Rückblicke

Rückschau: konTHAKt #Erfurt

Wenn Rückschläge zum Erfolg führen

Anja4

Am 20. November lud die THAK in den neuen Räumlichkeiten des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen und Unternehmertum (ThEx) in Erfurt zur konTHAKt ein.
Die THAK-Expertin Anja Erdmann und der Projektleiter Norman Schulz eröffneten die Netzwerkveranstaltung mit dem Thema: Der Umweg von der Idee hin zum kreativwirtschaftlichen Unternehmertum. Unternehmer, Investoren sowie Studenten folgten der Einladung und lauschten zunächst den spannenden Erfahrungen und Geschichten der drei Podiumsgäste.

Die drei starken Unternehmer-Persönlichkeiten präsentierten in einer kurzen Vorstellungsrunde ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Berufswege und gingen dann zum gemeinsamen Gespräch auf der Bühne über. Dabei erzählten sie sehr offen, wie sie als Kreativunternehmer Rückschläge gemeistert und daraus gestärkt erfolgreich ihre Unternehmen und Projekte aufgebaut haben.

 

“…und weil wir so am gründen waren, haben wir noch eine Firma gegründet…”

allgemein2

Der geschäftsführende Gesellschafter der Morgenwelt GmbH Björn Hansen aus Hamburg hat immer mindestens vier Eisen gleichzeitig im Feuer. Mit seiner Vielzahl an Firmen und Unternehmungen kann er so seinen Kunden passgenau Produkte anbieten.
„Jeder denkt in Schubladen. Man muss den Leuten eine Schublade geben, in die man rein passt“, so Björn Hansen. Deutlich wird das anhand der Ausrichtung seiner unterschiedlichen Firmen. Mit seiner Secret Media Filmproduktion GmbH realisiert er u.a. Imagefilme für die Automobilbranche. Diese Kunden würden entsprechende Budgets nicht sofort einer Firma anvertrauen, in deren Portfolio sich beispielsweise auch Events mit Fahrradbühnen von Morgenwelt Rocks wiederfinden. Bei dieser smarten Idee wird der Strom durch Muskelkraft erzeugt. Die Teilnehmer treten in die Pedale und die an den Fahrrädern angeschlossenen Generatoren liefern den Strom an die Bühnentechnik weiter.

Zwar sei das mit der Buchhaltung sehr mühsam, aber letztendlich funktioniert es nur so für ihn. Seine Lebensmaxime hat er von Adlai E. Stevenson, dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der USA, übernommen: „Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren.“

 

“Wir haben das Scheitern immer mit einkalkuliert”

Einen anderen Weg geht Corinna Hesse aus Tüschow. „Wir gründen nicht weiter Firmen. Wir haben keine Lust auf zu viel Buchhaltung“, so die Leiterin des Silberfuchs Verlags. Aus dem Kerngeschäft heraus entwickelt sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Antje Hinz das Unternehmen sehr fluide in alle Richtungen weiter.

Corinna2

Für sie gehe es primär nicht darum, einfach nur Geld anzusammeln, sondern vielmehr um die Frage: Welche Werte schaffe ich für die Gesellschaft? „Der Buchhandel ist aus dem Hörbuch ausgestiegen. Der Download-Markt wächst aber nicht so, wie der Buchhandel zusammenbricht.“ So arbeitet sie mit ihrer Partnerin verstärkt mit Stiftungen und Behörden zusammen. Zwar gebe es da weniger Budget, aber die Produktionen sind inhaltsgetrieben. „Erst wenn die Produktionskosten gedeckt sind, starten wir mit dem Projekt“, erzählte die Kulturwissenschaftlerin.

Björn Hansen pflichtete ihr bei: „Ich rechne immer vorsichtig. Man darf nicht euphorisch sein, wenn man Excel öffnet. Wenn ein Projekt direkt zu Beginn gut läuft, dann denkt man es geht immer so weiter und trifft dann Entscheidungen, die man sonst nicht treffen würde.“ Was im ersten Moment launig klingen mag, entpuppt sich als handfester Tipp, der einen vor der nächsten Pleite bewahren kann.

 

“Zentraler geht es nicht”

Sein unternehmerischer Weg hat Thorsten Schreiber aus Berlin nach Saalfeld geführt, wo er zunächst für ein kurzes Gastspiel die Pralinenmanufaktur seines Vaters übernahm. Vor gut vier Jahren stieg er in den Vertrieb von E-Books ein. „Ganz schnell hatten wir schon zu Beginn 170 Verlage“, so der geschäftsführende Gesellschafter der Zeilenwert GmbH im Podiumsgespräch, „aber das Modell warf keinen Gewinn ab.“ Mittlerweile ist er Marktführer in Deutschland und hat über 1,2 Millionen Titel im Verkauf. Dass Zeilenwert im thüringischen Rudolstadt ansässig ist und nicht etwa in Berlin, war eine bewusste Entscheidung. Hier herrscht keine direkte Konkurrenz, wie beispielsweise zu den Samwer-Brüdern. „Uns hat noch keiner verlassen“, schwärmt Thorsten Schreiber von seinen treuen Mitarbeitern. Darüber hinaus betont er Thüringens klaren Standortvorteil. In zwei bis drei Stunden ist man überall in ganz Deutschland.

 

Die richtige Partnerwahl

Publikum2

Einig waren sich alle drei Gäste darin, wie wichtig die richtige Partnerwahl für ein erfolgreiches Unternehmen ist. Immerhin sehe man den Geschäftspartner in der Regel öfter als seine eigene Familie, so Thorsten Schreiber. Seine Devise lautet: „Man muss wie Zahnräder zu einander passen. Lieber kein Partner, als einer der nicht passt!“ Im Publikum gab es einhelliges Nicken. Ihre Partnerin sieht Corinna Hesse als Korrektiv. Sie seien zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber genau das sei ihr Erfolgsgeheimnis. Björn Hansen schmunzelte und gab Anekdoten von seinem Kompagnon aus Düsseldorf zum Besten, der sich nicht immer sofort von seiner Euphorie anstecken lässt.

Neben dem Geschäftspartner sind die Investoren für die unternehmerischen Erfolge entscheidend. Für Thorsten Schreiber müssen die Geldgeber auch Überzeugungstäter sein, ansonsten sieht er keine Perspektive für eine langfristige Unternehmung. Mittlerweile haben sie bei Zeilenwert bereits vier Investorenrunden gemacht und dabei 70% abgegeben.

Björn Hansen unterstrich die besondere Rolle des Investors. Neben dem finanziellen Anschub, verstehe er den Investor auch als strategischen Türöffner. Hier sieht er in Deutschland noch Handlungsbedarf.

 

persona non grata versus idea non grata

Bjoern3

Sehr persönlich und emotional wurde auf der Veranstaltung über den Moment des Scheiterns und Wiederaufstehens gesprochen. Eine seiner Firmen hat Björn Hansen zehn Jahre lang betrieben, obwohl sie sich nur drei Jahre wirtschaftlich getragen hat. Dieses Liebhaberprojekt konnte er nur aufgrund seiner weiteren Gründungen co-finanzieren. Sich so etwas einzugestehen, sei ein sehr schmerzhafter Prozess. „Irgendwann hast Du den Weitblick, wann es Zeit ist aufzuhören“, resümierte Thorsten Schreiber. Er schätzt die Haltung, wie in den USA mit einer Pleite umgegangen wird. Dort gebe es auch noch die 4. Chance einer Neugründung. Grundsätzlich forderte er ein Umdenken ein: „In Deutschland ist man sofort nach der ersten Pleite eine persona non grata. Stattdessen sollte es eine idea non grata sein.“ Es gibt viele Gründe warum ein Projekt am Markt scheitern kann – vom Zeitpunkt der Platzierung, über die falsche Zielgruppenansprache bis hin zur Insolvenz von Kooperationspartnern. Auf all diese Faktoren haben die einzelnen Kreativunternehmer*innen nicht immer unmittelbaren Einfluss. Aber diese zunächst leidvollen Erfahrungen bergen auch einen unschätzbaren Wert für zukünftige Projekte. Je größer die Firma wird, desto mehr wachsen die Abhängigkeiten und die unternehmerische Beweglichkeit zur Neuausrichtung nimmt ab.

 

Offenheit und Authentizität

Gruppe2

Die offene und transparente Gestaltung des Raumes übertrug sich auch auf die Publikumsdiskussion. Auf Augenhöhe wurde miteinander über Kooperationen und Innovationspotenziale für Kreativunternehmer gesprochen. Die Veränderung des Marktes, besonders in der Digitalen Wirtschaft, erfordern heutzutage einen breiten Erfahrungshorizont. Dabei erweisen sich gerade die Pleiten und Rückschläge als unschätzbar wertvolle und lehrreiche Instrumente. Man muss nur den Mut aufbringen, sie vorbehaltlos zu analysieren. Daraus lassen sich für zukünftige Projekte die richtigen Rückschlüsse generieren.

Entscheidend ist, was für einen selber passt und stimmig ist. Die drei Podiumsgäste haben sich ihre idealen Bedingungen geschaffen. Von der richtigen Wahl des Arbeitsplatzes, über die inhaltliche Ausrichtung bis hin zur Firmengröße, jeder hat seine eigene Form gefunden. Diesen unschätzbaren Fundus an individuellen Erfahrungen haben die Podiumsgäste bei der konTHAKt den Anwesenden weitergegeben.

Besonders großen Anklang fand der Foodtruck von Björn Hansen. Was sich zunächst als kleine verschrobene Idee eines umtriebigen Unternehmers anhörte, entwickelte eine eigenständige Dynamik, die auch an diesem Abend auf Interesse stieß. Dieses Standbein lässt den Spaßfaktor nicht zu kurz kommen und hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber auf Jahre angelegte Großprojekte, bei denen erst zum Ende das Budget überwiesen wird. Das Geld fließt unmittelbar – mit jeder Wurst, die über den Tresen geht. Das ist Balsam für die unternehmerische Seele von Björn Hansen: „Da stehe ich am liebsten an der Fritteuse: 6 € und 6 € und 6 € und 6 €.“

 

Auf den Foodtruck! Man kann alles frittieren.

Netz5

Dieses eindrückliche Erlebnis läutete den geselligen Teil der Netzwerk-Veranstaltung ein. Am Bufett wurde intensiv miteinander weiter debattiert und die innovativen Impulse im persönlichen Gespräch vertieft. Wertvolle Tipps für die eigenen Projekte wurden mit an die Hand gegeben und so brachte es ein Teilnehmer am Ende auf den Punkt: „Das besondere Format der konTHAKt ist voll aufgegangen. Ich bin froh da gewesen zu sein.“

 

Text und Fotos: Michael Krömer

Top