen ab.” Ginge es um den Poststempel, der die Herkunft einer Arbeit aufwertet, müsste Greatmade eine Dependance in einer der großen Metropolen eröffnen. „Ich sehe weder in Erfurt noch in Weimar eine zukunftsorientierte Ausrichtung. Erfurt konzentriert sich zu stark auf das begehbare Museum. Weimar ist Klassikstadt, Goethe und Schiller werden über das Bauhaus gestellt. Dabei ist letzteres weltweit relevanter und wirkt bis heute in weite Teile unserer Gesellschaft. Bei beiden Städten wird dadurch ein immenses Potential verschenkt. In Jena dagegen gibt es viele Unternehmen im Bereich neuer Technologie. Das hat Potenzial und gerade in unserem Business brauchst du Industrie. “, so Michael Schinköthe. Auch hier strebt Greatmade nach Substanz. Das was bleibt, sich festsetzt und die Menschen bewegt. Ihre Einflüsse und Inspiration sowie ihren Wirkungsgrad machen vor keiner Landesgrenze halt. „Es spielt keine Rolle, ob am Ende drauf steht, Made in Thüringen. Egal wo ich bin, ich will, dass die Leute vorbeikommen und staunen, was so abgehen kann“, so Stefan Kowalczyk.
Warum sie trotzdem Thüringen nicht den Rücken kehren: “Wie so oft stehen private Gründe und die Liebe zur Provinz im Vordergrund. Hier hat man zwar viele Probleme zu bewältigen, die einem in Metropolen nicht begegnen. Allerdings ergeben sich auch Handlungsspielräume, die man anderenorts erstmal finden muss.”

Text: Michael Krömer

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