Rückblicke

Klartext im Inkubator

Rückblick auf die konTHAKt #Jena im Technologie- und Innovationspark Jena

Wir befinden uns mitten in der industriellen Revolution 4.0. Der Umgang mit ständig neuen Technologien, von der Robotik über softwarebasierte Anwendungen bis hin zur komplexen Datenanalyse und -auswertung, bietet uns eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten und Produktionswegen. In diesem Spannungsfeld bedarf es für Unternehmer eines klaren Blicks und der Weitsicht, welche die passendste und zukunftsfähigste Strategie für die eigene Firma ist. Es gilt, sich parallel zum Alltagsgeschäft stets einen Überblick zu verschaffen. In einer Zeit, in der etablierte Arbeitsprozesse und -strukturen von massiven Umwälzungen betroffen sind. Es ist ein Blick über den Tellerrand notwendig.

Die Stadt Jena ist fest verbunden mit den Namen Abbe, Schott und Zeiss. Die drei Männer zeichneten sich gleichermaßen durch ihren Forschungsdrang und ihr Unternehmertum aus. Bis heute verbindet man mit ihren Namen bedeutende Errungenschaften in der Optik. Vom Mikroskop bis zum Teleskop, vom Kleinsten bis zum Entferntesten, ihre optischen Werkzeuge ermöglichten einen neuen, detailreichen und schärferen Blick auf bis dahin unbekannte Welten.

Auf einer Anhöhe im westlichen Jena, umrahmt von den Schott- und Zeisswerken sowie der Ernst-Abbe-Hochschule, befindet sich der Technologie- und Innovationspark Jena. Das Gründerzentrum bietet Räume für aufstrebende und technologieorientierte Unternehmen aus den Bereichen Nano- und Mikrosystemtechnik, Sensorik und Optik, Kommunikations- und Softwareentwicklung sowie Medizin- und Umwelttechnik.

Am 8. Dezember 2016 fand in der obersten Etage des Jenaer Inkubators die konTHAKt #Jena statt. Die Veranstaltung war eine Kooperation der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) mit der Towerbyte eG sowie dem Thüringer Kompetenzzentrum Wirtschaft 4.0. Über den Dächern der Stadt und vor dem Panorama der industriellen Erfolge der Region wurde Klartext über Digitalisierung und Industrie 4.0 gesprochen.

Die Podiumsgäste – Repräsentanten der alten Ökonomie treffen auf Befürworter von Kollaborationsplattformen

(v.l.n.r.:)Steffen Otto, Werner Neumann, Christian Müller, Karsten Blumentritt, Mandy Guttzeit alias Petra

Im Zentrum der Netzwerkveranstaltung konTHAKt stand ein unmoderiertes Podiumsgespräch mit Thüringer Unternehmern und Experten. Die fünf Gäste waren:
Karsten Blumentritt, Geschäftsführer der KOMOS GmbH aus Bürgel, eines klassischen Produktionsunternehmens für Industriekunden sowie Dienstleister für Produktentwicklungen und Prozessinnovationen. Blumentritt sieht sich als Repräsentant der alten Ökonomie: „Wir produzieren noch was. Wir machen keine Daten. Wir verarbeiten Daten.“
Christian Müller, Inhaber der Beratungsfirma proagile.de aus Jena, berät kleine und mittelständische Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Strategien. „Was heißt Führung im Zeitalter der Digitalisierung?“, fragt er sich. Für ihn ist klar: Um in der Wirtschaft 4.0 erfolgreich agieren zu können, muss man auf Innovation setzen. Das gelingt nur, indem man kreative Zusammenarbeit fördert und verstärkt auf Kooperationen und Kollaborationen setzt.
Werner Neumann ist Geschäftsführer der CBV Blechbearbeitung GmbH aus Laasdorf, die mit höchster Genauigkeit fertigt und sich dazu hoch modernster Technik bedient. Für Neumann spielt die Datensicherheit eine große Rolle, und er ist froh, dass sich das papierlose Büro noch nicht durchgesetzt hat.
Steffen Otto ist Bereichsleiter für Software, IT- und Datenlösungen bei der BN Automation AG in Ilmenau. BNA ist eines der führenden Ingenieurunternehmen in Thüringen und realisiert weltweit hochwertige Lösungen für Automatisierungstechnik, Informationstechnik und Datensysteme. Für Steffen Otto liegen die großen Herausforderungen in der Feldebene, dort wo die Daten direkt am Sensor entstehen.
Als Überraschungsgast nahm Petra von der MaMo GmbH auf dem Podium Platz. Äußerlich wies sie eine starke Ähnlichkeit mit Mandy Guttzeit, der Branchenexpertin für Vernetzung und Innovationsmanagement bei der THAK, auf. Inhaltlich war sie ein Musterbeispiel eines typischen, produzierenden Unternehmens. Die fiktive MaMo GmbH stellt einen Thüringer Familienbetrieb dar, der Motoren für Industriemaschinen produziert. Die Nachfolgeregelung steht demnächst an und damit einhergehend auch die Weichenstellung der Unternehmensstruktur.

Wieviel Digitalisierung verträgt ein KMU?

Die Digitalisierung hat bereits bei vielen produzierenden Industrieunternehmen Einzug gehalten. Werner Neumann erinnert sich: „Innerhalb der letzten 12 Jahre sind wir schleichend in die Digitalisierung reingerutscht, ohne zu wissen, dass es sich um Industrie 4.0 handelt.“ Auf der einen Seite legen einige seiner Großkunden vertraglich fest, dass die Papierform zählt, gleichzeitig findet der Kundenaustausch zu 95 Prozent über das Internet statt. Dieser Spagat zeigt eine der aktuellen Herausforderungen, der sich die Unternehmer stellen müssen. Vertraglich ist man noch fest in etablierten Strukturen verankert und gleichzeitig soll man sich den neuen Produktionsprozessen anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Viele Thüringer Unternehmer im Publikum machten ähnliche Erfahrungen und hörten gespannt den Ausführungen der Podiumsgäste zu, wie sie die Herausforderungen annahmen und für sich die Chancen der Digitalisierung nutzen. Laut Karsten Blumentritt hat sich das Bestellwesen seiner Kundschaft in den letzten Jahren gewandelt. „Mittlerweile wird erwartet, dass wir binnen 48 Stunden liefern. Das geht nur mit Vernetzung und integrierten Systemen. Wir fahren zweigleisig. Die Maschinen produzieren autark, die Mitarbeiter produzieren per Hand. Im kommenden Jahr werden bei uns Roboter in der Montage eingesetzt und in drei Jahren werden sie autark arbeiten können.“
Das ist herausfordernd – besonders im Umgang mit den älteren Mitarbeitern. Zum einen bedeutet es Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und zum anderen gilt es, den Erfahrungsschatz seiner langjährigen Mitarbeiter intelligent zu nutzen. Eine hohe Sensibilität und Führungskompetenz ist gefragt, wenn es um die Angst vor dem Jobverlust bei Mitarbeitern geht und gleichzeitig um den regionalen Fachkräftemangel für die neuen Produktionsprozesse. „Wir leben in der Region und für die Region. Unser Anspruch ist es, die Mitarbeiter auch bei neuen Prozessen mitzunehmen“, so Karsten Blumentritt.

Christian Müller

Für Christian Müller ist das der richtige Weg: „Über Leidenschaft und Interesse können sich die Mitarbeiter dem neuen Thema der Digitalisierung nähern. Die Menschen müssen für sich und für die Firma einen Mehrwert erkennen. Der spezifische Blick eines Mitarbeiters auf sein Arbeitsfeld kann gute Ideen zur Effizienzsteigerung befördern. Durch die Etablierung einer Kollaborationsplattform in dem Unternehmen, kann man ein Mehr an Ergebnissen erreichen, trotz schlanker Strukturen und Fachkräftemangel. Dadurch wird die Innovationskraft erhöht.“ Das zielt auch auf die Führungsphilosophie eines Unternehmens ab. Wie binde ich das Personal in Entscheidungen und Prozesse mit ein? „Bei all der Digitalisierung, ist der Mensch immer noch im Mittelpunkt. Man ist die meiste Zeit seines Lebens auf Arbeit. Bis zu einem gewissen Grad soll die Arbeit auch Spaß machen“, argumentierte Werner Neumann und lieferte sogleich noch ein Best-Practice-Beispiel aus seinem Unternehmen: „Wir haben einen Laserschweißroboter eingeführt, der auch im Netzwerk arbeitet. Am Anfang dachten die Leute, dass ihre Arbeitsplätze wegfallen. Wir haben bewusst zwei unserer besten Leute auf Lehrgang geschickt, damit die auch damit richtig umgehen können. Jetzt nach eineinhalb Jahren haben die Mitarbeiter gemerkt, dass wir durch den Schweißroboter ganz andere Möglichkeiten haben. Denn autarke Roboter steigern die Produktivität. Dieses Jahr haben wir ein Wachstum von 30 Prozent und haben sogar drei Schweißer eingestellt.“

Big Data – Informationen aus Algorithmen gewinnen

Ein großes Thema auf der konTHAKt #Jena war Big Data. Für den Unternehmensberater Christian Müller ist es die Zukunftschance für Unternehmen. Business Intelligence wird den Innovationsprozess entscheidend prägen und beeinflussen. Beispielsweise im eCommerce ist es entscheidend, ob ich nur einen Trend ausmache oder eine konkrete Handlungsvorhersage aus den Daten ableiten kann, zum Beispiel zukünftige Kaufentscheidungen meines Kunden. Für Werner Neumann ist das bereits heute Alltag: „Unsere Software ist mittlerweile so gut, dass wir bereits stellenweise im Vorfeld wissen, was der Kunde bestellen wird. Wir mussten unsere Datenbank mittlerweile zum dritten Mal aufstocken, weil unsere Daten immer mehr und größer werden. Wir können lückenlos nachweisen, wer was wann womit innerhalb der letzten 15 Jahren angefertigt hat. Das läuft im Hintergrund ab. Vielen ist gar nicht bewusst, dass man Datenpflege und -sammlung betreibt.“

Steffen Otto

So verspricht sich Steffen Otto auch sehr viel von Predictive Analytics: „Der Markt ist schon sensibilisiert für Digitalisierung. Wir beschäftigen uns mit der Instandhaltung von Maschinen. Jetzt geht es darum, aus den gesammelten Daten einen Algorithmus abzuleiten und daraus Informationen zu generieren.“

Die Produktivität wird vielfältiger. Der Markt befindet sich in einem rasanten Wandel. Darin waren sich alle im Raum einig. Aber wie geht man mit den Herausforderungen um? So zielten die Fragen aus dem Publikum auch auf die Diversifikation der Produkte ab und wie man es in seinem Unternehmen mit der Innovation halten sollte. Treibt man seine Kunden an oder lässt man sich treiben? Dabei geht es auch um einen realistischen Blick und die eigene Positionierung im Marktgefüge. Habe ich selbst die Marktmacht, um etwas durchzusetzen, oder reagiere ich schnell und flexibel auf neue Industriestandards? Sobald neue Produkte von der Kundenseite her geplant werden, versucht Werner Neumann seine Ideen mit einzubringen.

Werner Neumann

Ein Schlüssel zum Erfolg sind für Christian Müller bedarfsgerechte Kollaborationen. Einer Kollaboration mit der Konkurrenz steht Werner Neumann hingegen skeptisch gegenüber. Zu groß sieht er die Gefahr einer Abwerbung im knallharten Konkurrenzkampf. Auch für mögliche Regressforderungen seitens der Kunden gibt es noch keine zureichende Absicherung. Um einmal Spitzen oder einen Notfall abzudecken, dafür habe er einen langjährigen Partner bei der Konkurrenz. „Wir bekommen von unseren Kunden vorgeschrieben, mit wem wir zusammenarbeiten dürfen. Wir sind zertifiziert und erfüllen bestimmte Normen und Richtlinien. Wenn wir jetzt mit einem anderen zusammenarbeiten würden, wäre das vertragswidrig“, so Werner Neumann.

Christian Müller ist sich sicher, dass mit den Vertragspartnern Lösungen gefunden werden. Das Nutzen von Synergieeffekten ist im eCommerce bereits Standard. Hier geht es mittlerweile um Ressourcen- und Wissensaustausch. „Das sind die großen Treiber, die uns voranbringen“, weiß Conrad Wrobel von der TowerByte eG, der im Publikum zu Gast ist.

Lösungen aus der Kreativwirtschaft

Eingerahmt wurde das Podiumsgespräch von zwei Pitch-Runden, in denen Thüringer Digitalisierungsexperten aus der Kreativwirtschaft den Gästen ihre Produkte und Dienstleistungen in einem jeweils zweiminütigen Slot präsentierten. Die Palette reichte von Aufbewahrung und Aufbereitung von Daten über die Analyse von gewonnenen Informationen bis hin zur Anwendungsoptimierung von komplexen Systemen und dem visuellen Verkaufen seiner Produkte und Dienstleistungen.

Karsten Blumentritt

Alle Produkte zeichneten sich durch ihre durchdachten und passgenauen Lösungen aus und waren für die Anforderungen auf dem Markt zugeschnitten. Dabei griffen die angebotenen Produkte der Thüringer Kreativunternehmer einzelne Aspekte und Anregungen aus der Podiumsdiskussion auf und zeigten hierfür marktreife Lösungen.Das Publikum war tief beeindruckt. Neben viel Applaus, wurde beim anschließenden Come-together branchenübergreifend genetzwerkt und bei einem Glas Glühwein auf der Dachterrasse über mögliche Partnerschaften gesprochen. Der Blick über den brancheninternen Tellerrand hat sich gelohnt. So fasste Karsten Blumentritt die konTHAKt #Jena zusammen: „Zu selten geht man strategisch vor, man ist in seinem Alltagsgeschäft gefangen. Bei solchen Veranstaltungen wie hier kann man die richtigen Leute treffen und sich austauschen, was geht und was nicht, und trifft dann Entscheidungen.“

 

Die Pitcher der konTHAKt #Jena:

Kallinich Media entwickelt komplette eBusiness-Lösungen und ist Markenagentur, Marketingagentur, Geschäftsmodellentwickler, Betreiber von Onlineshops und digitalen Geschäftsmodellen.

ORISA bietet Softwarelösungen, die den (weltweiten) Vertrieb vor allem technisch komplexer Produkte wie zum Beispiel Automobile, Kameras, Optik, Motoren, Flurförderfahrzeuge, Schlösser und Heizungsanlagen substantiell vereinfachen und spürbar beschleunigen.

igniti bietet Strategieberatung, Entwicklung von digitalen Dienstleistungen und Lösungsimplementierung – vom Online-Shop bis zur Maschinenebene in der Produktion.

Die Leistungen von Alpha Analytics umfassen Datenanalyse und Entwicklung von datenbasierten Vorhersagesystemen zur Überwachung von Maschinen und Produktionsprozessen.

Anbinden & Automatisieren – ohne Programmieren. Mit Synesty lassen sich Anwendungen ohne Programmierung per Drag&Drop verbinden – Ein Baukasten für Datenaustausch, automatisierte Prozesse und Datenfeed-Optimierung im E-Commerce und Onlinemarketing.

Maßgeschneiderte Softwarelösungen für Lager-, Versand- und Transportlogistik sind die Profession von EXOR PRO.

Contractus sorgt für eine unternehmensübergreifende, dezentrale Echtzeit-Kommunikation auf Basis der Blockchain-Technologie.

TecArt bietet Software-Lösungen, deren zentraler Kern ein B2B Kontaktmanagement ist, welches zur Anwendung von Industrie 4.0 Plattformen bis zu branchenspezifischen Kundenportalen erweitert werden kann. Mit der Software lässt sich der Vertrieb digitalisieren, Service effektiver und näher an den Kunden bringen und das Fakturawesen aus der Papier-Ära in die Digital-Ära überführen.

IKS Service bietet Clouddienste wie Hosting von Intra-oder Extranet als Dienstleistung mit garantierter Datenspeicherung in Thüringen an – zertifiziert nach internationalem Standard ISO 27001.

 

Klartext 4.0 – Das etwas andere Glossar:

 

 

 

 

 

Text und Fotos: Michael Krömer

 

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