Nähe verbindet: Der Branchentag der Thüringer Kreativwirtschaft 2017 im Rückblick

Was verbindet einen mit einem anderen? Warum sollte man sich aufeinander einlassen und dem anderen sogar Handlungsfreiheiten gewähren, die tiefgreifende Auswirkungen auf das eigene Geschäft haben könnten? Diese Fragen stehen sehr oft am Anfang einer Kooperation mit einem Kreativunternehmen. Stimmt die Chemie und spricht man eine gemeinsame Sprache? Auf dem Branchentag der Thüringer Kreativwirtschaft mit angeschlossener Marketingmesse trafen ca. 100 Vertreter der Kreativwirtschaft auf in etwa genauso viele Vertreter anderer Branchen. Eine Begegnung auf Augenhöhe. Es herrschte großes Interesse an den neuesten Entwicklungen und Produktlösungen der dynamischen Querschnittsbranche.

 

Dr. Cordelius Ilgmann

Das Scharnier für den unternehmerischen Erfolg

In diesem Jahr wurde der Fokus des Branchentages auf den Bereich Marketing gelegt. Bildet doch der Werbemarkt das Scharnier zwischen Produzenten und Konsumenten. Man müsse eine Geschichte vermitteln, die gleichwertige Produkte unterscheidbar mache, zitierte Dr. Cordelius Ilgmann, Abteilungsleiter für Wirtschaftspolitik, Tourismus und Digitale Gesellschaft des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft den Bauhaus-Gründer Walter Gropius in seiner Eröffnungsrede. Ein Scharnier zeichnet sich dadurch aus, zwei Dinge fest miteinander zu verbinden und gleichzeitig beweglich zu bleiben. Norman Schulz, Leiter der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) präzisierte: „Manchmal werden aus Kooperationspartnern auch Komplizen. Komplizenschaft braucht Vertrauen und Vertrauen braucht Nähe.“ Damit war der Grundstein für einen erfolgversprechenden Branchentag gelegt. Schließlich lautete das Motto des Tages: “Marketing. Erfolg ist naheliegend.”

 

„Die persönliche Begegnung steht im Mittelpunkt“

Norman Schulz

Thüringer Kreativunternehmer genießen mit ihren Kompetenzen auch außerhalb Mitteldeutschlands einen sehr guten Ruf. „Die Werbebranche erwirtschaftet ihren Umsatz verstärkt außerhalb von Thüringen,“ so Dr. Cordelius Ilgmann, und weiter, „das ist ein gutes Zeichen für die Exportorientiertheit der Unternehmen. Gleichzeitig heißt das wiederum: Im Heimatmarkt gibt es noch Potenziale.“ Darauf zielte auch das Konzept des Branchentages ab. „Gerade in den Zeiten des digitalen Wandels rücken wir bei der THAK die persönliche Begegnung in den Mittelpunkt,“ sagte Norman Schulz. So gliederte sich der Branchentag in drei große Abschnitte, die auch immer wieder Plattformen für den individuellen Austausch und zur Netzwerkverdichtung eröffneten. In der Keynote mit anschließender Podiumsdiskussion wurden die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Agenturen und Kunden durchleuchtet. Es herrschte eine konzentrierte Atmosphäre, denn schnell wurde klar: An diesem Tag wird ernsthaft und aus mehreren Perspektiven über Chancen und Herausforderungen dieser Branche gesprochen. Danach konnten die Besucher an drei parallel stattfindenden Marketingsessions teilnehmen: Projektmanagement, Kurzvorträge zu aktuellen Themen und Trends im Marketing sowie Visuelle Kommunikation in sozialen Medien. Unterfüttert wurde der Vernetzungsgedanke durch auflockernde Kurz-Pitches auf der Bühne zwischen den einzelnen Programmpunkten und die Messe mit Thüringer Kreativunternehmen im großen Saal der IHK Erfurt.

 

Was ist Eure Paradedisziplin?

Matthias Luge, Nadine Reinhold, Heiko Burrack, Dominik Kaiser

So spezifisch die Kundenanforderungen im Zeitalter der Digitalisierung geworden sind, so vielfältig und lösungsorientiert präsentierte sich die Thüringer Agenturszene an diesem Tag. Hier sieht Dr. Ilgmann auch die Chance für die Kreativunternehmer: „Ein Unternehmen kann nicht alle Bereiche der Wertschöpfungskette alleine stemmen. Sie brauchen Kompetenzen von außen, denn die Konzentration auf das Kerngeschäft hat Vorteile.“ Heiko Burrack untermauerte diesen Gedanken in seinem Impulsvortrag: „Keiner glaubt heute noch an eine „Full-Service-Agentur“. Also hebt eure Kernkompetenz und eure Paradedisziplin hervor!“ Der Freiburger Spezialist für New Business von Agenturen hielt den Kreativunternehmern im Atrium des ThEx den Spiegel vor. Praxisnah und gestützt auf seine reichhaltigen Gespräche mit Konzernlenkern, Unternehmern und Agenturen, zeigte er klare Optimierungsfelder aus Kundensicht auf. Anschließend wurde auf dem Podium offen und ehrlich über die Herausforderungen von Kreativunternehmen diskutiert. Neben Heiko Burrack nahmen Dominik Kaiser von Harmonic Drive, Matthias Luge von ART-KON-TOR Kommunikation sowie Nadine Reinhold von LIEBSCHER. Brand building since 1955 Platz. Norman Schulz moderierte die teilweise lebhafte und kontrovers geführte Diskussion, die vom Improtheater “Mensch, Steve!” aus Jena thematisch pointiert flankiert wurde. Das Themenspektrum reichte vom Marketing, über das Pitchen bis hin zu den Nutzungsrechten schöpferischer Leistungen. Aufmerksam hörten die Teilnehmer den fünf Experten zu. Den Anwesenden wurde ein Rüstzeug für ihren Berufsalltag mit an die Hand gegeben und Fallstricke bei der Kundenansprache aufgezeigt. So gab Dominik Kaiser aus Kundensicht wertvolle Tipps für Akquise und Pitches: “Gebt dem Kunden das Gefühl, dass ihr euch mit ihm beschäftigt habt und ihn ein Stück weit kennt. Stellt die richtigen Fragen. Vor allem werft ihm ein paar Brotkrumen hin, anstatt euch direkt mit der kompletten Bäckerei zu präsentieren.“ Heiko Burrack ergänzte: „Entscheider haben keine Lust lange Agenturpräsentationen anzuschauen.“

 

Wer langfristig bestehen will, braucht ein stabiles Netzwerk

Für eine langfristig erfolgreiche Partnerschaft ist Zuhören unabdingbar. Vor allem sollte man mit seinen Dienstleistungen transparent bleiben. Ansonsten wird man schnell unglaubwürdig. Es ist besser als Leadpartner den Gesamtüberblick zu behalten und ein Subunternehmen zu empfehlen, als dem Kunden Kompetenzen vorzutäuschen. Dafür bedarf es eines stabilen Netzwerkes und das zahlt sich aus. Das weiß auch auch Nadine Reinhold: „Täglich gibt es Neuigkeiten bei der Digitalisierung. Wir erweitern deshalb ständig unser Partner-Netzwerk, um auch weiterhin ordentliche Qualität anbieten zu können.“ Im Zeitalter der digitalen Revolution verlangen neue Kundenanforderungen nach neuen Produktlösungen. Hier ist die schöpferische Expertise von Kreativunternehmen gefragt. Das mache den Reiz dieser Branche aus und es erweitere den eigenen Horizont täglich, schwärmte Matthias Luge.

 

Mehr Sichtbarkeit durch Visualisierungen

Davon konnten sich die Besucher auf der Marketingmesse im großen Saal der IHK Erfurt überzeugen. Über zwanzig Aussteller präsentierten dort ihre Produkte und Dienstleistungen. Neben den klassischen PR- und Marketingagenturen, waren vor allem Agenturen mit digitalen Geschäftsmodellen vertreten. Ein Trend auf der Messe waren Lösungen und Strategien für mehr Sichtbarkeit und eine klarere Profilierung des Kunden im digitalen Raum. Dabei wurde der Fokus verstärkt auf Bewegtbild und pointierte Visualisierungen gelegt.

Hier erfüllte die Konzeption des Branchentages die ergebnisorientierte Erwartungshaltung der Teilnehmer. Die einzelnen Module ergänzten sich formal und inhaltlich perfekt. Nachdem zunächst auf dem Podium ein Füllhorn an Handlungsempfehlungen ausgeschüttet wurde und die Menschen danach auf der Messe neue Kontakte knüpfen und bestehende intensivieren konnten, fand in den anschließenden drei Marketingsessions eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis statt. Für ein konzentriertes Arbeiten wurde das Atrium durch eine Trennwand in zwei Räume unterteilt. Im hinteren Bereich stellte Miriam Hamel von Visual Selling den interessierten Teilnehmern aktuelle Methoden für ein effizientes Projektmanagement vor. Auf dem Podium fanden Kurzvorträge zu aktuellen Themen und Trends im Marketing statt. Im Foyer der IHK entwickelte sich ein reger Austausch mit den Experten von Gecko Networks, der Ideenspinnerei und dem KrämerLoft zu Praxisfragen der Visuellen Kommunikation in sozialen Medien.

Das Urteil der Anwesenden über den Branchentag fiel durchweg positiv aus. Wer das Event schon kannte, staunte über die nochmalige Steigerung an Input im Vergleich zum vorangegangenen Branchentag. Wer das erste Mal dabei war, hat jetzt einen neuen Pflichttermin im Jahreskalender. Neben der inhaltlich gelungenen Balance zwischen Unternehmer und Kreativunternehmer, wurde vor allem positiv bewertet, dass beim Branchentag tatsächlich vielversprechende Kontakte geknüpft wurden – Markus Bonk von adhoc Gaming bemerkte, die Veranstaltung habe „einen höheren Mehrwert als viele hochpreisige Fachkongresse“.

Text und Fotos: Michael Krömer

 

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