Veränderung ist in der Kreativwirtschaft keine Ausnahme, sondern Normalität. Doch wie bleibt man handlungsfähig, wenn die Ziele schwer greifbar, die Informationen der Zukunft vieldeutig und man der Veränderung live zuschauen kann? Und: Was macht man, wenn man dann einen Plan haben möchte? Im Gespräch mit Team- und Organisationsentwicklerin Susanne Neunes blicken wir auf die Prinzipien von Effectuation, ein Ansatz, der hilft, vorhandene Ressourcen gezielt zu nutzen, Chancen zu erkennen und flexibel auf Neues zu reagieren. Im Nachgang des von Susanne geleiteten THAK Workshops “Sicher in der Ungewissheit” haben wir noch einmal mit ihr gesprochen – über Unsicherheit, Mut, die Kraft, mit dem zu starten, was bereits da ist und darüber, wie wir durch passende Rahmenbedingungen nachhaltig erfolgreich werden können.

Susanne, was bedeutet Ungewissheit für dich persönlich und für Kreativschaffende?
Ungewissheit begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Aufgewachsen bin ich in einer Handwerksfamilie. Mein Opa hatte eine Schreinerei auf dem Dorf. Er hat immer gesagt: “Am Anfang steht die Recherche und dann arbeiten wir mit dem, was da ist.“ Er hat nie etwas weggeworfen, sondern ist Herausforderungen mit den vorhandenen Mitteln begegnet. Das war im Grunde meine erste Begegnung mit den Prinzipien von Effectuation, ohne dass ich damals den Begriff kannte. Als ich später selbst gründete, habe ich sehr direkt erlebt, wie ungewiss so ein Moment sein kann: man hat Pläne, vielleicht Förderzusagen, vielleicht auch schon Erspartes investiert und gleichzeitig ist vollkommen offen, wie es weitergeht.
Damals bin ich auf Effectuation gestoßen und habe mich fortan intensiver damit befasst; erst über eine Kurzfortbildung, dann über eine einjährige Ausbildung. Das war für mich einerseits eine Bestätigung: Es ist völlig in Ordnung, nicht mit einem starren Fünfjahresplan zu arbeiten, sondern mit den vorhandenen Mitteln, Möglichkeiten und Zufällen. Andererseits habe ich auch gelernt, dass Ungewissheit nicht immer positiv erscheint: Sie kann sich wie eine grüne Wiese anfühlen, aber in schwierigen Zeiten auch wie ein schwarzes Loch.
Gerade in den letzten Jahren haben wir alle erlebt, dass Ungewissheit nicht nur ein individuelles Thema ist: Pandemie, politische Spannungen, Klimawandel und technologische Entwicklungen wie KI. All das bringt Rahmenbedingungen, die wir nicht vollständig vorhersehen oder planen können. In meiner Arbeit mit Kreativschaffenden erlebe ich, dass viele diese Ungewissheit spüren, oft sogar als Belastung. Effectuation bietet hier einen Ansatz, der Mut macht, mit dem zu arbeiten, was da ist, Chancen zu nutzen und handlungsfähig zu bleiben, auch wenn die Zukunft offen ist.
Du sagst, Ziele entstehen aus vorhandenen Mitteln. Wie können Kreative ihre Ressourcen im Alltag besser erkennen und nutzen?
Viele Kreative sind, wie wir alle, stark darauf konditioniert, zielorientiert zu denken. Das kommt aus unserer Prägung: Schule, Ausbildung, Studium – überall lernen wir, ein Ziel zu definieren und konsequent darauf hinzuarbeiten. Effectuation setzt den Fokus dagegen stärker auf die Mittelorientierung, also darauf, mit dem zu arbeiten, was gerade da ist. Und das fühlt sich für viele zunächst ungewohnt an, weil die neuronalen Verbindungen darauf (noch) nicht so trainiert sind. Um diesen Blick zu schärfen, hilft es, Mittelorientierung im Alltag bewusst zu üben. Das kann sehr einfach sein, zum Beispiel kochen ohne Rezept, nur mit den Zutaten, die man gerade im Haus hat. Oder man kann sich von Kindern inspirieren lassen: sie sehen in einer leeren Klopapierrolle keinen Müll, sondern ein Spielzeug.
Wichtig ist, nicht Ziel- und Mittelorientierung gegeneinander auszuspielen, sondern sie als unterschiedliche Werkzeuge zu verstehen, die in verschiedenen Kontexten Sinn machen. Bei einem Förderantrag oder einem Businessplan ist Zielorientierung gefragt. Da muss klar sein, was man erreichen will. Im kreativen Prozess oder in unsicheren Phasen kann Mittelorientierung dagegen helfen, handlungsfähig zu bleiben.
Der erste Schritt ist, die eigenen Mittel bewusster wahrzunehmen und diese Haltung aktiv zu trainieren. Der zweite Schritt ist, den Mut zu entwickeln, mit diesen Mitteln nach außen zu gehen. Etwa indem man nicht nur das perfekte Ziel präsentiert, sondern auch das, was man hier und jetzt anzubieten hat. So entsteht Sicherheit beim Gegenüber – nicht aufgrund einer großen Idee, sondern aus der Klarheit darüber, wer man ist, was man kann und welche Ressourcen man schon hat.
Welche Vorteile bringt es, eine effectuierende Haltung bewusst anzunehmen?
Der große Vorteil liegt darin, dass man dadurch ein tiefes Verständnis für die eigene unternehmerische Logik entwickelt: eine Logik, die nicht auf klassischen Managementansätzen beruht, sondern auf dem Umgang mit Ungewissheit. Effectuation ist kein Tool, sondern die Logik nach der erfolgreiche Unternehmer und Unternehmerinnen handeln. Es basiert also darauf, was Menschen tatsächlich tun, wenn sie Neues unter ungewissen Bedingungen schaffen. Sie starten mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, gehen aktiv mit dem Zufall um und minimieren Risiken durch das Prinzip des “leistbaren Verlusts“ (Affordable Loss Principle).Sie bauen Kooperationen mit Menschen auf, die Lust haben, gemeinsam “den Kuchen größer zu machen“ – auch wenn das bedeutet, dass der Kuchen dann am Ende anders aussieht als sie es geplant hatten. Gerade für Kreative kann es eine große Erleichterung sein, wenn ihnen bewusst wird, dass sie nicht dem klassischen unternehmerischen Ideal folgen müssen. Viele empfinden es als befreiend, wenn sie nicht mehr nach wirtschaftlicher Optimierung oder langfristiger Planung agieren müssen, sondern so sein dürfen, wie sie sind: intuitiv, flexibel, ko-kreativ. Es geht jedoch nicht darum, nur zu tun, worauf man Lust hat. Auch Kreative müssen wirtschaftlich handeln, Miete zahlen und Verpflichtungen eingehen. Aber sie können dies auf eine Weise tun, die ihren Werten, ihrer Arbeitsweise und ihrer Realität entspricht.
Sich der Effectuation-Prinzipien bewusst zu werden, stärkt die eigene Entscheidungsfähigkeit. Es geht darum, aktiv abzuwägen: Was bin ich bereit zu investieren? Was kann ich verlieren, ohne dass meine Idee scheitert? Diese Haltung schützt davor, in eine Opferrolle zu geraten, wenn Dinge nicht nach Plan laufen, was im unternehmerischen Alltag unvermeidlich ist. Auch das Prinzip der “Patchwork Partnerschaften” (Crazy Quilt Principle), also die Suche nach Menschen, die mitgestalten wollen, verändert den Blick auf Zusammenarbeit: Nicht der perfekte Fit ist entscheidend, sondern die gemeinsame Energie, etwas zu schaffen. Ko-Kreation ist ein Prozess mit vielen Irrwegen und Enttäuschungen, aber auch ein Raum für echte Innovation.
Kurz gesagt: Wer sich seiner effektuierenden Haltung bewusst wird, bekommt eine Sprache und ein Denken an die Hand, mit dem sich unternehmerisches Handeln in Ungewissheit besser reflektieren, gestalten und durchhalten lässt. Es geht nicht darum, Kontrolle zu erlangen, sondern handlungsfähig zu bleiben, auch wenn man nicht weiß, was als Nächstes kommt.
Im Workshop bei der THAK ging es auch um Ko-Kreation. Welche Rolle spielen Netzwerke und gemeinsames Handeln in ungewissen Zeiten?
Gerade in ungewissen Zeiten wird deutlich, wie essenziell Netzwerke und gemeinsames Handeln sind. Auch wenn Ko-Kreation ein aktuell viel genutztes Schlagwort ist, beschreibt es im Kern etwas sehr Konkretes: Ich bringe eine Idee ein, aber sie bleibt nicht allein meine. Andere Menschen verändern sie, verfeinern sie, und ich muss bereit sein, Kontrolle abzugeben und gleichzeitig mich mit allem was mich auszeichnet einbringen. Wird uns nicht automatisch mitgegeben. Oder vermutlich eher: Das wird uns nicht automatisch mitgegeben. Viele von uns haben in Schule und Ausbildung eher gelernt, sich durchzusetzen oder zu vergleichen, statt zusammenzuarbeiten. Doch echte Kooperation und damit auch die Ko-Kreation, basiert auf der Haltung, dass alle Beteiligten mit ihren Mitteln wertvoll sind und dass aus dieser Unterschiedlichkeit Großartiges entstehen kann. Das bedeutet auch: Niemand muss die Führung übernehmen, aber wir brauchen Leitplanken, um gemeinsam durch ungewisse Prozesse zu navigieren. Gemeinsame Werte, ein klarer Rahmen, ausreichend Zeit und Raum schaffen dabei psychologische Sicherheit, also die Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt ihre besten Ideen teilen.
Gerade in kreativen Gruppen kann es schnell zu Blockaden kommen, wenn die Unsicherheit zu groß ist und niemand weiß, wie der nächste Schritt aussieht. Hier helfen äußere Strukturen: eine zeitliche Begrenzung, gemeinsame Ziele oder Ressourcen. Wichtig ist, dass innerhalb dieses Rahmens nicht im Modus des “Ja, aber…“, sondern im “Ja, und…“ gearbeitet wird, also im Sinne von Weiterdenken statt Abwerten. So entsteht echte Ko-Kreation, bei der nicht nur Ideen kombiniert, sondern gemeinsam neue Realitäten geschaffen werden.
Dabei sollte man sich bewusst machen, dass Kooperation und kreatives Handeln kein Garant für Erfolg sind, aber sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, in einer komplexen, sich ständig wandelnden Welt etwas Neues zu erschaffen. In Momenten der Ungewissheit brauchen wir innere Sicherheit und die entsteht, wenn ich weiß: Wer bin ich? Was kann ich? Wen kenne ich? Wer sich seiner Mittel bewusst ist, kann sich auf unbekanntem Terrain besser orientieren, selbst wenn es keinen Stadtplan gibt.
Sich unsicher fühlen ist dennoch nie ganz vermeidbar, oder?
Nein, dieses Gefühl ist sogar elementar und ein natürlicher Schutzmechanismus. Doch wenn ich in der Lage bin, sie einzuordnen, ihnen mit kleinen Ritualen zu begegnen, mich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und mir mein persönliches “Wofür“ bewusst zu machen, dann wächst die Resilienz. Dieses “Wofür“, also der Sinn, der hinter dem eigenen Tun steht, ist im Effectuation-Ansatz keine abstrakte Vision, sondern der tägliche Antrieb. Es ist der innere Kompass, der uns hilft, trotz Unsicherheit weiterzugehen.
Gerade in einer Welt, die Selbständigkeit oft nicht fördert, sondern das Angestelltenverhältnis bevorzugt, ist Unternehmertum eine mutige Entscheidung. Netzwerke, gemeinsame Werte und gegenseitige Unterstützung sind deshalb nicht nur hilfreich, sondern essenziell. Sie sind das, was kreative Selbstständige in ungewissen Zeiten stärkt, weil sie zeigen: Ich bin nicht allein und gemeinsam können wir den Weg gestalten.
Was ist dein wichtigster Tipp für Kreative, um in ungewissen Zeiten nicht nur zu bestehen, sondern neue Möglichkeiten zu schaffen?
Sei mutig und großzügig mit dir selbst. Trau dich, laut zu trommeln, mach auf dich und deine Arbeit aufmerksam, nutze jede Gelegenheit, dich sichtbar zu machen. Aber gleichzeitig: Setz dich nicht permanent unter Druck. Es geht nicht darum, rund um die Uhr zu leisten oder alles über Anstrengung zu erreichen.
Und: Feiere deine kleinen Erfolge. Sie sind genauso wertvoll wie die Großen. Nutze, was da ist: deine Mittel, dein Netzwerk, deine Zeit. Geh an schlechten Tagen ruhig mal früh ins Bett und bleib in guten Nächten lange wach. Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können. Vieles liegt außerhalb unserer Macht. Ob jemand deine Kreativität erkennt und bereit ist, dafür zu zahlen, lässt sich nicht erzwingen. Du kannst nur den Rahmen setzen und dein Bestes tun. Es geht nicht um Dauervollgas. Kreativität braucht Luft, Leichtigkeit, manchmal auch einfach das bewusste Nichtstun. Oder wie es so schön bei Ravindranath Tagore heißt: “Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Auch wenn wir nicht immer wissen, was genau wir im Garten tun sollen: Der Rückzug, das Loslassen, das Innehalten sind genauso produktiv wie das Machen.Und letztlich: Vertraue darauf, dass der Zufall den vorbereiteten Geist begünstigt. Das heißt, du kannst die Welt nicht kontrollieren, aber du kannst offen und präsent sein. Mit einer klaren Haltung, einem starken “Wofür“ und der Bereitschaft, Möglichkeiten zu erkennen, wenn sie auftauchen. Das ist keine Garantie für Erfolg, aber eine kraftvolle Grundlage dafür, dass Neues entstehen kann.
Kontakt
Susanne Neunes
Team- und Organisationsentwicklerin
www.susanne-neunes.de
Veränderung gestalten
praxisnah + nachhaltig
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