STECKBRIEF #17

Kombinat Süd

Nimm Dir was Du brauchst – Coworking in Jena

Benny Beyer, Gründer und Betreiber des Kombinat Süd

Wie sieht das optimale Arbeitsumfeld aus, um nachhaltig und in einer gesunden Work-Life-Balance produktiv zu sein? Vor gut sechs Jahren stellte sich Benny Beyer genau diese Frage. Die Immobilienpreise zogen in Jena stark an. Als Selbstständiger ein ganzes Büro anzumieten wäre wirtschaftlich nicht sinnvoll gewesen. Die Alternative wäre die Mitgliedschaft in einer zweckgebundenen Bürogemeinschaft, oder einfach mal alles neu zu durchdenken. Als Kommunikationsdesigner nahm er die Herausforderung an und suchte eine intelligente Lösung für seine Situation.

 

Neues Arbeitsplatzmodell, neue Arbeitsformen

In Gesprächen mit Kollegen und Partnern reifte der Entschluss ein Coworking Space zu eröffnen. Das Motto lautete: Nimm Dir was Du brauchst. „Ob Leben, oder Geschäft, wir richten es nicht nach schnellem Maximalgewinn aus, sondern danach, was wir tatsächlich brauchen, um das Leben so zu leben, wie wir uns das vorstellen,“ fasst Benny Beyer die Philosophie seines Coworking Spaces zusammen. „Du musst das mit Herz machen. Die Menschen sollen erkennen, dass sich dort jemand Gedanken gemacht hat, um etwas Sinnvolles zu erschaffen,“ sagt er. Der Ort sollte eine Alternative zu den herkömmlichen Arbeitsplatzmodellen sein. „Das Lustige ist, dass ich bereits den Namen für das Coworking Space hatte, bevor wir diesen Ort hier kannten – Kombinat Süd. Zu DDR-Zeiten bildete das Kombinat ein Dach, unter dem kleine Firmen organisiert waren, die im Verbund stärker waren, als alleine. Von der politischen Ideologie befreit, haben wir einfach die alten Wörter neu belegt und die unternehmerische Idee in den Vordergrund gestellt.“

Benny Beyer


Auf dem historischen Gelände der Schott-Fabriken in Jena fand er die passende Immobilie. Ihr Name war schon damals Kombinat Süd. “Das muss wohl Schicksal sein,” meinte Benny Beyer und legte los. Am 2. Mai 2012 wurde das Coworking Space eröffnet mit dem Ziel, „Freiberuflern, Startups und bestehenden Unternehmen einen Ort zu geben, der kommunikativ, offen, produktiv, abwechslungsreich, unterhaltsam, dynamisch, bezahlbar und einfach schön ist.“ So steht es auf der Homepage des Kombinats.

 

Andere reden von Synergien, das Kombinat Süd schafft sie

„Du kannst dir einen flexiblen Arbeitsplatz anmieten, kommst mit anderen ins Gespräch, lässt dich über Gründung beraten und optimalerweise kannst du Teil eines Kreativteams sein,“ fasst Benny Beyer das Angebot zusammen.

Coworking
Das Kombinat Süd ist ein Coworking Space mit flexiben Tarifen und Arbeitsplatzmodellen, vom Tagesticket für einen Schreibtisch bis hin zum festen Büro – alles ist möglich. Es gibt zwanzig Schreibtische plus Büros für jeweils vier Leute. Die Nutzer des Coworking Space kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen, von IT-Programmierern über Designer, Coaches und Projektmanager. Von Gründern über Angestellte bis zu etablierten Unternehmen ist alles vertreten. Eine vorgeschriebene Regulierung oder Quote gibt es nicht. „Theoretisch könnte auch noch der elfte Grafikdesigner einen Schreibtisch anmieten. In der Praxis war es bisher aber immer sehr ausgewogen“, freut sich Benny Beyer über die bunte Mischung seiner Stammkunden. Auch wenn Coworking noch oft mit der digitalen Bohéme verknüpft wird, nutzen viele Berufstätige die Angebote im Kombinat Süd, deren Arbeitgeber im Umkreis von 70 Kilometern liegen. Sie möchten nicht täglich pendeln und trotzdem den Austausch mit anderen pflegen, den es so im Home Office nicht geben würde. „Etabliert waren wir erst, nachdem wir gemerkt haben, dass unsere Zielgruppe nicht nur die freiberuflichen Kreativen sind, sondern vor allem Menschen, die sich nach einem Ort sehnen, wo Arbeiten anders gemacht wird,“ so der Betreiber des Kombinats.
Das Coworking Space ist einfach ein inspirierender Ort. „Ein entspannter Arbeiter ist nutzbringender für den Unternehmer. Weiche Faktoren sind einfach wichtig. Insofern ist Coworking besser, als alleine zu Hause zu sein,“ findet Benny Beyer. „Der Austausch hier untereinander ist schon extrem beflügelnd. Die Synergieeffekte sind sehr hoch, wenn dein Nachbar etwas komplett anderes arbeitet. Bei einer Runde Tischtennis mit den anderen entstehen dann Ideen, die man in sein eigenes Unternehmen oder das seines Arbeitgebers mit hineintragen kann.“

Gründerwerkstatt
Benny Beyer hat einen großen Erfahrungsschatz aus der Gründung des Coworking Spaces gewonnen. Diesen gibt er jetzt an Menschen weiter, die sich selbstständig machen möchten. „Das Ziel ist, den Neugründern eine Perspektive aufzuzeigen, was freiberufliche Arbeit mit sich bringt.“ Selbstständiges Arbeiten ist nicht per se für jeden das richtige. Manche Menschen fühlen sich in einem geregelten Anstellungsverhältnis wohler und sind dort auch produktiver. Das Kombinat Süd ist jetzt Bildungsträger und kann für Gründer eine 100% Förderung für ein 14-tägiges Einzelcoaching bei der Bundesagentur für Arbeit beantragen, freut sich Benny Beyer.

Full-Service-Agentur
„Wir haben hier eher Langzeitmieter und weniger Tagesbesucher. Vielleicht ist das ein Thüringer Phänomen, der Wunsch sich heimisch und geborgen zu fühlen. Das haben wir gemerkt und gehandelt. So haben wir in die weitflächigen Räume noch ein paar Wände eingezogen. Jetzt ist es ein Mix aus Offenheit und geschütztem Raum,“ so Benny Beyer. Die geringe Fluktuation und die Verbundenheit untereinander bietet einen weiteren Synergieeffekt an. Die Kreativunternehmer im Kombinat Süd haben sich zusammengeschlossen und übernehmen auch gemeinsam Kundenaufträge. Das steigert natürlich auch den Wert des Arbeitsplatzes, wenn die Mieter Aufträge generieren können, die sie alleine so nicht bekommen hätten.

 

Arbeitswelt anderes denken und Freizeitangebote schaffen

Mittlerweile ist das Kombinat Süd ein richtiges Kultur- und Kreativzentrum geworden, mit Veranstaltungen, Workshops und kulturellen Angeboten. „In der Kulturkonzeption der Stadt Jena sind wir als Ort, der erhalten werden muss, mit erwähnt,“ freut sich Benny Beyer. Dort heißt es, das Ziel sei die Etablierung des Kombinats Süd als kreativwirtschaftliche Infrastruktur. Dafür unterstütze die Stadt das Coworking Space bei den Verhandlungen mit der Schott AG über eine weitere und erweiterte Nutzung der Räume.

Doch nach sechs Jahren stehen die Zeichen auf Umbruch. Die Zeiss AG hat sich entschlossen auf dem Schottgelände ihren neuen Standort zu entwickeln, eine Art Mini Silicon Valley. So müssen bis Mitte des Jahres alle auf dem Gelände befindlichen Fremdmieter ausgezogen sein. Anstatt mit der nächsten Ausbaustufe von Studios und Werkstätten zu beginnen, muss das Kombinat Süd jetzt erst einmal einen neuen geeigneten Standort finden. Das ist mit erneut hohen Investitionen verbunden. Benny Beyer hofft auf die Unterstützung der Stadt und der Unternehmen Schott und Zeiss bei der Einräumung einer Verlängerung der Mietzeit am alten Standort, bis eine Alternative gefunden und entsprechend den Anforderungen eines Coworking Space umgebaut und bezogen werden kann.

Perspektivisch wünscht sich Benny Beyer für Jena, dass es auch ein richtiges Gründerzentrum für die Kreativwirtschaft gibt. Angelehnt an das TiP Jena für Technologie. Damit würde nicht nur wie bisher allein die Beratung für Kreativunternehmer gefördert werden, sondern auch Produkte und Personal. Dafür bedarf es mehr Aufmerksamkeit für die Kreativbranche. Benny Beyer hat vorgelegt und schafft mit seinem Kombinat Süd mehr Sichtbarkeit.

Text: Michael Krömer

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