Crowdfunding – Kreativunternehmer setzen auf neues Finanzierungsmodell

Rückblick auf die konTHAKt #Weimar

Die Alte Notenbank Weimar ist ein geschichtsträchtiger Ort. Von der thüringischen Staatsbank bis zur Dresdner Bank beherbergte das Gebäude im Laufe seiner mehr als hundertjährigen Geschichte mehrere Kreditinstitute. Mittlerweile ist das Haus im Eigentum der Heyge Stiftung und die Räumlichkeiten werden jetzt hauptsächlich für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Wo früher über Finanzen und Kredite verhandelt wurde, wird heute musiziert und getagt. Ein gut gewählter Ort für die konTHAKt #Weimar am 6. Oktober 2016. Die Veranstaltung der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) in Kooperation mit der ThEx Mikrofinanzagentur stand ganz unter dem Motto “Crowdfunding”. Diese Alternative zu herkömmlichen Finanzierungsmodellen hat sich in den vergangenen Jahren als feste Größe zur Teilfinanzierung von Projekten etabliert.
Dort wo vor einiger Zeit noch unter dem Glasdach des Veranstaltungssaals Finanzgeschäfte abgewickelt wurden, berichteten nun die drei Jungunternehmer Felix Bieber, Anja Hauer und Nicole Sennewald sowie Dennis Brüntje, Experte für digitale Geschäftsmodelle, von ihren Erfahrungen mit dieser neuen Form der Finanzierung. Was hat es mit Crowdfunding auf sich? Welche Chancen ergeben sich für Startups und Kreativunternehmer, wenn sie auf die Schwarmfinanzierung setzen? Wie können Gründer und Unternehmer ihre Projekte erfolgreich auf einer der gut vierzig Crowdfunding-Plattformen in Deutschland platzieren?

Dr. Anja Erdmann (THAK) und Markus Meier (ThEx Mikrofinanzagentur)

Praxisnahe Tipps auf Augenhöhe

Anja Erdmann, Branchenexpertin für Vernetzung und Beratung bei der THAK, und Markus Meier, Projektkoordinator und Finanzierungsbegleiter bei der ThEx Mikrofinanzagentur,begrüßten das Publikum an diesem Donnerstagnachmittag und stellten die Podiumsgäste und den Ablauf der konTHAKt #Weimar vor. Nach einem Impulsvortrag vom Experten Dennis Brüntje, erzählte Felix Bieber über seine Erfahrungen mit Crowdfunding zur Finanzierung eines neuen Eisfahrrads für sein Biebereis. Mit seiner dynamischen Art zog er alle sofort in seinen Bann. „Ich mach’s einfach und es wird schon klappen. Ich habe Stück für Stück die Einzelteile des Fahrrads präsentiert und auch den Typen gezeigt, der das Rad zusammenbaut“, erzählte Felix Bieber. Der Jungunternehmer setzte voll auf Storytelling in den sozialen Netzwerken. „Da war immer was auf Facebook und den anderen Plattformen los.“
Schnell war klar, dies wird wieder eine konTHAKt mit praxisnahen Tipps auf Augenhöhe von authentischen Gründern. Das Eis zwischen Podiumsgästen und Publikum war längst gebrochen. Anja Hauer, Geschäftsführerin der Upyama GmbH, einer Onlineplattform für nachhaltige und regionale Konsumprodukte, machte sich nach dem Erfolg auf startnext, der deutschlandweit größten Crowdfunding-Plattform, selbstständig.

„Es gibt Projekte, die müssen zunächst ein Netzwerk aufbauen und Menschen akquirieren. Das war bei mir nicht der Fall. Ich hatte ja schon meine Leute“, so Anja Hauer. Ein Viertel des Kapitals ihres Startups konnte sie über die Crowd finanzieren. Den Hauptanteil hatte sie bereits im Vorfeld direkt von Unternehmern in der Tasche. „Dass daneben noch ein Netzwerk entstanden ist, war ein schöner Nebeneffekt, aber gar nicht das eigentliche Ziel“, freute sich die Jungunternehmerin. Neben der Finanzierung von Projekten ist Crowdfunding vor allem ein Marketing- und Vertriebstool.

pod2Das weiß auch Nicole Sennewald. Sie wird Anfang 2017 das KrämerLoft, ein familienfreundliches Coworking Space in Erfurt, eröffnen. Demnächst wird sie hierfür eine Kampagne starten. „Wir bauen schon seit einem halben Jahr die Fanbase auf, bevor wir mit Crowdfunding starten. Damit die Leute unsere Idee schon kennen und wir nicht bei Null anfangen müssen“, so die Kommunikationsexpertin. „Für unser Vorhaben ist das Crowdfunding auch ein Testlauf. Das Feedback ist jetzt schon sehr positiv, aber kommen die Leute dann auch ins KrämerLoft? Im Crowdfunding sind sie bereit etwas zu geben, so dass es diesen Raum auch geben wird.“

Die Kurzpräsentationen mündeten in ein unmoderiertes Gespräch, bei dem die Podiumsgäste offen und ehrlich über ihre Erlebnisse redeten und den interessierten Zuhörern tiefe Einblicke in ihre Unternehmen gaben. Nach einer kurzen Pause zum Netzwerken und einer Verköstigung von Biebereis nutzte das Publikum die Gelegenheit, die vier Gäste mit Fragen und Empfehlungen für die eigenen Projekte zu löchern.

„Das ganze ist letztendlich eine Kommunikationskampagne.“

Dennis Brüntje

„Die Leute wollen Teil des Projektes sein“, brachte es Dennis Brüntje auf den Punkt. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider. So wurden auf der Crowdfundingplattform startnext, dem Branchenprimus im deutschsprachigen Raum, seit der Gründung im Jahr 2010 bereits über 4.100 Projekte mit einem Gesamtvolumen von über 34 Millionen Euro finanziert. Allein für das Jahr 2016 wird deutschlandweit ein Projektvolumen von 13 Millionen Euro auf knapp 40 Plattformen umgesetzt wird. Diese haben sich meist auf Teilbranchen der Kreativwirtschaft, wie Film, Musik oder Games, oder soziale Projekte spezialisiert.
Der Digital Business Consultant empfahl den aufmerksamen Zuhörern, sich auch genau die passende Plattform für ihr individuelles Projekt auszusuchen. Zunächst solle man sich immer die Kernfrage stellen, warum man das Projekt mache. Ist das geklärt, sollte man sich überlegen, was die Gegenleistungen für die Unterstützer sein können. Auch darf man den Aufwand einer Crowdfunding-Kampagne nicht unterschätzen. Über einen Verlauf von 30 – 90 Tagen muss die Zielgruppe immer wieder mit Neuigkeiten versorgt werden.
Die strategische Kommunikation ist für einen erfolgreichen Projektverlauf entscheidend. „In der Regel gibt es immer einen U-förmigen Verlauf. Zu Beginn kommt Geld durch die Familie und Freunde rein. Die solltet ihr auf jeden Fall dabei haben. In der Mitte kommt das Tal der Tränen. Und am Ende müsst ihr nochmal alle richtig mobilisieren. Dann sollte man auch noch was zu erzählen haben“, weiß Dennis Brüntje aus seinen Untersuchungen.

Video ist das Hauptinstrument für die Kampagne

pub5Das Bewegtbild ist entscheidend. Darüber waren sich alle einig. „Emotional, knackig und auf den Punkt, dann muss das kein Hochglanzvideo sein. Authentisch ist wichtig“, so Anja Hauer. „Ich habe es immer als arrogant empfunden, wenn einer kein Video hatte. Der hat es nicht mal nötig den Leuten zu zeigen, wer er eigentlich ist.“ Bei einem durchschnittlichen Projektvolumen von 8.000 € steht die Partizipation bei den meisten im Vordergrund. „Die Teilhabe motiviert die Leute, weniger die tollen Gutscheine oder die Jagd nach Schnäppchen.“ In der Regel unterstützen die Menschen einzelne Projekte mit Beträgen unter einhundert Euro. So empfiehlt Dennis Brüntje auch, sich nicht mit den Dankeschöns zu übernehmen. Man solle lieber darauf achten, „was sowieso beim Produktionsprozess anfällt. Was ist das eigentliche Ergebnis und dann entscheiden.“

Anja Hauer erinnert sich. „Als Dankeschön hatten wir schöne frische Biokisten gehabt. Die habe ich dann ausgeliefert. Das ist dann schon anstrengend, wenn man drei Tage von A nach B fährt und ausliefert. Andererseits habe ich so auch einmal persönlich meine Unterstützer kennengelernt.“ Für die Jungunternehmerin ist es klar, dass „immer mehr unkonventionelle Ideen kommen werden. pub12Crowdfunding wird das mitgestalten, denn die Banken sind einfach zu konventionell und zu weit weg.“ So war auch das Fazit von Felix Bieber: „Es ist auf jeden Fall spannender als eine Bankfinanzierung und hat wesentlich mehr Spaß gemacht.“

Das Publikum bekam eine Fülle an relevanten und konkreten Tipps für ihre eigenen Projekte mit an die Hand. In gelöster Atmosphäre wurde bei einem Eis im Herbst noch weiter genetzwerkt und Pläne geschmiedet. „Jetzt weiß ich, worauf ich bei Crowdfunding achten muss, und spannende Menschen habe ich auch noch dabei kennengelernt“, fasste ein Teilnehmer die gelungene Veranstaltung zusammen.

 

Text und Fotos: Michael Krömer

 

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