Rückblicke

Erfolg auf Thüringisch

Rückblick auf die konTHAKt #Eisenach

Kann Thüringen mehr als nur ein Sprungbrett für die eigene Karriere sein? Auf der konTHAKt #Eisenach sprachen drei erfolgreiche Kreativunternehmer, warum sie sich bewußt für die Region entschieden haben und wie sie es geschafft haben, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Welche Chancen und Potenziale sehen sie für den Standort Thüringen? Offen und ehrlich teilten sie ihren großen Erfahrungsschatz mit den Zuhörern.
Als Gastgeber wählte die Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) dafür einen besonderen Rahmen – das Theater am Markt (TAM) im Zentrum der Stadt Eisenach. Mit viel Herzblut und Engagement haben die Theaterbetreiber einen Ort des Dialoges geschaffen. In einem Oval auf der Bühne nahmen die Gastredner sowie das Publikum Platz. Claudia Köhler, Branchenexpertin für Vernetzung und Beratung bei der THAK, führte durch die Veranstaltung. Das smarte Konzept der konTHAKt #Eisenach ist so bestechend wie simpel: ein unmoderiertes Podiumsgespräch mündet in einen offenen Dialog mit dem Publikum.

Auf dem Podium nahmen drei erfolgreiche Thüringer Kreativunternehmer Platz:
– Michael Baller, Geschäftsführer der Eisenacher Agentur bbsMEDIEN
– Karsten Meyer, Gründer und Sprecher der Jenaer ART-KON-TOR Gruppe
– Mark Pohl, Interior-Stylist und Geschäftsführer von Design We.Love

Gekommen um zu bleiben

(v.l.n.r.) Karsten Meyer, Mark Pohl, Michael Baller

Während Michael Baller und Karsten Meyer gebürtige Thüringer sind, kommt Mark Pohl aus einer kleinen Ortschaft in der Pfalz. Nach seinem Schauspielstudium folgte er dem Ruf an das Weimarer Nationaltheater. Diese Stadt wurde sein neues zu Hause. Hier konnte er seinen Traum verwirklichen: Design Apartments. Die Idee dazu kam ihm auf seinen Tourneen. Mark Pohl erinnert sich: „Auf den Reisen ist mir aufgefallen, dass mir die Art zu wohnen nicht gefällt. In den billigen Unterkünften fällt es schwer, vier Wochen drin zu wohnen und gleichzeitig Kunst zu machen.“ So ergriff er 2009 die Chance und erwarb in Weimar eine Immobilie, um sie für Kurzzeitgäste herzurichten. Das war der Startschuss für seine Design Apartments. Der Clou ist das Interieur. Über 70% der Inneneinrichtung wurde von Thüringer Designern entworfen, unter anderem von Absolventen der Bauhaus Universität. Gefällt dem Gast ein Produkt, so kann er es im Onlineshop Design We.Love käuflich erwerben. Diese Kombination aus realem Showroom und dem digitalen Vertriebskanal macht den Erfolg aus. Mittlerweile gibt es auch einen klassischen Laden in der Stadt und das international vertriebene Interior Magazin HAUSEN. Mark Pohl wurde in Thüringen sesshaft. Damit bildet er nach Ansicht von Karsten Meyer noch die Ausnahme.

Thüringen ist ein Durchreiseland

Für Meyer, den Gründer der B2B Agenturgruppe Art-Kon-Tor, ist Thüringen ein klassisches Durchreiseland. „Man sollte sich in Thüringen nicht zu ernst nehmen und Sitzfleisch mitbringen“, empfahl er den aufmerksamen Zuhörern. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff Durchreiseland und was hat das mit dem eigenen Geschäftsmodell zu tun? Mit seiner zentralen Knotenpunkt-Lage hat Thüringen klare logistische Standortvorteile gegenüber bundesdeutschen Randregionen. Gleichzeitig bietet Thüringen durch seine einzigartige Natur und die geschichtsträchtigen Städte attraktive Tourismusmagnete. 1990 sah das noch ganz anders aus. Nach einem Ingenieurs- und Designstudium gründete Karsten Meyer Art-Kon-Tor. Mit ihren mittlerweile fünfzig Mitarbeitern vereint die Agenturgruppe aus Jena Markenkommunikation, strategischen Weitblick und eine Schmiede für innovatives Produktdesign unter einem Dach. In den Anfangsjahren pendelte er immer drei Tage die Woche zwischen Jena und dem Rhein-Main-Gebiet. Ein Wegzug in das benachbarte Bundesland, direkt zu seinen Kunden stand jedoch nie zur Debatte. Zu sehr ist er mit seiner Heimat verbunden. Mittlerweile zahlt es sich aus. Sein Unternehmen ist zu einer festen Größe in der Region geworden.
Vielleicht lässt sich ein Durchreiseland mit der Knochenstruktur eines Einkaufszentrums vergleichen. An den beiden Endstücken werden meist ein großer Elektromarkt und ein Lebensmittelgeschäft positioniert. Dazwischen liegen die vielen individuellen Markengeschäfte mit hochwertigen Produkten. Auch wenn die meisten Käufer zunächst aufgrund der beiden großen Märkte das Zentrum besuchen, gilt es für die kleineren Geschäfte umso mehr sich mit einem starken Auftritt zu präsentieren, so dass die Kunden sofort den Mehrwert erkennen und wiederkommen.
‘Das grüne Herz Deutschlands’, wie die Thüringer liebevoll ihr Bundesland bezeichnen, ist zu einem Dreh- und Angelpunkt geworden. Hier haben viele Hidden Champions ihren Firmensitz. Als Weltmarktführer in ihrem Segment stehen sie für einzigartige und konkurrenzfähige Qualitätsprodukte.

Thüringen – das Maß der Dinge

Das zeichnet auch die hohe Güte der Handwerker in der Region aus. Karsten Meyer gerät ins Schwärmen: „Wir machen Produktentwicklung für Hightechprodukte. Da brauche ich Handwerker, die nicht 100.000 Stück von etwas machen, sondern auch bei nur einem produzierten Stück Wert darauf legen, mit Akribie ein gutes Produkt abzuliefern. Im Umkreis von zwanzig Kilometern um Jena gibt es für unseren Bereich alles. Das ist wirklich ein Pfund für uns. Bei Zeiss gab es früher über 44.000 Beschäftigte. Nach der Wende waren es nur noch 2.000. Viele haben sich selbständig gemacht und kleine Garagenbetriebe aufgemacht. Davon profitieren wir heute. Klasse statt Masse.“ Für Mark Pohl macht dieses Arbeitsethos auch den Reiz dieser Region aus. Mit Charme und Elan berichtet er den Zuhörern von seinen Erfahrungen: „Es gibt in Thüringen wahnsinnig gute Handwerker in der Möbel- und Einrichtungsherstellung. Die haben auch Lust am Ausprobieren. Wenn man gut und eng vernetzt ist, ist das hier wunderbar.“

Dichte Netzwerke und Offenheit für Neues

Der Eisenacher Michael Baller setzt als Geschäftsführer der Kreativ- und Werbeagentur bbsMEDIEN auf eine vertrauensvolle und langlebige Zusammenarbeit mit seinen Geschäftspartnern und Kunden. Mit seiner ehrlichen und bodenständigen Art hat er sofort einen Draht zum Publikum entwickelt. Die Zuhörer spüren seine Leidenschaft für die Menschen in der Region. Michael Baller hat sich in Thüringen ein dichtes Netzwerk aufgebaut. Entscheidend für ihn sind Offenheit und den Mut zu haben neue Dinge auszuprobieren. „Klar musst Du auch Widerstände aushalten können, sonst klappt das nicht,“ weiß er zu berichten. Allein durch die Digitalisierung hat sich enorm viel verändert. Das bringe auch Vorteile. Der Standortfaktor einer Metropole ist nicht mehr so entscheidend. Wichtig sind kurze Wege und bezahlbare Mieten. Damit bietet gerade Thüringen optimale Bedingungen für Menschen, die nicht lamentieren, sondern einfach loslegen und andere mitziehen. „Jetzt wird es hier für die Kreativwirtschaft spannend“, freute sich Michael Baller. Allein an der Sichtbarkeit der einzelnen Unternehmen müsse noch gefeilt werden. Die Thüringer sind immer sehr bescheiden, dabei brauchen sie sich mit dem Erreichten und ihren Leistungen nicht zu verstecken.
Mark Pohl wunderte sich auch über die schlechte Onlinepräsenz vieler kleinerer Betriebe. Er verzweifle regelmäßig an der Vielzahl von nachlässig gepflegten Websites, die so gar keine Kontaktmöglichkeiten aufweisen. Der Interior-Stylist ergänzt: „Wenn wir keinen Internetzugang und soziale Medien hätten, dann wären wir mit unserem Unternehmen nicht erfolgreich geworden.“

Netzwerken heißt, sich zu helfen

Nahtlos ging die Diskussion in einen Dialog mit dem Publikum über. Auf Augenhöhe wurde sich über die eigenen Erfahrungen ausgetauscht. Dabei wurde der Wunsch nach einer höheren Netzwerkkultur laut. Das würde bei vielen zunächst einen kulturellen Wandel in den Köpfen erfordern. Die Haltung, immer der erste und schnellste sein zu müssen, widerspreche dem Netzwerkgedanken. Sich gegenseitig zu helfen, auch ohne unmittelbar davon zu profitieren, müsse man sich wieder verstärkt ins Bewusstsein rufen.
Eine persönlich und leidenschaftlich geführte konTHAKt #Eisenach ging zu Ende und entließ die Teilnehmer in den vorweihnachtlichen Abend, mit inspirierenden Gedanken für das kommende Jahr und neuen Kontakten.

Text: Michael Krömer

Top